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12. Januar 2010 | Geheimsache Konstanzer Konzert- und Kongresshaus

Kommt die 08/15-Architektur?

Konstanz (wak/gro) Das Konzert- und Kongresshaus ist das größte Projekt, das Konstanz in den kommenden Jahren stemmen will. Am Donnerstag dieser Woche fällt eine weitere, wichtige Entscheidung in dieser Angelegenheit: Eine sogenannte Beurteilungskommission wird sich hinter verschlossenen Türen für einen von zwei noch verbliebenen Entwürfen entscheiden. Ein Entwurf stammt mutmaßlich von einem Stuttgarter Planungsbüro, der andere von Vorarlberger Architekten. Einen öffentlichen Diskurs über die Qualität der Architektur hat es nicht gegeben; ein öffentlicher Wettbewerb fand nicht statt. Auch unter dem Eindruck dieses Ablaufs wurde die abschliessende Befragung der Bürgerschaft, die Abhaltung eines Bürgerentscheids, vom Gemeinderat beschlossen.

Ästhetik oder 08/15-Architektur?

Wie viel Qualität die Konstanzer für eine Investitionssumme von 48 Millionen Euro bekommen können, ist der Bürgerschaft bislang weitgehend vorenthalten worden, dies allerdings zwangsläufig, weil das gewählte Verfahren weitestgehende Diskretioin verlangt. Offenbar sind derzeit noch zwei Bietergruppen im Rennen. Dass eine 08/15-Architektur am Ende über die Ziellinie geht, ist nicht auszuschließen. Die Bürgerinnen und Bürger, die ansonsten freimütig über Dachgaupen, die Beschaffenheit von Pflastersteinen oder schützenswerte Flora und Fauna im Hockgrabenbach informiert werden, müssen sich allein auf das Geschmacksurteil einer nicht öffentlich tagenden Beurteilungskommission verlassen (in der allerdings hervorragende Fachleute sitzen).

Bauen auf Pump mit 35 Millionen Euro Kredit

Die Konstanzer wissen immerhin: Wenn das Konzert- und Kongresszentrum kommt, wird es teuer. Die Stadt will das Großprojekt auf dem Gelände Klein Venedig mit Hilfe eines Kredits in Höhe von 35 Millionen Euro finanzieren. Anschließend bezahlt sie für Zins und Tilgung sowie für einen Betriebskostenzuschuss jährlich 2,6 Millionen Euro. Den Konstanzer Oberbürgermeister Horst Frank scheinen die Millionenausgaben nicht zu schrecken, während Stadtoberhäupter anderswo aufgrund weggebrochener Einnahmen längst laut darüber nachdenken, wie viele Straßenleuchten sie abschalten oder wie viele Krippenplätze sie noch finanzieren können. In Überlingen hat die Stadt gar die Bevölkerung um Sparvorschläge gebeten: Sie soll eigene Vorschläge machen und sie an sparkommission@ueberlingen.de mailen.

Die Mehrheit allein reicht beim Bürgerentscheid nicht

Ob die Taktik von Gemeinderat und Stadtverwaltung aufgeht, das Konzert- und Kongresszentrum während der Planungsphase über weite Strecken als Verschlusssache zu behandeln, dürfte sich im März zeigen. Bei einem Bürgerentscheid sollen die Konstanzer dann darüber abstimmen, ob sie das Projekt, wie es ihnen die Stadt für Klein Venedig präsentiert, wollen oder nicht. Über den Standort, die Funktionalität und die Architektur der Halle kann im Bürgerentscheid nicht befunden werden. Wenn deswegen womöglich viele Wahlberechtigte frustriert zu Hause bleiben, dürfte noch nicht einmal das nötige Quorum von 25 Prozent erreicht werden, und der Bürgerentscheid könnte ausgehen wie das Hornberger Schießen, das mit großen Getöse angekündigt wurde, aber im Sande verlief. Massgeblich ist ein Bürgerentscheid in Baden-Württemberg nur dann, wenn fürs Ja oder Nein eine Mehrheit herauskommt und wenn diese Mehrheit auch mindestens ein Viertel der Wahlberechtigten ausmacht. Stadtverwaltung und Gemeinderat haben sich für das beschriebene, interne Investitions- und Ausschreibungsverfahren entschieden, um den Kostenrahmen besser festschreiben zu können und um Zeit zu sparen: Wenn alles glatt geht, kann das Projekt bis zum Beginn des Jubiläums 600 Jahre Konstanzer Konzil (ab 2014) verwirklicht sein.

Stadt startet Wettbewerb mit Newsletter

Dass der Wettbewerb um die Zustimmung zu dem Projekt bereits begonnen hat und die Stadt längst in einem Newsletter zum Konzert- und Kongresshaus auf ihrer Hompage informiert, dürfte den meisten Konstanzern noch gar nicht aufgefallen sein. Noch kein Gehör verschafft haben sich in neuerer Zeit dagegen die Gegner: Alle, die lieber die Grünfläche auf Klein Venedig und einen Platz für Veranstaltungen direkt am See behalten würden, haben sich bisher zurückgehalten. Auch die Bewohner Stadelhofens und alle jene, die einen Verkehrsinfarkt befürchten (was Fachleute aber als unzutreffend bezeichnen).

Andere Standorte nicht mehr im Gespräch

Beiseite lässt die Stadt, dass es zumindest theoretisch noch immer mehrere mögliche Standorte für ein Konzert- und Kongresshaus gibt. Der frühere Baubürgermeister Volker Fouquet hatte einst Klein Venedig, den Seerhein und Büdingen analysieren lassen. Nicht alles sprach damals gegen Klein Venedig, große Vorteile hätte nach Fouquets Meinung der Standort Seerhein gehabt, was aber von der Gemeinderatsmehrheit anders gesehen wurde. Noch einmal nachdenken und abwägen durften die Konstanzer nicht. Die Standortdebatte wurde nach einschlägigen Gutachten, die sich eindeutig für Klein Venedig aussprachen, vom Gemeinderat mehrfach für beendet erklärt.

Alternativer Standort Seerhein

Manche meinen, trotzdem sei es für eine Lösung am Seerhein nicht zu spät. Zwar gehört der Stadt - anders als im Falle Klein Venedig - das Gelände von Great Lakes nicht. Das Baufenster ist aber noch offen. Die Industriebrache, auf der ein Hotel entstehen soll, ist noch nicht bebaut. Möglicherweise könnte die Stadt auch der Baugesellschaft Doser + Partner, der das Gelände gehört, noch immer einen Grundstückstausch vorschlagen. Was fehle, so sagen die Befürworter dieses Standorts, ist der politische Wille.

Luftlinie wenige hundert Meter zum Münster

Auch der Standort Seerhein, der eher in der geografischen Mitte der Stadt liegt, hätte, ganz abgesehen von der Verkehrsanbindung, viel Charme: Das Konzert- und Kongresszentrum liege auch dort am Wasser. Der Blick in Richtung Konstanzer Trichter und auf die Silhouette der Stadt wäre frei. Bis zum Münsterturm seien es vom Seerhein per Luftlinie nur wenige hundert Meter. Die Altstadt wäre zu Fuß zu erreichen. Die Wege in die Stadt sind kurz.

Keine Popkonzerte fürs junge Konstanz?

Skeptiker fragen sich, welche Kongresse denn in Konstanz, die mit Kloten einen internationalen Flughafen samt Zugverbindung vor der Tür hat,  stattfinden könnten. Mit Platz für maximal 1200 Besucher ist das Konzert- und Kongresshaus auf Klein Venedig gleichzeitig zu klein und zu groß. Die größeren Events werden denn auch weiterhin in Freiburg oder Friedrichshafen stattfinden müssen. In Freiburg passen knapp 1800 Zuschauer ins bestuhlte Konzerthaus. Das reicht für Eckart von Hirschhausen oder Max Raabe. „Wetten, dass…?“ würde auch in Zukunft nicht aus dem Oberzentrum Konstanz, sondern aus der Halle A1 der Neuen Messe Friedrichshafen gesendet. In der Halle A1 mit Platz für 10.000 Besucher, wo auch schon einmal Fans aus Winterthur anreisen, spielten schon echte Popgrößen wie Sting oder die Toten Hosen. Das Problem: Je kleiner die Halle ist, desto unbezahlbarer werden die Tickets und je weniger wahrscheinlich ist es, dass Top Acts zu sehen sind. Die Südwestdeutsche Philharmonie dürfte das Konzerthaus aber nicht alleine füllen können und Konstanz ist eine junge Stadt, die viel eher eine multifunktionale Halle bräuchte, die sich auch die Jugend leisten kann.  Niemand hat in den vergangenen Wochen auch darüber gesprochen, welche Kongresse denn in Konstanz, einer Stadt ohne ICE-Anschluss, stattfinden könnten. Auch über die Möglichkeit, für vielleicht nur 20 Millionen Euro eine reine Konzerthalle mit hervorragender Akustik, robustem Boden und ansehnlicher Architektur zu bauen, in der auch Rock- und Popkonzerte über die Bühne gehen könnten, wurde nicht mehr nachgedacht.

Die Black Box könnte zum Alptraum werden

Doch eine Debatte über solche Themen ist nach Diskussionen, die seit Jahrzehnten, ja seit über einem Jahrhundert geführt werden, nicht mehr vorgesehen. Zuletzt formierte sich eine Initiative, die sich viel Mühe machte und als neuen Standort für ein Konzerthaus den Lutherplatz vorschlug, und zwar kombiniert mit einer Kunsthalle. Mit dem Projekt eines Konzert- und Kongresshauses auf Klein Venedig soll am Donnerstag - wieder einmal hinter verschlossenen Türen - das größte Projekt unter der Amtszeit von Oberbürgermeister Horst Frank ein weiteres Stück voran gebracht werden. Realisten hoffen, dass dieses Projekt nicht zum Alptraum wird.



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2 Kommentare

  1. 1. Wolfgang Becker aus KN | http://www.wo-becker-kn.de

    siehe auch zwei-architekten-keine-offentlichkeit
    http://www.tmw-kn.com/blog/2009/12/29/zwei-architekten-keine-offentlichkeit/

    Alle Welt redet vom Sparen. Nur Konstanzs Obrigkeit redet vom Luxustempel.

    Wenn man sich aber so die Straßen und Wege anschaut, da sieht man dann, Konstanz spart auch und das schon seit Jahren, ist man doch recht weitsichtig.

    Ich spare mir weiteres Tippen und spare Energie.

  2. 2. GJM

    Na also!
    Heute im SK: „Bürger finanzieren Neubauten Klinikum mit“
    Das wahre Gesicht unserer Stadträte!

    Am 12.01.10 kam dieser Artikel wie oben. Absatz: „Bauen auf Pump mit 35 Millionen Euro Kredit“.
    Am 23.03.10 gingen die Bürger zum Bürgerentscheid KKH.

    Heute, bloß 4 Monate später, höhere Grundsteuer, um die bereits seit Jahren geplanten Klinik-Neubauten zu finanzieren. Will man uns nun weismachen, dass auch diese anstehenden Kosten nicht bekannt waren? Hat uns die Verwaltung und die Mehrheit der Stadträte belogen und getäuscht? Wer übernimmt aus diesem Desaster die Verantwortung und zieht die Konsequenzen? Alle sitzen noch in ihren Ämtern, der OB, der Kämmerer, die auf unzähligen Werbe-Veranstaltungen durch die Stadt ziehende Stadträte, z.B. ein Stadtrat Weisschedel (Zitat heute im SK: „Beteiligung aller Bürger am Projekt, das wieder allen Bürgern zu Gute kommt“), der als vorderster Popangardist mitlief.

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