Ein verteufelt ähnliches Szenario
Konstanz/Zürich (gro) Nycomed soll verkauft werden, und führende Mitarbeiter des von Zürich aus gesteuerten, aber mit seinem Hauptbetrieb nach wie vor in Konstanz ansässigen Pharmakonzerns sind überzeugt, dass der Eigentumswechsel bereits unter Dach und Fach ist. Das Szenario ähnelt schliesslich verteufelt demjenigen vor gut dreieinhalb Jahren. Damals, im September 2006, hiess die Firma noch Altana Pharma. Auch damals war von einem bevorstehenden Verkauf erst die Rede, als er schon perfekt war; auch damals waren erste Quellen für die Neuigkeit das Wall Street Journal Europe und die Financial Times Deutschland, und damals wie heute war die New Yorker Investmentbank Goldman Sachs damit beauftragt worden, für das Konstanzer Pharmaunternehmen einen Käufer zu finden.
Sagenhafte 10 Milliarden sollen es sein
Neu allerdings sind anscheinend die Preisvorstellungen. Vor dreieinhalb Jahren liess sich die Altana AG ihre Konstanzer Pharmasparte noch für knapp 4,5 Milliarden Euro abhandeln. Jetzt ist von sagenhaften 10 Milliarden Euro die Rede. Insider verweisen darauf, dass das Unternehmen in den vergangenen drei Jahren enorm gewachsen sei, vor allem was ihr Vertriebsgebiet angehe, zu dem Nycomed als neues Schwergewicht Russland und dessen föderierte Nachbarstaaten beigesteuert habe. Ausserdem sei durch eine weltweite Personalreduzierung die Produktivität gesteigert worden.
Neue grosse Umsatzbringer nach wie vor nicht in Sicht
Trotzdem wird eine Preisvorstellung von 10 Milliarden Euro als “überrissen” beurteilt. Schliesslich, so heisst es in Pharmakreisen weiter, werde „die Erlössituation“ durch das Auslaufen von Patenten für den Hauptumsatzbringer Pantoprazol, ein weltweit erfolgreiches Magen-Darm-Medikament, das nun von der Konkurrenz vermehrt nachgeahmt wird, „zunehmend beeinträchtigt“. Ausserdem sei die Präsenz in den USA, dem grössten Pharmamarkt der Welt, zurückgefahren worden. Neue Hoffnungsträger wie das Atemwegsmedikament Daxas, seien noch weit entfernt davon, neue grosse Umsatzbringer zu werden.
Goldman Sachs ist selber auf Einkaufstour
Eigentümer von Nycomed sind private Grossinvestoren, zu 41 Prozent Nordic Capital und an zweiter Stelle, mit 25,1 Prozent, die Investmentsparte der Crédit Suisse. Die mit dem Verkauf betreute New Yorker Investmentbank Goldman Sachs ist zur Zeit selber auf Einkaufstour. Sie interessiert sich für die Investmentsparte der Londoner Barclays Bank. Angeblich soll Goldman Sachs dafür 4,8 Milliarden Euro angeboten haben. Die Provision für den Verkauf von Nycomed dürfte da gerade recht kommen.
80 Milliarden Dollar für die marode AIG
Chef von Goldman Sachs ist Lloyd Craig Blankfein. Er hat mit seinem Vorgänger, dem vom damaligen Präsident Georges W. Bush 2006 zum US-Finanzminister berufenen Henry M. Paulson, massgeblich dafür gesorgt, dass der weltweit engagierte US-amerikanische Versicherungskonzern namens American International Group (AIG), vor dem Zusammenbrechen bewahrt wurde. Der Finanzkonzern Goldman Sachs hat selber schätzungsweise 80 Milliarden US-Dollar zur Rettung von AIG beigetragen. Goldman Sachs, die Bank, die 1869 von dem aus Unterfranken stammenden Juden Marcus Goldman gegründet wurde, ist nicht nur eine der ältesten Investmentbanken der Welt; die New Yorker Bank wird auch bis heute, trotz der Finanzkrise, als ziemlich gesundes Unternehmen angesehen.
Nycomed in den besten Händen
So gesehen dürfte Nycomed, das Kind von aktuell sehr kapitalbedürftigen Investoren aus Skandinavien und der Schweiz, bei Goldman Sachs in den besten Händen sein. Ob sich das letzten Endes auch positiv für die Beschäftigten auswirkt, muss sich erst noch zeigen. Der alleroberste Mitarbeiter der Firma, Hakan Björklund, dürfte seine Hauptaufgabe, den 2006 erworbenen Pharmakonzern möglichst profitabel weiter zu verkaufen, jedenfalls bald erfüllt haben.
Übernahmefieber in der Pharmabranche
Trotz der Wirtschaftskrise hat sich in der Pharmabranche ein regelrechtes Übernahmefieber entwickelt. Vor 15 Tagen wurde bekannt, dass der US-Konzern Merck & Co. für stattliche 41 Milliarden Dollar den Konkurrenten Schering-Plough erwerben wird. Und Pfizer, das weltgrösste Pharmaunternehmen, kündigte vergangenen Monat an, für 68 Milliarden Dollar dem Pharmariesen Weyth zu übernehmen. Die Nycomed-Gesellschafter favorisieren Berichten zufolge einen Komplettverkauf ihres Unternehmens. Vergangenes Jahr gab es bei Nycomed einen leichten Umsatz- und Gewinnrückgang. Ende Dezember 2008 hatte das Unternehmen rund 4,3 Milliarden Euro Schulden und verfügte über liquide Mittel in Höhe von 500 Millionen Euro.
Knapp 2000 Mitarbeiter in Konstanz und Singen
Nycomed ist in 100 Ländern vertreten und hat aktuell weltweit rund 12.000 Mitarbeiter. Das Hauptquartier liegt seit Anfang 2007 am Flughafen Zürich-Kloten. Im Kreis Konstanz arbeiten bei Nycomed knapp 2000 Menschen, gut 800 in Singen und 1120 in Konstanz, wo es drei Jahre zuvor noch knapp 2000 Beschäftigte waren. Dass Nycomed nach einer Phase des Personalabbaus weiter verkauft würde, war kein Geheimnis. Dass ein Verkauf demnächst sehr wahrscheinlich sei, war in dornroeschen.nu bereits am 17. November des vergangenen Jahres gemeldet worden.








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