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28. Januar 2009 | Zum Abschied von Horst Reich

Manche leben länger

Konstanz (gro) Totgesagte leben länger, sagt ein altbekanntes Sprichwort. Horst Reich hat die finale Kunde nur um zwei Jahre überlebt. Damals, im Januar 2007, konnte er in seiner „Katz“ schmunzelnd und höchstpersönlich dem Gerücht entgegentreten, er sei überraschend verstorben. Und ein halbes Jahr später sprang er, der „Katzehorscht“, Gevatter Tod noch einmal von der Schippe und steckte ein „Schlägle“ ohne viel Aufhebens weg. Doch nun hat der dienstälteste Wirt von Konstanz tatsächlich das Zeitliche gesegnet. Horst Reich beging das Ereignis auf seine Weise: Mit einer randvollen „Katz“. Viele Gäste hatten gestern Abend Tränen in den Augen. Doch sie alle waren gekommen, um einer ganz speziellen Anordnung zu folgen, einer Anordnung von ganz oben.

„Bis auf weiteres täglich ab 17 Uhr“

„Entsprechend dem Wunsch von Horst bleibt das Lokal bis auf weiteres täglich ab 17 Uhr geöffnet!“ Genau das hatte Horst Reich auf dem Sterbebett verfügt, wo er sich einer ausufernden Krebserkrankung geschlagen geben musste. Und bei der quasi testamentarischen Anordnung bleibt es, und so steht es auch weiss auf schwarz auf der Tafel links neben dem Eingang des Restaurants in der Konstanzer Katzgasse unterhalb des Münsters. Niemand zweifelt daran, dass der Katzehorscht seine Anordnung überwacht, und zwar von ganz oben. Dass es ferner kaum jemand wagt, die Verfügung zu missachten, wurde am Dienstagabend, am Tag nach dem Ableben Reichs, eindrucksvoll demonstriert: Die „Katz’“ war deutlich besser besucht als an einem normalen Dienstag im Januar und fast so gut wie am Tag vor Aschermittwoch, wenn dort die Fasnacht beerdigt wird.

Einst trafen sich dort Bordsteinschwalben

Horst Reich, ein gebürtiger Freiburger, hatte Konstanz 1965 als Versicherungsvertreter kennengelernt, sich in die Stadt am Bodensee verliebt und drei Jahre später die Kneipe „Zur Katz“ eröffnet. Die „Katz“ war anfangs auch Treffpunkt für so genannte Bordsteinschwalben, die in der nahen Unteren Laube auf zahlende Liebhaber lauerten. Der Horst baute die Kneipe nach und nach aus zu einem Geheimtipp für Gourmets aus nah und fern und wurde zu einer deutlich vernehmbaren, gegenüber kommunalen Behörden auch streitbaren Stimme der Konstanzer Gastronomie.

Saure Leberle und Gänsebraten

Horst Reichs Sauere Leberle mit Bratkartoffeln wurden europaweit berühmt, auch sein Gänsebraten in der Vorweihmachtszeit. Für den Katzehorscht war es Ehrensache, selber in der Küche zu stehen, Gäste und Bar zu umsorgen und zum richtigen Wein zu raten, Zwistigkeiten zu schlichten und Beziehungen einzufädeln, Freundschaften zu festigen und Lebensratschläge zu geben. Kurzum: Horst Reich war ein mustergültiger Wirt – eine humane Gattung, die auszusterben droht.

Kein Grund zu verzweifeln

Es hätte nichts genützt, den Katzehorscht, der das allgemein gültige Pensionsalter mit Ach und Krach erreichte, unter Artenschutz zu stellen. So sehr das womöglich wünschenswert wäre: Diese Art stirbt wahrscheinlich sowieso bald aus. Doch das ist kein Grund zu verzweifeln. Wie es Horst Reich schafft, dass ihm seine Stammgäste auch posthum die Treue halten - das zeigt, dass zu Lebzeiten Totgesagte, wenn sie denn etwas taugten, tatsächlich noch lange leben.



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Ein Kommentar

  1. 1. Wachtmeister

    Ketzerische Frage: Muss man einen Menschen, nur weil er gestorben ist, so über den grünen Klee glorifizieren?

    Seid mir nicht böse, liebe Trauergemeinde, aber wer hinter die Kulissen der Katz geschaut hat, wusste, dass der liebe Katzenhorscht mit etlichen menschlichen Mängeln geschlagen war und, wenigstens ausserhalb seiner Kneipe, bei weitem nicht nur als angenehmer Zeitgenosse wahrgenommen wurde.

    Ich glaube nicht, dass der Tod alles entschuldigt. Ich glaube, ein Nachruf in folgender Art wäre richtiger: Ruhe in Frieden, Horscht, aber ein rechter Saubazi warst Du schon auch!

    Das wäre ehrlicher. Jeder weiss das in Konstanz. Den Horst wirds kaum mehr kratzen. Er fänd es wahrscheinlich sogar besser als die verlogene Schönrederei.

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