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22. März 2010 | Überwältigende Mehrheit gegen Kongress- und Konzerthaus

Abfuhr für eine bürgerferne Kommunalpolitik

Konstanz (gro) Mit klarer Mehrheit hat die Konstanzer Bürgerschaft das Projekt eines Konzert- und Kongresshauses auf Klein Venedig abgelehnt. Auf rund 20.800 Stimmen brachten es die Gegner des Vorhabens. Damit kamen sie auf 65,7 Prozent oder fast zwei Drittel der abgegebenen Stimmen. Mit Ja stimmten knapp 10.900 oder 34,4 Prozent der an der Wahl beteiligen Bürgerinnen und Bürger. Das Ergebnis ist gleichbedeutend mit einer regelrechten Abfuhr für eine in Teilbereichen bürgerferne Kommunalpolitik. Anscheinend war vor allem die Jugend für das Projekt kaum zu gewinnen. Die Wahlbeteiligung lag mit 52,2 Prozent etwas höher als bei der jüngsten Oberbürgermeiserwahl und deutlich höher als bei den letzten Gemeinderatswahlen.

Die Mehrheit hat offensichtlich ganz andere Sorgen

Hinterher sind alle Beteiligten klüger, und an Erklärungen mangelt es nach einem Abstimmungsergebnis zuletzt. Unübersehbare Tatsache ist im Fall des jüngsten Konstanzer Bürgerentscheids allerdings, dass es nur einen einzigen von 74 Wahlbezirken gibt, in dem es mit 53,4 Prozent zu einer Mehrheit der Befürworter kommt: im Bezirk Parkstift Rosenau, also im Altersheim. Umgekehrt betragen die Nein-Stimmen im Wahllokal Uni-Laborgebäude knapp 70 Prozent, in Chérisy 73,4 und 72,8 und im Wahllokal Kindergarten St. Martin in Wollmatingen, in dessen Umkreis viele junge Familien leben, sogar über 77 Prozent. Typisch auch, dass die Nein-Stimmen im Bereich sozialer Brennpunkte besonders hoch sind: Berchenschule I, II und III verzeichnen 72,8, 73,4 und 72,8 Prozent Nein-Stimmen. Auch in Dettingen, wo die Schulsituation grosse Sorgen macht, kommen die Nein-Stimmen in allen drei Wahllokalen auf über 70 Prozent.


Vertrauensverlust nur schwer zu überwinden

Die allgemeine Skepsis ist von oben nach unten gewachsen. Dass es ausgerechnet die Deutschen Landesbanken, also von hochrangigen und gut bezahlten Politikern beaufsichtigte, meist öffentlich-rechtliche Geldinstitute waren, die in den jüngst vergangenen Jahren mit abenteuerlichen Spekulationen einen Schaden anrichteten, der die Steuerzahler mit insgesamt 24 Milliarden Euro belasten dürfte, hat viel Vertrauen in die Politik zerstört.

Und wenn dann in dieser krisenhaften Zeit in Konstanz, im Vorfeld des Bürgerentscheids, die Kosten für den ebenfalls unter kommunaler Aufsicht stehenden Bau einer Eisenbahnbrücke von ursprünglich 1,2 auf sage und schreibe 4,2 Millionen Euro explodieren, verstärkt sich dieses Misstrauen der Bürger bis hinab zur Kommunalpolitik. Vor allem dann, wenn die Stadtverwaltung Monate braucht, den als skandalös empfundenen Anstieg der Kosten auch nur halbwegs plausibel zu machen. Zu Erinnerung: Erst eine von der SPD-Fraktion erzwungene Sondersitzung während der grossen Ferien brachte vergangenen Sommer Licht in die Angelegenheit.

Misstrauen geweckt und die Skepsis verstärkt

Vertrauensbildung wäre nötig, um die Bürgerschaft davon zu überzeugen, dass die überfällige Sanierung des Klinikums gut geplant und finanziell abgesichert ist. Tatsächlich hat das Herumeiern der Stadtverwaltung auch nach Ansicht von wohlwollenden Beobachtern zuerst Misstrauen geweckt und dann die Skepsis verstärkt: Eine Stadtverwaltung, die es fertig bringt, eine offensichtliche Fehlplanung mit der Konsequenz von Zusatzkosten in Höhe von über 1 Million Euro hinzunehmen und geschätzten, aufwendungsnötigen 35 Millionen Euro mehr oder weniger stillschweigend entgegen zu sehen - eine solche Verwaltung sollte nicht erwarten, dass man ihr zutraut, ein so schwieriges Projekt wie ein Konzert- und Kongressshaus samt Hotel und Parkhaus und dazu noch einen Strassentunnel hinüber nach Klein Venedig zu den versprochenen Festpreisen zu verwirklichen.

Hinzu kommt die bis heute nicht geklärte, als masslos empfundene Bonus-Forderung eines Klinikdirektors, der - auch nach Ansicht von Mitarbeitern - anscheinend vor allem zwei Dinge im Sinn habe: zu kassieren und möglichst früh in Pension zu gehen.

Es hätte noch schlimmer kommen können

Angesichts einer derartigen Gemengelage grenzt es nach Ansicht von einigermassen erfahrenen Beobachtern der kommunalpolitischen und bürgerschaftlichen Szene an Realitätsverweigerung, eine mehrheitliche Zustimmung zu dem Projekt eines Konzert- und Kongresshauses auf Klein Venedig zu erwarten. Am mangelnden Engagement der Befürworter lag es nicht. Im Gegenteil. Ihr Engagement hat vermutlich ein noch entschiedeneres Verdikt einer insgesamt höchst skeptischen Bürgerschaft verhindert.

Einer immerhin hat es nicht nur geahnt, sondern in den letzten Wochen immer wieder auch offen gesagt: Jürgen Wiedemann, “Barbarossa”-Wirt und Einzelkämpfer der Neuen Linie, bekannte sich einerseits zum Projekt auf Klein Venedig, sagte aber gleichzeitig, dass es seiner Meinung nach zur Zeit dafür keine Mehrheit in der Bürgerschaft gibt. Bild: Frieder Schindele | TMW



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7 Kommentare

  1. 1. Nabholz

    Der Bürger hat entschieden und das muss man halt wohl oder übel akzeptieren.Bedenklich finde ich aber, dass man mit Polemik und persönlichen Diffamierungen einen Wahlkampf gewinnen kann.

  2. 2. oschgeige

    Geh weida, wer hat den da Polemisiert??
    Unfassbare Arroganz und völliges Abhandenkommen der Bodenhaftung der Stadtoberen wurde abgewatscht…………………Hirn hat die WAHL gewonnen!!!!!

    Frank ist überrascht vom Ergebnis????? Ja in welch Höhen schwebt denn der??
    Geld für die Jugend dieser Stadt!!! Aber solang alte Höhenschweber regieren…ekelhaft!

  3. 3. Bernd18

    3. Bernd18

    Der Konstanzer Bürger hat entschieden, die Käseglocke über der Stadt wieder ein Stück weiter zuzuziehen. Ein Trost bleibt: “Vox populi - vox Rindvieh” wußte schon Franz Joseph Strauß. Der große Dramatiker Friedrich von Schiller drückt es in “Demetrius” eleganter, aber nicht weniger drastisch aus: “Die Mehrheit? Was ist die Mehrheit? Mehrheit ist der Unsinn; Verstand ist stets bei Wen`gen nur gewesen.”

  4. 4. vollmond

    Bernd18,

    die Mehrheit, die zahlen muß, wenn’s schief geht, die hat sich gewehrt - so einfach ist das. Die Theorie des Konzerthauses wäre schon okay gewesen, aber erstens haben die Stadtgremien sich in letzter Zeit bei diesem Thema nicht gerade kompetent gezeigt, außerdem ging es hier auch um Klein-Venedig.

    Wieso wundert Dich also das Ergebnis?

    Rindviehcher sind immer nur die anderen, gell? ;)
    Apropos: ganz besonders amüsiert hat mich gestern der Satz von Herrn Rau im Südkurier: der einzige Bezirk, in dem die Befürworter führten, war die Stiftung Rosenau. Das muß man sich auf der Zunge zergehen lassen…

  5. 5. wie bitte

    Gilt “vox populi - vox Rindvieh” eigentlich nur wenn eine Abstimmung NICHT meinen Wünschen entspricht oder auch ……… ? Hmmmmmm

    Das Zitat aus Schillers Demetrius geht ja auch noch weiter “…..Der Staat muss untergehn, früh oder spät, wo Mehrheit siegt und Unverstand entscheidet”. War die OB Wahl eigentlich auch ein Mehrheitsentscheid ?

    Aprospos Unverstand, da gab es doch noch die Eisenbahnbrücke beim Lago und das Klinikum. Ja das Zitat hat was !

    Da nehmen manche den Entscheid gegen das Konzerthaus wohl sehr persönlich, Schade eigentlich.

    Auch ich wäre gerne für ein Konzerthaus, aber wie im Artikel treffend bemerkt “Die Mehrheit hat offensichtlich ganz andere Sorgen”.

  6. 6. GJM

    Wie wäre es denn, wenn man JÜRGEN WIEDEMANN nach der auslaufenden Tätigkeit als Barbarrosa-Wirt im Vorzimmer des OB’s als “Orakel von Delhi” beschäftigt? Eine gute Entlohnung nach der Freigabe von KKH-Gelder wäre ihm sicher. Bei all den Einsparungen an Fehlinvestitionen kann sich die Stadt wahrscheinlich in 10 Jahren ein doppelt so großes KKH aus der Portokasse leisten.

  7. 7. Bibe

    Nach dieser fulminanten Demonstration des Bürgerwillens müsste man nunmehr endgültig aufräumen mit diesem ganzen großbürgerlichen Kultur- und Bildungsmist und a) das Orchester abwickeln , b) das Theater schließen und - wenn schon, denn schon - c) die Museen noch dazu. Herr Dr. Schäfer, übernehmen Sie! … Ach ja: Oschgeige, du bist wirklich weit und breit der allerbrillanteste Kopf. Ehrlich!

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