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23. Dezember 2009 | Ausgerechnet in der Winterzeit

Dem Südkurier droht der Mantel abhanden zu kommen

Konstanz (gro) Sinkende Auflage, wegbrechende Anzeigenerlöse, aber anhaltend hohe Kosten: Das Südkurier-Medienhaus droht seinen Nimbus als gewinnträchtige Tochter der Verlagsgruppe Georg von Holtzbrinck zu verlieren. Mit Rainer Wiesner, 45, hat die Konstanzer Tochtergesellschaft des Stuttgarter Medienkonzerns zwar einen innovationsfreudigen Anführer. Doch auch dieser aufgeschlossene Ökonom sieht nun offensichtlich keinen anderen Ausweg, als dem Flaggschiff des Medienhauses, dem 1945 gegründeten Südkurier, eine einschneidende Schlankheitskur zu verpassen: Ausgerechnet zur Winterzeit wird bekannt, dass der Heimatzeitung demnächst der eigene Mantel abhanden kommen könnte. Mittelfristig dürften damit gut 40 Arbeitsplätze zur Disposition stehen.

Anderswo ist der Sparkurs schon durchgesetzt

Schöne Bescherung für die im Konstanzer Stadtteil Oberlohn residierende Zentralredaktion des „Südkurier“: Der bundes- und landespolitische Teil der Zeitung, der dort in täglicher Arbeit hergestellt wird, auch der Wirtschaftsteil, das überregionale Feuilleton und die Wochenendbeilage, dazu die beliebte Klatschseite “Leute” oder auch “Click!” und Extraseiten zu Sonderthemen, könnten künftig auswärts eingekauft, der in Konstanz erscheinenden Zeitung angepasst sowie vor- und zugeschaltet werden. Anderswo in Deutschland ist das, was dem „Südkurier“ blüht, stellenweise schon durchgesetzt worden.

Die Kosten der Informationsbeschaffung

Den Hintergrund für diese Entwicklung bilden die weltweite Wirtschaftskrise und das anhaltende Wachstum des Online-Sektors. In ihrem Zusammenwirken sorgen beide Komponenten für einen teilweise vernichtenden Rückgang der Einnahmen bei den gedruckten Medien. Der „Südkurier“ gehört zwar zu den Vorreitern des Online-Angebots bei Tageszeitungen und ist heute, wie Rainer Wiesner anmerkt, in Baden-Württemberg „noch vor der Stuttgarter Zeitung“ das Online-Portal mit den meisten Zugriffen. Auch kann Wiesner darauf aufmerksam machen, dass das gebündelte Angebot des „Südkurier“ lückenlos alle relevanten Altersgruppen erreicht: die jüngeren Leser via Internet, die älteren mit der in knapp 150.000 Exemplaren gedruckten Zeitung aus Papier. Doch das hilft nicht darüber hinweg, dass für die online verbreiteten Informationen bislang nichts verlangt werden kann – obwohl sie genau so teuer beschafft und aufbereitet werden müssen wie die gedruckten.


„Leser bezahlen immer mehr für immer weniger“

Das Fatale an dieser Entwicklung, so sehen es die „Spiegel“-Autoren Markus Brauck und isabell Hülsen, ist, dass die Zeitungsverleger versuchen, aus der Not eine Tugend zu formulieren: „Die Leser sollen nicht merken, dass sie immer mehr für immer weniger bezahlen“ („Der Spiegel“ 50/2009 unter dem Titel “Die Qualitäts-Lüge”). Dass dies auch den Lesern des „Südkurier“ blühen kann, wurde in der jüngsten Betriebsversammlung des Medienhauses am Donnerstag der vorvergangenen Woche deutlich, als Rainer Wiesner sagte, Mitte des kommenden Jahres komme womöglich „die Eigenproduktion des ,Südkurier‘ auf den Prüfstand“.

Sinkende Haushaltsabdeckng mit Abonnements

Anlass für die Überprüfung ist unter anderem, wie Wiesner in der neuesten Ausgabe der hausinternen „Medienhaus-Nachrichten“ (4/2009 vom gestrigen Dienstag) einräumt, dass der Grossdiscounter Aldi 2010 im „Südkurier“ keine Anzeigen mehr schalten will. Der Millionenverlust, so heisst es in informierten Kreisen des „Südkurier“, habe seine Ursache darin, dass die Haushaltsabdeckung des „Südkurier“ (prozentualer Anteil von Abonnnements an den gesamten Haushalten des Verbreitungsgebiets) unter 45 Prozent gesunken sei.

Verleger wollen dem Schwund gemeinsam begegnen

Angesichts der Tatsache, dass die meisten anderen Tageszeitungen Baden-Württembergs mit ähnlich lahmenden Abonnementszahlen, mit sinkenden Erträgen und anhaltenden Kosten zu kämpfen haben, ist es auf Verbandsebene längst zu Überlegungen gekommen, wie dem Schwund am besten zu begegnen wäre. Eine Einsparungsmöglichkeit („Synergieleistung“) sieht man auch beim Verband der Südwestdeutschen Zeitungsverleger unter anderem in der Bildung eines redaktionellen Pools, der für mehrere Zeitungen den so genannten Mantel herstellen könnte. Sogar mit der „Schwäbischen Zeitung“, so hört man, sei es deswegen immerhin zu Vorgesprächen gekommen.

Selbst weit entfernte Zeitungen arbeiten eng zusammen

Bei der „Westdeutschen Allgemeinen Zeitung“ („WAZ“), dem grössten deutschen Verbund von Tageszeitungen, sind in den vergangenen Jahren etliche Redaktionen zusammen gelegt worden. Auch die „Frankfurter Rundschau“ und die „Berliner Zeitung“, die beide dem Kölner Verleger Konstantin Neven DuMont gehören, kooperieren neuerdings eng auf redaktionellem Gebiet. Der “Schwarzwälder Bote“ lässt sich den Mantel seit Jahren von den „Stuttgarter Nachrichten“ liefern, und wenn die deutschen Kartellwächter nicht so pingelig wären, würden wohl noch sehr viel mehr deutsche Tageszeitungen zusammenspannen.

Dirk Ippen setzt auf die Zeitung als Solidarsystem

Ganz anders dagegen der erfolgreiche Verleger Dirk Ippen, der es mit seinen Tageszeitungen (unter anderem „Münchner Merkur“ und „Hessische/Niedersächische Allgemeine“) auf 1 Million Exemplare pro Tag bringt. Er setzt auf Vollredaktionen, die allerdings noch viel konsequenter als es der „Südkurier“ tut, auf Regionalität von der ersten Seite an setzen. Laut dem erwähnten „Spiegel“-Report ist Ippen überzeugt davon, dass es der Leser (wohl auch unbewusst) spürt, wenn die Zeitung wirklich für ihn, den Leser der betreffenden Region, gemacht wird. Die Zeitungen sind laut Ippen „Solidarsysteme“; der Leser müsse sich mit ihnen identifizieren können. Und das gilt offensichtlich nicht nur fürs Lokale und Regionale, sondern für die gesamte Ausgabe.

Rainer Wiesner: Volle Kraft voraus fürs Reginonale

Rainer Wiesner, der 1996 zum „Südkurier“ kam und das Medienhaus zu einem breit gefächerten Dienstleistungsunternehmen mit heute insgesamt 650 fest angestellten Mitarbeitern ausgebaut hat, verweist lieber auf allfällige Vorteile eines eingekauften journalistischen Mantels: Dadurch würden Kräfte frei, die der regionalen und lokalen Arbeit dienen könnten. Doch wo, so fragen sich Zeitungsleute, bleibt dann die Kosteneinsparung? Mit besseren Anzeigenerlösen auf lokaler Ebene ist kaum zu rechnen. Die traditionell eher verbindlich artikulierende Heimatzeitung würde mit einer fedrig frechen Art der Berichterstattung zwar auf die wachsende Zuneigung der Leerschaft zählen können, kaum aber auf das Wohlwollen der Anzeigenkunden.

Keine Spur von Interesse oder aufgeweckter Streitlust

Wie sehr die Anzeigenkunden der Heimatzeitung daran gewöhnt worden sind, gut behandelt zu werden, zeigte sich unlängst, als die Konstanzer Lokalredaktion Differenzen zwischen den Bürgermeistern Claus Boldt, Kurt Werner und dem Oberbürgermeister Horst Frank aufs Korn nahm. Das Stadtoberhaupt, so musste Rainer Wiesner erleben, reagierte keineswegs mit aufgewecktem Interesse oder lebhafter Streitlust, sondern hundsnormal wie ein typisch beleidigter Anzeigenkunde – und drohte mit dem Entzug „Amtlicher Bekanntmachungen“. In einem solchen Klima, das hat auch Wiesner gespürt, ist gar nicht gut Zeitung zu machen. Insofern allerdings wäre Verstärkung fürs Lokale und/oder Regionale der Heimatzeitung, von woher auch immer, in der Tat hochwillkommen. Bild: FS | TMW



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5 Kommentare

  1. 1. Bodenseepeter

    Ich lese: “Hintergrund für diese Entwicklung bilden die weltweite Wirtschaftskrise”.

    Also bitte… auch ohne Wirtschaftskriese nehmen Anzeigenerlöse auf Papier zuverlässig ab und verlagern sich ins Web. Wer, wie die meisten Zeitungsverlage, davor die Augen verschließt, der darf sich nicht wundern, wenn er in ein paar Jahren mausetot ist.

    Ein einziger Blick auf suedkurier.de zeigt doch, wie wenig der Verlag bis heute das Web verstanden hat. Und warum er keine Zukunft hat.

    Und einfach nur über Google zu schimpfen, wie Zeitungsverlage es so gerne tun, lenkt davon ab, wie viele Jahre die Zeitungsverlage jede Innovation verschlafen haben.

    Chance verpasst. Dicke und unbewegliche Dinosaurier sterben aus. Siehe zB http://www.youtube.com/watch?v=6ILQrUrEWe8

  2. 2. Nabholz

    Der Südkurier sollte wirklich mal wieder den Schwerpunkt auf “Heimat”legen.Den überregionalen Teil liest eh kein Mensch und kostet unnötig Geld.Der Leser will wissen was in der Region los ist, weil das kriegt er nicht im TV, Web( vielleicht eingeschränkt ja) oder sonst wo. Da muss eine Heimatzeitung ansetzen!

  3. 3. b09s | http://www.twitter.com/b09s

    Danke für den gut recherchierten und geschriebenen Artikel, habe ihn sofort getwittert. Auch das Video, ich kannte es noch nicht!

    Wie ich schon 1 Minute nach Veröffentlichung in diesem Blog auf ihn gestoßen bin? Ganz einfach: Über meine beiden Twitter-Accounts, über Readtwit und Google-Reader auf meinem Android-Phone G1. So lese ich auch den Südkurier, denn es ist eine furchtbare Qual, im Roten Arnold eine Zeitung lesen zu wollen (Fahrzeit einfach: 30 Minuten). Ich empfehle übrigens, den ALDI-Newsletter zu abonnieren, es lohnt sich.

    Zeitungen zu beschimpfen macht aus meiner Sicht keinen Sinn mehr, außer den, die Verzweiflung der Zeitungsmacher weiter zu steigern. Denn es gibt keine Lösung außer der, Zeitung komplett neu zu erfinden, alle anderen sind dem sicheren Untergang geweiht. Die Welt aber, auch unsere Demokratie, werden ohne gedruckte Zeitungen überleben.

    Der Rückzug auf Heimat-Nachrichten ist meines Erachtens keine Lösung. Die einzige Lösung ist, Journalisten gut auszubilden, gut zu bezahlen, gut recherchieren und berichten zu lassen und Leser wie mich dafür gutes Geld zahlen zu lassen. Ich habe es, der Südkurier will es nicht. Ich habe zwei überregionale Tageszeitungen abonniert (FAZ morgens, taz mittags) und werde obendrein fürs Lesen bezahlt (was für ein Privileg!). Nur hat mir bis heute noch kein Zeitungsverlag das Angebot seines Lebens gemacht: Den digitalen Newspaper-Reader, Format A4, vielfarbig, unter 100 Gramm leicht, mit Inhalten, die ich selber konfiguriere.

    Südkurier, du hast die falschen Berater.

    Die Krise von Politik und Medien hängen unmittelbar zusammen. Ich freue mich, noch so jung zu sein, dass ich ihre Transformation erleben darf.

  4. 4. b09s | http://www.twitter.com/b09s

    Ohgott, mein letzter Absatz… soll heißen:

    Die Krise von Politik und Medien ist ein und dieselbe. Ich freue mich, noch so jung zu sein, dass ich ihre Transformation erleben darf.

    Amen.

  5. 5. oschgeige

    Südkurier????
    Was sollen die in der Provinz den schreiben???
    Die tägliche auf die Fresseklopperei im Industriegebiet?
    Hier is halt nix los…………….
    Die können froh sein, dass es hier keine “20 Minuten” gibt.
    Sonst wär in 20 Tagen der Laden dicht!

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