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12. Juli 2011 | Ernst Köhler zum Tod von Rolf Pape

„Doktor, das kotzt mich an!“

Konstanz (gro) Ein ehemaliger Universitätslehrer auf der einen, ein streitbarer, wenn auch studierter Prolet auf der anderen Seite: Wie soll das zusammen gehen? Ernst Köhler schafft das scheinbar total Gegensätzliche. Anlass dafür ist der Tod Rolf Papes, des Proleten. Aus der Gegnerschaft zwischen dem Historiker und dem misstrauischen Physiker entstand eine streitbare Freundschaft. Ernst Köhler, der Universitätslehrer, schildert in seinem Nachruf, wie es dazu kam, dass Pape einer der politischen Köpfe von Konstanz wurde: wie Rolf Pape zu den Gründern der Freien Grünen Liste (FGL) werden und trotzdem nach wie vor etliches „zum Kotzen“ finden konnte.

„Er zählte zu den markanten Gesichtern der Stadt“

„Vielen war der eigenwillige Mann ein Begriff“, schreibt Ernst Köhler in seinem Nachruf auf Pape, „er zählte zu den markantesten Gesichtern dieser Stadt“. Jedes Kind entwickle sich individuell – nach seinem persönlichen Rhythmus. Das sei ein „Faktum, sei die Wirklichkeit, die auch niemand ernstlich“ bestreite, merkt der Geschichtswissenschaftler an. Köhler: „Die Schule, so wie wir sie haben und wie sie heute funktioniert, schlägt aber die Kinder über einen Leisten und verlangt ihnen allen zu einem bestimmten Zeitpunkt eine bestimmte Leistung ab. Ganz schematisch, bürokratisch. Das ist das Notensystem. Schon diese einfache Überlegung zeigt, dass das in Deutschland praktizierte Bewertungsverfahren bodenlos und kontraproduktiv ist. Es hat keinen Halt an der Natur des Menschen.“

Wider den Wahn der scheinbar allmächtigen Macher

Rolf Pape, sagt Ernst Köhler, habe das 1979 in Tuttlingen gesagt, als dort ein Notenkonflikt an einem Gymnasium hoch kochte und in die Öffentlichkeit überschwappte: „Vor 300 Schülern, Lehrern, Eltern. Unter großem, anhaltenden Beifall. Der Notenkonflikt ist vergessen, die Prägnanz und Fundiertheit dieser Worte verdienen in Erinnerung zu bleiben.“ Ein paar Jahre später, so erinnert Köhler in seinem Nachruf auf Rolf Pape, als in Konstanz der „Fischmarkt“ liquidiert worden sei („ein alternatives Kulturzentrum mit einer Arbeitsloseninitiative, mit dem kleinen, linken ,Nebelhorn‘) sei Pape als Zeuge vor Gericht aufgetreten: „Er wendet sich in einer öffentlichen Sitzung an den ebenfalls anwesenden Konstanzer Baubürgermeister Fischer: „Sie sagen, hier werde ja doch etwas Neues aufgebaut. Aber das ist irreführend. Wenn Sie diesen lebendigen, sozialen Treffpunkt hier abreißen, ist er weg. Definitiv weg. Sie können nichts Vergleichbares aufbauen. Das liegt überhaupt nicht in Ihrer Macht als Macher. Es ist nur der Wahn Ihrer technokratischen Hybris, der Ihnen das einredet. Sie können das Leben hier nicht wiederherstellen, wenn Sie es einmal zerstört haben. So etwas kann niemals hergestellt werden. Es kann nur wachsen.“

Der Baubürgermeister sei damals „sichtlich beeindruckt“ gewesen, schreibt Köhler weiter in seinem Nachruf auf Pape. So integer sei der brachiale Macher namens Fischer „immerhin gewesen“. Vor allem aber habe Pape das Publikum im Gerichtssaal beeindruckt.

Von der Leistung eines ausgestiegenen Physikers

„Wie gewichtet man eine Leistung dieser Art?“, fragt Ernst Köhler in seinem Nachruf. Oder sei die Haltung Papes etwa keine Leistung? „Bei uns“, so gibt Köhler zu bedenken, „werden Menschen geehrt und ausgezeichnet, weil sie mit Anstand eine Sparkasse geleitet haben. Oder weil sie 20 Jahre lang in einem Gemeinderat tätig waren. Ihr Beitrag für das Gemeinwesen steht hier auch nicht zur Diskussion.“ Was aber sei mit der Leistung des Aussteigers, der diese auf ihr Funktionieren konzentrierte und oft genug auch beschränkte Gesellschaft von außen betrachte und von außen hinterfrage? „Im Falle Papes, des studierten Physikers und ruhelos autodidaktischen Zivilisationskritikers mit unerschöpflicher gedanklicher Intensität“ sei es zu verschmerzen, dass es nicht zum “Ehrenring einer Stadt oder zum Bundesverdienstkreuz”, ja nicht einmal - trotz aller alternativen Prominenz - zu einem Nachruf in der so genannten Heimatzeitung gekommen sei.

Weltkritiker und Strassengelehrter

Schwer zu ertragen sei jedoch, „wenn man dem aus allen Einrichtungen und Arbeitszusammenhängen geflohenen Kritiker und Strassengelehrten den Ernst, das Niveau, die Aussage absprechen und ihn etwa zum ,Original‘ verharmlosen und neutralisieren wolle. Vor allem eines dränge sich „beim Nachdenken über diese jetzt zu Ende gegangene Karriere außerhalb aller kanonisierten Karrieren auf“, schreibt Köhler: „Sie (die Karriere) war sozusagen nackt. Sie war ungeschützt, gänzlich unabgesichert. Sie war dem Echo, der Resonanz exponiert oder besser ausgeliefert, die sie für eine gewisse Zeit und in einem begrenzten Segment der lokalen Gesellschaft finden konnte. Man kann auch sagen: Sie war brutal konjunkturabhängig.“


Mit Krücken und mit wehend weisser Mähne

„Als Rolf Pape irgendwann in den 80er Jahren einmal mit seinen stadtbekannten Krücken und wehend weisser Mähnre auf eine den Bürgersteig verstellende Limousine eingeschlagen hatte und sich dann auch vor Gericht nicht sonderlich einsichtig zeigte”, auch darin erinnert Ernst Köhler, „wollte man ihn – was damals noch möglich war – ,entmündigen‘. Ein renommierter Rechtsanwalt der Stadt hat in dieser von vielen als lachhaft unverhältnismäßig, von vielen anderen als skandalös ungerecht empfundenen Situation mehr als zweihundert schriftlich ausformulierte Proteste von Konstanzer Bürgern gesammelt. Die konzertierte Aktion mitten aus der ,Zivilgesellschaft‘ “habe die Justiz veranlasst, “ihr instinktloses Ansinnen zumindest auf Eis zu legen’“.

Voller Hörsaal für den alternden Gegendenker

„Jahre später, Mitte der 90er“, auch daran erinnert Köhler, “war die Ausstrahlung des alternden Gegendenkers Pape immer noch stark genug, um einen Hörsaal in der Fachhochschule bis auf den letzten Platz zu füllen. Das Thema des Vortrags lautete ,Brauchen wir eine neue Moral?‘ Vorne saßen alte Bekannte des Vortragenden aus dem Milieu der Stadtstreicher und Obdachlosen – vermutlich zum ersten Mal in ihrem Leben auf diesen Bänken. Weiter hinten Physikstudenten von der Universität. Eine nachgerade utopisch sortierte Zuhörerschaft, der Auftritt war sogar dem ,Südkurier‘ einen Bericht wert.“

Jahre fortschreitender Vereinsamung

Später aber habe sich „die menschenverknüpfende Aura dieser souveränen und streitbaren Randständigkeit doch langsam verbraucht“, beschreibt Köhler Papes damalige Lebenssituation weiter. Die „Ära Kohl mit ihrer innenpolitischen Stagnation und Reformblockade habe eine exzentrische Figur wie Rolf Pape zunächst ansprechend und interessant gemacht“. Die „kontaktfreudigen Kreise um ihn herum“ seien dann jedoch „wieder in ernüchterte, nervöse Individuen“ zerfallen. Für Rolf Pape begannen laut Köhler „die Jahre einer fortschreitenden Vereinsamung“. Pape sei „schon immer am besten (gewesen), „wenn er sich am Monologisieren gehindert sah und echte, pietätslose Einwände parieren musste“. Nun aber habe ihn „mehr und mehr die Schwerhörigkeit überwältigt – bis hin zur völligen Taubheit.“

„…vor allem aber stinklangweilig!“

Ernst Köhler im Rückblick: „Den engsten Kontakt zu Rolf Pape hatte ich in den frühen 80er Jahren. Ich hatte mich selbst beruflich so ziemlich ins Abseits manövriert und versuchte, mich auf den ungebrochenen, furchtlosen Mann seelisch zu stützen. Die weiten zivilisationsgeschichtlichen Horizonte, die er im stundenlangen Gespräch zu öffnen wusste – bei den naturwissenschaftlichen Themen musste ich jeweils passen, waren mir eine Ablenkung und ein Trost in meiner kleinen, privaten Misere. Perspektiven gegen Angst. Aus dieser Nähe ist auch ein Buchprojekt hervorgegangen. Wochenlang hat Rolf Pape mir die Geschichte seines Ausstieges auf Band gesprochen – den abrupten Abbruch seiner Laufbahn als Offizier in der Bundeswehr; seine Odyssee – um es einmal so zu nennen, für ihn war es eine Flucht - durch Italien und die Schweiz bis nach Konstanz. Bis er mir eines Tages ins Gesicht sagte: ,Doktor, das kotzt mich an! Ihre Methode mag gründlich sein. Aber vor allem ist sie stinklangweilig‘. Die Erzählung im Drumlin Verlag war dann nur das Surrogat für die ursprünglich angepeilte Autobiografie.“

Die Unerträglichkeit eines abgrundtiefen Misstrauens

Ernst Köhler abschliessend: „Die aus meiner Sicht schon freundschaftliche Verbundenheit ist eine Episode geblieben. Auch mir ist es so ergangen wie manchen anderen, vorübergehenden Weggefährten von Rolf Pape: Ich wollte die unbeirrbare Feindschaft, das abgrundtiefe Misstrauen des alten Mannes gegen den bundesdeutschen Staat und seine Vertreter nicht weiter ertragen. Geteilt habe ich sie ohnehin all die Jahre nicht.“ Was allerdings keineswegs heisst, dass wir Rolf Pape nicht lebhaft vermissen: Ein Mann wie er fehlt wirklich sehr.

Anmerkung: Ernst Köhlers Nachruf war zuerst im “seemoz” (www.seemoz.de) zu lesen, wo auch Rolf Papes Tod zuvor gemeldet worden war.




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