Verkehr: Urbanes Ausrufezeichen
Konstanz (wak) Es wäre nur ein kleiner Schritt für Bürgermeister Kurt Werner und Verkehrsplaner aber ein großer für die Stadt. Konstanz plant eine Revolution, die größte seit der Schwerlastverkehr über die neue Rheinbrücke direkt in die Schweiz rollt (und nicht mehr über die Laube) und Fahrradfahrer ihre eigene Brücke über den Rhein bekommen haben (und keine Fußgängerfähre mehr zwischen der Niederburg und Petershausen pendelt). Schon ab 2011 könnten sich Autos, Busse, Radfahrer und Fußgänger die Bahnhofsmeile als Ganzes teilen. Es gebe keine Markierungen mehr. Am Bahnhof entstünde ein neuer urbaner Platz.
Totaler Verzicht auf Spuren
Konstanz plant auf einer Strecke von knapp einem halben Kilometer eine Begegnungszone, einen Mischverkehr, mit Verzicht auf Spurmarkierungen, Ampeln, Schilder und Bürgersteige. Die erlaubte Höchstgeschwindigkeit läge für alle Verkehrsteilnehmer bei Tempo 20. Am Fischmarkt und in der Bodanstraße würden Autos in der so genannten Übergangszone auf Tempo 30 herunter gebremst.
Mehr Sicherheit miteinander
Im Bereich Bahnhof entstünde eine neue Aufenthaltszone, ein Platz mit urbanem Charakter, auf dem sich Fußgänger und Radfahrer nach Überzeugung der Verkehrsplaner sicherer als heute bewegen könnten. In den kommenden acht bis zehn Wochen will die Stadt über die Umgestaltung des Verkehrsbereichs mit Anwohnern und Interessengruppen diskutieren. Dann erst wird der Gemeinderat über Alternativen entscheiden. Vom Tisch ist bereits ein so genannter Shared Space. Shared Space hätte bedeutet, dass die Öffentlichkeit die Begegnungszone aktiv mit plant und sich Anwohner in Workshops beteiligen.
Behinderte sind skeptisch
Bedenken gegen eine Begegungszone wie es sie in der Schweiz oder auch in Neu-Ulm gibt äußerten bislang Sprecher Behinderter. Für Menschen mit Handicaps - wie für Gehörlose und Blinde - könnte ein einziger Verkehrsraum ohne Markierungen, den sich alle Verkehrsteilnehmer miteinander teilen, weniger Sicherheit bedeuten. Behinderte Menschen sind in oft ihrer sinnlichen Wahrnehmung beeinträchtigt und sie können auch weniger gut - zum Beispiel durch Augenkontakt - kommunizieren.
Vorteile für Radfahrer
Dass es für die Begegnungszone eine Mehrheit im Gemeinderat gibt, ist wahrscheinlich. Das hat am Donnerstag Abend ein Meinungsbild im TUA gezeigt. Stadtrat Alexander Fecker (CDU) sagte, statt bisher 12.400 Fahrzeugen würden nur 9.400 durch eine Begegnungszone am Bahnhof fahren. Bisher gilt dort noch Tempo 50. Allerdings, so Verkehrsplaner Christoph Menzel, würde die Begegnungszone die Laube mit 3.000 Fahrzeugen zusätzlich belasten. Jürgen Ruff (SPD) sprach sich dafür aus, den neuen Verkehrsplatz mit und nicht gegen die Konstanzer zu beschließen. Das innovative verkehrspolitische Konzept habe nur Erfolg, wenn die Bürger frühzeitig in die Planung für die Mischverkehrsfläche einbezogen würden, heißt es in einem Antrag der SPD. Anne Mühlhäußer (Grüne) sagte, der neue Verkehrsraum könnte die Situation der Radfahrer verbessern. Bisher endet der Radweg in der Konzilstraße. Viele Radfahrer stellen ihre Räder auf der Marktstätte ab und laufen dann wie viele andere Fußgänger, die es eilig haben, kreuz und quer über die Straße zum Bahnhof. Skeptischer war Regine Rebmann (Freie Wähler): Sie wollte wissen, ob die Konstanzer Parkhäuser ab 2010 oder 2011 etwa nur noch über die Begegnungszonen und Tempo 30 Übergangszonen zu erreichen seien.
Bildungsreise nach Neu-Ulm
Antworten auf viele Fragen finden sich schon in einer 166 Seiten dicken Studie der TU Kaiserslautern, die bereits dem Baubürgermeister und der Verwaltung und demnächst auch den Fraktionen des Gemeinderats vorliegt. Voraussichtlich werden die Räte, bevor sie sich ans städtische Ausrufezeichen wagen, den Zentralplatz in Biel oder die Neue Mitte in Neu-Ulm besichtigen, wo es bereits Begegnungszonen gibt. Foto: Frieder Schindele | TMW
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Hat nicht der Test vor einigen Monaten gezeigt, dass eine Begegnungszohne auch in Konstanz machbar ist?
Zeigen nicht die vielen Menschen, die schon jetzt die Straße kreuz und quer nutzen,
dass es dringend notwendig ist.
Nun sagt der Bürger mit dem Fuße was er will und noch immer wird für viel Geld untersucht und gereist.
Klar darf die Sicherheit nicht hinten an stehen, aber wenn es doch in anderen Städten geht, wieso nicht auch bei uns in Konstanz ?
Sind die Konstanzer so….
Wolfgang Becker; KN-Ddf, 20.09.2009
Den Versuch finde ich gewagt, aber man sollte es ausprobieren.Andererseits finde ich entgegen der “Experten”Meinungen einen Ringverkehr in einer Richtung besser.Es gäbe eine Busspur, einen Radweg und vielleicht würden noch ein paar Anwohnerparkplätze dabei rausspringen.
Warum ist eigentlich keine Mixed Zone für Radfahrer und Fussgänger in der Fussgängerzone machbar?
Sollte das für den Bahnhofsplatz geplante Verkehrskonzept tatsächlich eine Revolution bedeuten, so wäre dies jedenfalls eine sehr konschdanzerische: Ob Automobilist oder Fußgänger, ob Radler oder Rollifahrer, man will es allen recht machen und alle unter einen Hut bringen. Kein Wunder, dass auch die Medien voll des Lobes sind.
Doch erinnern wir uns: In einem früheren Verkehrsentwicklungsplan, der noch nichts von Sealife, Lago und Kongresshaus wusste, war hier eine Fußgängerzone vorgesehen. Aus Fußgängersicht ist die aktuelle Planung also ein Schritt rückwärts.
Und um den „shared space“ zu erleben, muss der Gemeinderat nicht nach Neu-Ulm oder in die Niederlande fahren. Wir haben in heute schon vor Ort. Bei der Erschließung des Cherisy-Areals verzichtete die Stadt in den 80ern auf Bürgersteige. Vom LKW bis zum Kinderwagen, alle sollten sich den schnurgeraden Straßenraum teilen. Ergebnis ist ein Straßenkampf nach dem Recht des Stärkeren. Welcher Lieferservice (”Zeit ist Geld”) möchte sich schon an die vorgeschriebene Schrittgeschwindigkeit halten?
Vor ein paar Tagen habe ich noch gedacht, daß die Bewegungszonen nur Chaos und zumind. blaue Flecken verursachen wird und daß mind. 50% der Autofahrer zur Risiko-Minimierung auf die Laube ausweichen werden.
Da KN aber Grenzstadt ist, dürfte es aber doch von den vielen CH-Autos und der Sachlichkeit, Zurückhaltung, Vorsicht und Bedächtigkeit ihrer südlichen Nachbarn profitieren, so daß diese Zone doch nicht Gegenstand für Konflikt-Forscher und -Schlichter wird.
Daß meine Skepsis in Euphorie umgeschlagen ist, wurde durch folgenden Online-Artikel veranlasst; bei den Gesprächen können KNer tiefsinnig den CH-Gästen erläutern, was so besonders in KN im Vergleich zu Rest-D ist.
Wie lebt es sich im grossen Kanton?
Was erleben eigentlich Schweizer (in) Deutschland?
http://www.thurgauerzeitung.ch/ausland/dossier/deutschland-im-wahlkampf/Wie-lebt-es-sich-im-grossen-Kanton/story/13940263