Wo Neneh Cherry die Nacht durchtanzt
Konstanz (gro) Es ist eine ebenso milde wie wilde Nacht gewesen, damals, im Juni 1997, als Neneh Cherry eine ganze Nacht lang auf der „Baden“ tanzte. Nach ihrem umjubelten Auftritt beim Zeltfestival auf Klein Venedig hatte die Londoner Hip-Hop-Diva im „Pinocchio“ getafelt und gefragt, wo noch etwas los sei in Konstanz. Es war Mittwoch, und Olivia Canestrini schnappte sich Neneh, eilte mit ihr in den Hafen und aufs „Boot“. Neneh Cherry („7 seconds“) hat die Nacht durchgetanzt, meistens übrigens mit Florence Gersie, und das bis zum frühen Morgen. Auch Sean, der Bassist ihrer Band, der sämtliche Dance-Floors ausprobierte, war begeistert von „Donath’s fantastic location“. Heute und morgen Samstag ist die „Baden“ zum letzten Mal Tanzschiff. Es ist das Ende eines langen Abschieds. Donath Heppeler erlebt ihn aus der Ferne.
Die „Kempten“ als wunderbares Nachtlokal
„Das Boot“, das heute noch bis hinein in den Raum Zürich ein Begriff für exotischen Glamour ist, wurde von dem aus dem Donautal stammenden Gastronomen Donath Heppeler anfangs der achtziger Jahre gewissermassen erfunden. Nachdem Heppeler aus einer Aral-Tankstelle samt Reperaturwerkstatt in der Konzilstrasse das Theatercafé entwickelt hatte, machte er aus der im Hafen vor sich hin dümpelnden „Kempten“ ein wunderbares Nachtlokal mit exzellenter Küche, flirrenden Bars und Tanzlokalen. Ein durchschlagender Erfolg, der schliesslich nur durch neidische Kollegen mithilfe extensiv ausgelegter, feuerpolizeilicher Bestimmungen ausgebremst werden konnte.
Das alte Schiff von hässlichem Plastik befreit
Nach Ausmusterung der ohnehin längst stillgelegten „Kempten“ wurde Heppeler das Motorschiff „Baden“ anvertraut, die tagsüber als Kursschiff bewirtschaftet und dreimal in der Woche am Abend in Windeseile zum Tanzsschiff umgerüstet wurde. Heppeler machte aus der “Baden” (Baujahr 1935) ein Schmuckstück. Das Schiff wurde von allerlei plastikhaltigen Hässlichkeiten befreit und mit originalen Leuchten, Lampen und anderen genuinen Accesoires bestückte. Vor allem aber machte Heppeler „Das Boot“ zum Treffpunkt von Feinschmeckern und schönen Frauen und Männern. Darunter viele Latinos, in erster Linie die brasilianische Community der Region, eine Community, die sich inzwischen wieder in Richtung Winterthur orientiert. 
Regelmässig spielt Europas beste Samba-Band
Heppelers Konzept ging auf. Neneh Cherry war keine Ausnahme. Zu den Gästen gehörten nicht nur Stars und Sternchen wie Lusi da Silva aus Rio, Marlies & Fabian aus München, Judith Teylo aus Havanna oder Marina D. aus Salvador da Bahia. Bé Igacio aus Sao Paolo gab dort mit ihrer Band eines ihrer allerersten Konzerte. Gelegentlich kamen ganze Busladungen aus Zürich, und auch Fredy Müller, den Gründer von “Tres Kilos” und Mitbegründer des “Kaufleuten” zog es nach Konstanz aufs “Boot”. Meist spielte „Samba Tuque“, Europas beste Samba-Combo, wenn zur Sommerzeit das „Tropical-Boat“ mit Marisas Tanztruppe in See stach. Es war kein Zufall, dass „Tuque“-Bandleader Osmer Oliveira damals seinem Schützling namens Jerinomo Maria Barreto Claudemir da Silva eine Tanznacht auf Heppelers Tropical-Boat empfahl. Jeronimo Maria Barreto Claudemir aus Santo André (Sao Paulo), der damals noch ein wenig “fremdelte”, heisst heute schlicht Cacau, hat inzwischen einen deutschen Pass und stürmt sowohl für den VfB Stuttgart als auch für die deutsche Nationalmannschaft.
Vom Salsa bis zum mexikanischen Bläserauftrieb
Djs und Djanes aus buchstäblich aller Welt haben sich auf dem Konstanzer „Boot“ ein Stelldichein gegeben. Besonders spannend wurde wurde es jedes Mal, wenn Grossmeister Donath selber hinter die turntables trat. Niemand war dann mehr sicher, weder vor einem hastigen Merengue, noch vor einem wilden Mambo und schon gar nicht vor einem feurig blutigen, mexikanischen Bläserauftrieb. Ende kommender Woche soll er wieder eintreffen am Bodensee, Donath, der Halbkonstanzer. Mit seiner anderen Hälfte hängt er zur Zeit jenseits des Grossen Teichs herum, ziemlich weit südlich, wie man hört, angeblich in der Gegend von Rio de Janeiro.
Zum Schluss noch ein guter Tipp
Mit dem “Boot” gings bergab, als sich die junge Schweizer Szene in Richtung Industriegebiet verlagerte, während Donath Heppeler und seinen Mitstreitern das Leben mit meist unberechtigten Beschwerden wegen Lärmbelästigung immer schwerer gemacht wurde. Für einen stilgerechten Abschied sorgt Sahin Aytekin, der “Das Boot” 2003 übernahm. Der studierte Informatiker, gross gewachsen, aber sehr zurückhaltend, hat sein gastronomisches Handwerk bei Donath Heppeler gelernt. Er hat sich mit der ganzen Verabschiederei nicht so recht anfreunden können. Immerhin hat sich Aytekin „Das Boot“ als Markenzeichen gesichert.
Und er lässt darauf aufmerksam machen, dass sowohl heute
Freitag als auch am
Samstag bis 0.00 Uhr
kein Eintritt auf dem Boot erhoben wird.
Bild: Frieder Schindele | TMW





