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25. Januar 2012 | Takeda (Osaka) weltweit auf Restrakturierungs-Kurs

Falsch adressierte Empörung: Den Reibach machen Banken

Konstanz (gro) So wünscht man sich den Christdemokraten Frank Hämmerle öfter: als wilden Piraten mit Augenklappe und zorniger Kritik an herzlosem Gewinnstreben. Daran ändert auch die Tatsache nichts, dass die Demonstration gegen den angekündigten, massenhaften Abbau von Arbeitsplätzen am Dienstagnachmittag sogar einen Landesminister (der Justiz) nach Konstanz brachte. Der Sozialdemokrat Rainer Stickelberger zeigte sich zwar ebenso entsetzt darüber wie der Grüne Konstanzer Oberbürgermeister Horst Frank, dass der japanische Pharmakonzern Takeda derart viele „hochqualifizierte Mitarbeiter“ entlassen und damit den Pharmastandort Konstanz beerdigen wird. Tatsächlich aber sind Empörung und Protest an die falsche Adresse gerichtet. Den spätkapitalistischen Reibach macht nicht Takeda. Den machen die Monsterbanken Nordic-Capital und Crédit Suisse.

Nicht Kunstfiguren, sondern Menschen

Christoph Nix, der bei der Kundgebung im Anschluss an die Demonstration als einer der Letzten das Wort ergriff, traf noch am besten den Ton der Wirklichkeit: Die Angestellten der von Takeda aufgekauften Firma namens Nycomed, sagte Nix, seien weder „Helden, noch Samurai“. Der Theaterintendant machte damit anschaulich, dass man mit Menschen nicht umgehen darf wie mit Kunstfiguren: Menschen sind verletzlich, haben Familie, sind voller Sorgen und Hoffnungen. Und deswegen sind sie angewiesen auf Verständnis und Solidarität. Die Frage aber ist geblieben: Wer ist denn so gierig, wer nimmt Geld so wichtig, dass für Menschen nichts mehr übrig blelbt? Tatsächlich können wir das alle wissen, auch Landrat Hämmerle und OB Frank, Nycomed-Betriebsratsvorsitzender Rolf Benz und wahrscheinllch auch Minister Stickelberger: Den Reibach haben Susanne Klatten, die reichste Frau Deutschlands sowie Nordic Capital und der Private-Equity-Fonds der Crédit Suisse gemacht.


Milliarden für „Geronnene Arbeit“

Vor allem „geronnene Arbeit“ (Karl Marx) war es, was Susanne Klatten, die Tochter und Erbin des deutschen Grossindustriellen Herbert Quandt 2007 als Altana Pharma AG Konstanz für 4,7 Millarden Euro an die dänische Nycomed verkaufte, und dies, obwohl Altana-Chef Nikolaus Schweikart noch kurz zuvor dem Konstanzer Oberbürgermeister das Gegenteil „in die Hand versprochen“ (Horst Frank) hatte. Kurioserweise hielt Schweikart unmittelbar nach dem bald folgenden Verkauf der Altana Pharma AG an die Nycomed Gmbh an der Frankfurter Uni eine Vorlesungsreihe zum Thema „Ethik im Unternehmen“ zugesprochen. 400 Kilometer weiter südlich. in Konstanz, manifestierte sich die wenig ethische Wirklichkeit umgehend in einem massiven Abbau von Arbeitsplätzen.

Deutschlandweit Hunderte von Arbeitsplätzen überflüssig

Von den über 2000 Arbeitsplätzen bei Altana Parma in Konstanz Ende 2007 sind bis heute rund 1100 abgeschafft. Und nun stehen von den 900 verbliebenen Arbeitsplätzen mindestens 700 auf der Kippe. Hinzu kommen rund 400 hoch gefährdete Beschäftigungsverhältnisse von Aussendienstmitarbeitern. Takeda hat bekannt gegeben, dass deutschlandweit 1200 Beschäftigungsverhältnisse überflüssig werden, weil sich die Kompetenzen des alten und des neuen Firmenkonglomerats überschneiden würden.


Wer so viel zahlt, lässt sich nicht ‘reinreden

Die Verhandlungspartner haben die Struktur der fraglichen, für die Zusammenführung ausersehenen Unternehmen von Anfang gekannt. Klatten und ihre Beauftragten hatten es 2007 in der Hand, den Verkauf an Nycomed an Bedingungen zu knüpfen, mit denen die Interessen der Beschäftigten besser berücksichtigt worden wären. Doch dadurch wäre der Verkaufspreis beeinträchtigt worden, der mit 4,7 Millarden Euro beziffert wurde. Den neuen Managern gelang es nicht nur, die weltweit agierenden Firmen Altana Pharma und Nycomed zu verschmelzen, sondern in den folgenden fünf Jahren auch den grössten Teil des stattlichen Anschaffungspreises zu erwirtschaften. Beim Weiterverkauf an Takeda liess man dem neuen Erwerber aus Japan wiederum freie Hand, schliesslich war er ja bereit, fast 10 Milliarden Euro hinzublättern. Wer so viel zahlt, lässt sich nicht ‘reinreden beim Umgang mit der Neuerwerbung.

Takeda muss sparen

Zwei grosse Bankhäuser haben, wie gesagt, den Löwenanteil der 10 Milliarden Euro eingesackt. An ihnen läge es, vom grossen Profit einen Bruchteil abzugeben und damit etwa in eine Transfergesellschaft für jene Frauen und Männer zu investieren, die jetzt vom Verlust ihrer Arbeitsplätze bedroht sind. Takeda muss jetzt kürzer treten. Nicht nur wegen der kostspieligen Aquisition am Bodensee, auch ein Hauptumsatzbringer von Takeda, das Diabetes-Medikament Actos, macht Probleme und muss wegen gravierender Nebenwirkungen möglicherweise vom Markt genommen werden. Mit Actos erzielt Takeda einen Jahresumsatz von etwa 800 Millionen Euro. Ein Ausfall dieses Blockbusters könnte auch den Bestand des Produktionsstandorts Singen gefährden.

Takeda-Forschungszentrum in den USA

Den grössten Teil seiner Forschungsarbeit dürfte Takeda in Deerfield/Illinois bündeln. In dem idyllisch am Lake Michigan liegenden Vorort im Norden Chicagos sind derzeit etwa 1600 Wissenschaftler beschäftigt. Weitere Forschungstandorte, auch mit Partnerunternehmen, sind vor allem in den USA und in Japan zu finden, aber auch in Kanada oder Grossbritannien, etwa in Oxford. Dass es In Deutschland keinen Forschungsstandort gibt, komme nicht von ungefähr, sagt ein Vertriebsmanager von Nycomed. Deutschland sei als Forschungsstandort für die Pharmabranche seit 1998 systematisch abgetötet worden, eine Folge staatlicher Eingriffe nach der Regierungsübernahme durch Rot-Grün. Insofern entbehre es nicht einer gewissen Ironie, wenn sich jetzt Grüne und Rote Politiker beklagten, dass in Konstanz ein weiterer Forschungsstandort der Pharmaindustrie aufgegeben wird.

Starke Zunahme, mässiger Abbau

In den vergangenen 10 Jahren hat Zahl der Mitarbeiter bei Takeda stark zugenommen, und zwar um mindestens 10.000 Frauen und Männer. Weltweit dürften bei Takeda aktuell knapp 30.000 Menschen auf den Gehalts- und Lohnlisten stehen. Angesichts dieser Zahlen wirkt der geplante Abbau von insgesamt 2800 Arbeitsplätzen moderat. Darin enthalten sind die 1200 Arbeitsplatzverluste in Deutschland, davon 700 in Konstanz. In der Schweiz (vor allem am Standort Lachen/SZ) und in Österreich (Wien) wird die Anzahl der Mitarbeiter im Laufe des Jahres jeweils halbiert. Der Takeda-Standort Aachen wird geschlossen, die neue Deutschland-Zentrale entsteht in Berlin, die Europa-Zentrale wird wohl in Zürich-Kloten etabliert, am Standort des jüngsten Nycomed-Hauptsitzes.




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2 Kommentare

  1. 1. Kultur

    Zitat: „Ethik im Unternehmen“

    Noch ist ein “guter Geschäftsmann/frau” ein wichtiger Bestandteil der Gesellschaft, dessen Befähigung höchste gesellschaftliche Wertschätzung genießt. Mit Hilfe einer Lupe muss man die suchen, die nicht aus Eigennutz und persönlichem Profit Unternehmer bzw. Geschäftsmann/frau werden. Bei “keinem” Unternehmer/in steht hierbei das Interesse an einer sozialen Verpflichtung im Vordergrund. Ethik schafft sich die politische Gesellschaft und ist nicht das Berufsziel von dem, der/die Geschäfte macht.

    Der Arbeitsplätze schafft, wird auch nicht in allgemeinen gesellschaftlichen Normen einbezogen. Dabei werden Regeln der Gesellschaft außer Kraft gesetzt. Letztendlich liegen diese Vorteile alle im Wirken und Interesse von einzelnen Personen, dem Geschäftsmann/frau. Dabei haben Umsatz- und Gewinnziele die “einzige” Priorität. Je höher diese Ziele erreicht werden, je größer ist die Wertschätzung der Gesellschaft für diesen “erfolgreichen” Geschäftsmann/frau.

    Also, was schreit ihr denn nach Moral und Ehtik. Ihr seid die Gesellschaft.

  2. 2. egrem

    Ich habe die Demonstration gesehen. Das war nun wirklich erbärmlich. Vor so etwas fürchten sich Konzernmanager verständlicherweise nicht. Es ist die Art, in der sich Deutsche “wehren” und welche bestenfalls mal der DDR den letzten Todesstoß gebracht hat.
    Man beklagt auf Transparenten den Verlust deutscher (!) Pharmazie, glaubt Konzernchefs mit Plakaten des Inhalts “Takeda braucht Konstanz” auch noch bei der Profitmaximierung auf naivste Weise beraten zu können und biedert sich so auf ekelhafte Art an. Mir geht das Schicksal derer, die ihren Arbeitsplatz verlieren nun wirklich zu Herzen und ich bin dankbar dafür dass ich dieses Schicksal nicht teilen muss. Solange, wie aber die Opfer das von “Kultur” Beschriebene nicht begreifen, wird man halt weiter getreten ohne sich wirklich zu wehren.

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