Henneberger lässt Lenks Päpstlein über Nacht entfernen
Konstanz/Bodman-Ludwigshafen (gro) Ein ärgerlicher 13. Juli 2010 für Peter Lenk – und am Ende doch ein guter Tag für den Bildhauer aus Bodman. Ärgerlich, weil Touristik-Chef Norbert Henneberger die umstrittene Papstfigur in einer Nacht- und Nebel-Aktion aus der Bahnhofshalle entfernen liess; ein guter Tag für den Künstler, weil der Gemeinderat von Bodman-Ludwigshafen am Dienstag Abend fast einstimmig beschloss, das Doppelrelief mit den „Global Players“ käuflich zu erwerben. Während Konstanz den Künstler düpiert, bekundet die Doppelgemeinde am Überlinger See ihre Wertschätzung. Das vor eineineinhalb Jahren enthüllte Relief am Rathaus von Ludwigshafen mit zahlreichen fröhlichen Nackedeis, darunter Angela Merkel, Guido Westerwelle und Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann, machte – durchweg wohlwollende - Schlagzeilen von Palermo bis Helsinki.
Lenk verlangte keinen Cent
Zum besseren Verständnis und zurück zu den Geschehnissen in Konstanz sei wiederholt: Es war Henneberger, der den Künstler vergangenen April bat, die Papstfigur der Tourist-Information zur Ausschmückung der neu gestalteten Bahnhofshalle eine Zeitlang zu überlassen. Lenk verlangte kein Honorar und berechnete auch keinen Pfennig für den Aufbau der 700 Kilo schweren Figur. Als „Bild“ wenige Tage nach der Installation der Figur von einem angeblichen Schock gläubiger Katholiken angesichts eines „splitterfasernackten Papstes Benedikt“ fantasierte und hohe CDU-Landespolitiker wie Innenminister Heribert Rech und CDU-Generalsekretär Thomas Strobl zu herabsetzenden Äusserungen gegenüber Lenk und seiner künstlerischen Arbeit veranlasste, wurde der Bildhauer von Henneberger aufgefordert, das Päpstlein sofort wieder abzubauen.
„Nicht ein einziges Wort des Bedauerns“
Lenk weigerte sich, die soeben aufgebaute Figur umgehend wieder zu entfernen. Sein Rückzug hätte als nachträglicher „Sieg“ der Bildzeitung interpretiert werden können. Ausserdem liess er seinen Anwalt, den Freiburger Urheberrechtsspezialisten Götz von Olenhusen, auf seine künstlerischen Rechte hinweisen. Dazu machte der Bildhauer konstruktive Vorschläge zur gewünschten Entfernung der Papstfigur. Im Vordergrund stand dabei der sachgemässe Umgang mit dem Kunstwerk und der Wunsch nach einer den demokratischen Gepflogenheiten entsprechenden Entscheidung. All das wurde von Henneberger ignoriert, und zwar, wie von Beobachtern vermutet wird, mit dem vollen Einverständnis von Oberbürgermeister Horst Frank. Hinzu kommt, dass es laut Lenk bis heute „kein einziges Wort des Bedauerns“ von Seiten der CDU gibt, während sich „Bild“ ausdrücklich und mehrfach für die unzutreffende Berichterstattung entschuldigt hat.
Götz von Olenhusen: „Stadt handelte grob vertragswidrig“
Peter Lenk könnte (wohl mit Erfolg) verlangen, dass sein Päpstlein, eine originaltreue Nachbildung der Papstfigur, die die Konstanzer Hafenschöne Imperia seit über 17 Jahren auf ihrer linken Handfläche balanciert, wieder zurückbefördert wird in die Bahnhofshalle. Dies stellt Götz von Olenhusen in einer ersten Stellungnahme klar. Die Stadt habe mit der unerlaubten und vom Künstler nicht autorisierten Entfernung „grob vertragswidrig“ und ausserdem wider das Eigentumsrecht des Künstlers gehandelt.
Lenk: „Der gleiche Oportunismus wie vor 600 Jahren“
Künstler Lenk wird, wie er gestern Abend sagte, auf Rechtsmittel gegenüber der Stadt Konstanz verzichten. Voraussetzung dafür sei, dass seine Papstskulptur, die dem Vernehmen nach in einer Halle der Konstanzer Entsorgungsbetriebe (!) in der Fritz-Arnold-Strasse abgelegt worden ist, unversehrt geblieben ist. Im Übrigen, sagte Lenk, sei er beeindruckt, wie sich der Opportunismus von Machtinhabern über die Jahrhunderte hinweg behaupte. Vor 600 Jahren sei es Kaiser Sigismund gewesen, der deswegen den Reformator Jan Hus ans Messer geliefert habe. Heute benehme sich die Stadtregierung ähnlich willfährig, wenn es darum gehe, stockkonservativen Interessen entgegen zu kommen.






Jan Hus kannte Konstanz wohl nicht - sonst hätte er wohl schwerlich darauf vertraut, seinen Besuch in Deutschlands letztem Zipfele unbeschadet zu überleben.
Peter Lenk kannte Konstanz wohl auch nicht - sonst hätte er wohl schwerlich darauf vertraut, dass man sich hier an Absprachen hält und gegenüber der gottgewollten Kirchen- und CDU-Obrigkeit ein Minimum an Rückgrat zeigt.
Immerhin - Lenk wird es überleben; und Konstanz hat dafür jetzt schon den verdienten Spott …
‘O sancta simplicitas’ - heilige - Einfalt - sprach Hus auf dem Scheiterhaufen, als ein frommes, vom Alter gebeugtes altes Mütterchen noch einige Reiser herbeischleppte, um so zum gottgefälligen Werke beizutragen. ‘O sancta simplicitas’ - das könnte man an den Ortsschildern anbringen - anstelle von ‘Universitätsstadt’, wäre sicherlich passender. Vor allem, wenn die Stadt sich nicht entblödet, ausgerechnet den Ratzinger-Papst zum Konzils-’Jubiläum’ einzuladen: ein deutscher Professor, der sich allen Ernstes für unfehlbar hält - sollte man ihm nicht eher zum Besuch einer qualifizierten Facharztpraxis raten als zum Besuch einer Universitätsstadt?
Zur 600-Jahrfeier:
Auch Hus kritisierte die Kirche und wurde dafür vor 600Jahren von den städtischen Bediensteten verbrannt und entsorgt. Zum Jubiläumsfest wiederholt sich symbolisch der Akt, wobei jetzt aber Lenk nicht auf dem Scheiterhaufen stirbt, obwohl es ihm einige so sehr wünschen. Ein Glück der späten Geburt Herr Lenk, aber es soll ja noch ein Hus-Jahr geben, vielleicht stellt sich dann Lenk hierfür zur Verfügung.