Dornröschen » Blog Archive » Krankenhauspolitik als anschwellendes Durcheinander
Leserkommentare
 
Sponsoren
10. Januar 2009 | Zunehmende Ratlosigkeit am Klinikum

Krankenhauspolitik als anschwellendes Durcheinander

Konstanz (gro) Seit Jahresbeginn gelten an deutschen Krankenhäusern neue, striktere Bestimmungen, auch am Konstanzer Klinikum. Mit den Krankenkassen kann nicht mehr nach den Aufenthaltstagen der Patienten, sondern nur noch nach so genannten Fallpauschalen abgerechnet werden. Die Neuerungen, die sich bereits vor drei Jahren angekündigt hatten, haben in Konstanz nicht zum erhofften Aufbruch geführt, sondern, im Gegenteil, zu einem anschwellenden Durcheinander. Für die jüngste Steigerung dieses Durcheinanders sorgt der fürs Krankenhaus zuständige Dezernent Claus Boldt. Denn er will jetzt erst einmal ein „Expertengremium“ einberufen.

Inkompetenz, Feigheit oder Faulheit

Der Ruf nach neuen Gremien ertönt meist dann, wenn sich die vorhandenen Gremien und Verantwortlichen scheuen, notwendige Entscheidungen zu treffen, sei es wegen Inkompetenz, aus Feigheit oder aus Faulheit. Häufig ist es eine Mischung aus diesen drei Hauptgründen. Obwohl seit zwei Monaten eine umfassende und fachlich überzeugende Analyse des Klinikums vorliegt, die dessen Schwächen und Stärken darlegt, will Bürgermeister Boldt nun ein weiteres „Expertengremium“ zusammenstellen lassen, das die Erkenntnisse des renommierten Deutschen Krankenhausinstituts (DKI) mit angeforderten Stellungnahmen der bisherigen Konstanzer Klinikleitung vergleichen und beurteilen soll.

Ein echter Aufbruch wäre wünschenswert

Die grundlegenden Schwächen des Konstanzer Klinikums sind bekannt. Sie liegen weniger im medizinischen Bereich als in verwaltungstechnischen und organisatorischen Abläufen und Konzepten. Dass ein regelrechter Aufbruch wünschenswert wäre, wurde vom Deutschen Krankenhaus-Institut (Düsseldorf) dargelegt. Die auf Initiative der SPD-Fraktion angefertigte Unternehmensanalyse, die die ökonomischen Schwächen und Stärken des Konstanzer Klinikums herausarbeitet, wurde dem Gemeinderat vor zwei Monaten vorgelegt. Danach muss die Ertragslage des Klinikums entscheidend verbessert werden. Dafür wird ein medizinischer Kordon als nötig erachtet, der sich schützend um das Klinikum legen sollte. Eine solche Vitalisierung könnte aus dem bereits Ende 2006 beschlossenen Medizinischen Versorgungszentrum (vor allem für ambulante Langzeitbehandlungen) entwickelt werden, ergänzt durch ein medizinisches Zentrum niedergelassener Fachärzte, die eng mit dem Klinikum zusammenarbeiten, und durch ein Zentrum für ambulant zu erledigende Operationen.

Eine „Leistungsverdichtung“ ist notwendig

Das „stationäre Kerngeschäft“, so das DKI Düsseldorf weiter, solle konsequent angepasst werden an die neue Abrechungspraxis nach Fallpauschalen. Neben einer allgemeinen „Leistungsverdichtung“ solle sich das Klinikum auf die „Geriatrisierung der Medizin“ ausrichten, sich mit der „Mindestzahlproblematik“ und der „Zentrenbildung“ auseinandersetzen und durch Kooperationen und Verbünde dem verschärften Verdrängungswettbewerb Rechnung tragen. Auch die Umwandlung des so genannten Eigenbetriebs in eine Gesellschaft mit beschränkter Haftung (GmbH) müsse überlegt werden.

Zuständige Gremien zeigen sich durchaus entschlussfreudig

Die zuständigen Gremien haben ihren Auftrag ganz offensichtlich verstanden. Sowohl im Krankenhausausschuss des Gemeinderats als auch im kompletten Stadtparlament kam es im vergangenen Dezember zu klaren Beschlüssen. Die bisherige Führungsspitze des Klinikums sollte sich zurückziehen. Zum 1. Januar sollte ein neuer, kompetenter Manager für die interimistische Leitung gefunden werden. Im Gespräch war unter anderem Ullrich Eidenmüller, 59, ein erfahrener Mann, der in Karlsruhe als Erster Bürgermeister fürs dortige Grossklinikum verantwortlich war und dieses für die modernen Anforderungen umorganisiert hat. Doch daraus wurde überraschend nichts. Immerhin dürfte inzwischen das Inserat für einen neuen Konstanzer Klinikums-Direktor aufgegeben worden sein.

Querelen statt offener Information

Geradezu groteske Züge nahmen die jüngsten kommunalpolitischen Bemühungen an, nachdem die Konstanzer FDP zu einer Informationsveranstaltung eingeladen hatte, bei der das „Pro und Contra einer Krankenhaus-Privatisierung“ im Restaurant „Seerhein“ behandelt werden wird. Andreas Hoffmann, Landtagsabgeordneter der CDU, wies am Tag nach Dreikönig eine Einladung brüsk zurück. Schliesslich würden mit Vertretern der Helios-Kliniken ausschliesslich privat engagierte Fachleute referieren, obwohl das Thema des Abends „Pro und Contra Krankenhaus-Privatisierung“ laute. Auf der anderen Seite versichern die FDP und ihr Stadtrat Heinrich Everke, nichts anderes im Sinn zu haben, als eben Information zu bieten zu einem kontrovers diskutierten Thema. Hoffmann wirft der FDP vor, einen „einseitigen, parteiinteressengeprägten“ Abend veranstalten zu wollen. Der Informationsabend steigt trotzdem wie angekündigt, und zwar im „Seerhein“ am Donnerstag, 14. Januar, um 19 Uhr.

Horst Frank hält sich weitgehend ’raus

Oberbürgermeister Horst Frank hat sich in den letzten Tages des Jahres öffentlich und ausdrücklich zum Erhalt des Klinikums als einer für die Stadt und ihrer Bürgerschaft wesentlichen, kommunalen Einrichtung bekannt. Intern allerdings, so hört man, habe Horst Frank mindestens ebenso oft gesagt, dass er sich in die Krankenhausangelegenheiten nicht einmische und Claus Boldt „machen lasse“. Ob es dabei bleibt, muss abgewartet werden. Im Klinikum, wo die allgemeine Ratlosigkeit weiter zunimmt, hätte man jedenfalls nichts gegen eine kräftige, ordnende Hand.



 Kommentieren    Trackback    Drucken

Noch keine Kommentare

Neuen Kommentar schreiben ...