Jürgen Puchta: “Minus und minus gibt leider nicht plus”
Konstanz/Singen (wak) Defizitär sind alle Krankenhäuser im Kreis Konstanz. Die HBH-Klinken in Singen und Radolfzell schreiben sogar tiefrote Zahlen, und das Konstanzer Klinikum, zu dem das Stockacher Krankenhaus gehört, noch nicht ganz so rote. In den kommenden Monaten prüfen die Kliniken des Landkreises, der Gesundheitsverbund HBH-Kiniken und die Konstanzer, ob eine Kreislösung möglich und vorteilhaft ist. Konstanz schielt aber nicht nur in Richtung Singen, sondern auch über den See nach Friedrichshafen. Wegen eines Blinddarms müssten die Patienten, wenn es zum Verbund kommt, ihre Stadt aber nicht verlassen.
Zur Möglichkeit einer “Kreislösung” mit defizitären Häusern
Noch stehen die Konstanzer finanziell bei weitem nicht so nahe an der Wand wie der HBH-Verbund, dem ein zweistelliger Millionenbetrag fehlt. Im kommenden Jahr aber, wenn eine Übergangszeit, die sogenannte Konvergenzphase, endet, und das Konstanzer Klinikum eine geringere Fallpauschale pro Patient bekommt, verliert das Klinikum Millionen Einnahmen. Ob es im Kreis Konstanz in den kommenden Monaten eine Kreislösung gibt, oder besser gesagt, ob es aus finanziellen Gründen überhaupt noch eine Kreislösung geben kann, ist längst nicht entschieden. Fakt ist: Der HBH-Verbund braucht 15 Millionen Euro frisches Geld. „Minus und minus gibt nicht plus“, warnt aber zum Beispiel der Konstanzer Stadtrat Jürgen Puchta (SPD), der für seine Fraktion nicht nur im Krankenhausausschuss sitzt, sondern als Mediziner auch noch zusätzlichen Sachverstand mitbringt. Bemerkenswert ist diese Aussage von Puchta auch, weil der Arzt offenbar eine Lösung mit Singen und möglichst auch mit Friedrichshafen jeder anderen, insbesondere jeder Lösung mit einem privaten Träger, vorziehen würde.
Im Bodenseekreis ist der Zug bereits abgefahren
Auch Friedrichshafen dürfte einer engeren Kooperation mit Kliniken jenseits des Sees nicht abgeneigt sein - wenn die Kliniken miteinander wirtschaftlich erfolgreicher arbeiten könnten als sie es als Einzelkämpfer hinbekommen. Im Bodenseekreis ist der Zug für eine Kreislösung, anders als im Kreis Konstanz, allerdings bereits abgefahren: Die Stadt Überlingen hat ihr Krankenhaus längst an die private Helios Klinik GmbH verkauft. Dadurch ist ein kreisweiter Verbund auf der anderen Seite des Sees wohl schlicht unmöglich geworden.
Straffer Zeitplan von HBH-Kliniken vorgegeben
Wollen die Krankenhäuser in der Region in Zukunft zusammenarbeiten, müssen sie im Galopp Entscheidungen treffen. Die Konstanzer Klinik hat momentan noch nicht einmal die Rechtsform einer GmbH, auch wenn der Gemeinderat heute zustimmt. Den straffen Zeitplan gibt der Gesundheitsverbund HBH-Kliniken vor. Seit einer Aufsichtsratsitzung am Freitag vorvergangener Woche steht fest: Der finanziell am Abgrund stehende HBH-Verbund möchte eine kommunale Lösung. Bis Ende Mai sollen Gespräche hinsichtlich der Kreislösung mit Konstanz geführt werden.
Spätestens bis Juni soll alles klar sein
Gleichzeitig prüft der Verbund, ob er notfalls auch in seiner bisherigen Zusammensetzung weitermachen könnte. Bis Juni soll dann eine Vorentscheidung fallen. Bis dahin müsste auch klar sein, ob die beiden noch zum HBH-Verbund gehörenden Rehakliniken in Bad Bellingen und in Bad Säckingen an einen neuen Träger übergeben werden. Nur wenn klar ist, dass eine kommunale Weiterführung – mit oder ohne Konstanz – nicht möglich isti, möchte der HBH-Verbund, dass für die Krankenhäuser in Singen und Radolfzell sowie in Engen Verhandlungen mit einem privaten Träger geführt werden. Geht es nach dem HBH-Verbund fallen alle Entscheidungen über einen Verbund in diesem Jahr. Ab April 2011 soll dann gegebenenfalls das neue Mega-Klinikum an den Start gehen.
Die Bevölkerung wünscht die Grundversorgung vor Ort
Jetzt entscheidet der Konstanzer Gemeinderat darüber, ob die Verwaltung beauftragt werden soll, mit den Krankenhäusern Singen und Friedrichshafen über die Zusammenarbeit und – wie es in der Vorlage in dürren Worten heißt – „die Abstimmung des medizinischen Leistungsspektrums“ aufzunehmen. Zusammen mit den möglichen Kooperationspartnern soll ein neutraler Moderator gesucht werden, heißt es in Konstanz. 200.000 Euro lassen sich die Konstanzer den externen Sachverstand offenbar kosten. Ob er Kienbaum heißt oder vielleicht auch Deutsche Krankenhausgesellschaft e.V. ist noch nicht entschieden. Für Patienten wichtig sein dürfte, dass die Grundversorgung vor Ort in jedem Fall erhalten bleiben würde. Es würde auch nicht etwa ein zentrales Großkrankenhaus neu gebaut. Wegen eines Blinddarms müsste kein Notfallpatient von Konstanz nach Singen oder gar nach Friedrichshafen fahren. Auch die Geburtsstationen würden weiter bestehen.
Scheiterte Verbund bisher an der Eitelkeit der Chefärzte?
Etwas anders sähe es im Falle einer Zusammenarbeit dagegen mit planbaren Eingriffen zum Beispiel in der Urologie, bei der Behandlung von Diabetes oder bei der Neonatologie aus. Dass eine Mutter mit ihrem Frühchen in die spezialisierte Klinik wechseln würde, wäre allerdings nicht unbedingt ein Nachteil. Es gehe darum, Stärken zu bündeln, sagt Jürgen Puchta, der es für dringend geboten hält, wie beabsichtigt, externen Sachverstand hinzuzuziehen, bevor eine Entscheidung fällt. „Mich ärgert es, dass in der Vergangenheit keine Kreislösung zustande gekommen ist“, sagt Puchta. „Was wohl an den Eitelkeiten der Chefärzte lag“, sagt der Mediziner, der im Gemeinderat und auch im Krankenhausausschuss des Konstanzer Gemeinderats sitzt. Bild: FS | TMW








