Freunde, Gegner und Rechenkünstler hoher Fasnachtskultur
Konstanz (gro) Tobias Engelsing polarisiert die kulturelle Konstanzer Szene. Die Tatsache, dass er sich seinen Einsatz für die erfolgreichen Fasnachtskonzerte der Philharmonie honorieren lässt, finden viele Konstanzer „absolut in Ordnung“. Andere wieder kritisieren das ähnlich leidenschaftlich; man sei davon ausgegangen, dass sich der Museumsdirektor ehrenamtlich engagiere, und herausgekommen sei die Sache mit den Sondergagen ja erst durch das Rechnungsprüfungsamt. Andere rechnen die bekannt gewordenen Zahlen nach - und geraten darüber ins Staunen. Wieder andere registrieren mit grosser Genugtuung, dass endlich wieder einmal über den Wert kultureller Arbeit diskutiert wird.
Zwei Drittel der Kosten werden durch Zuschüsse gedeckt
Auf knapp 6 Millionen Euro im Jahr beläuft sich der Etat für die Südwestdeutsche Philharmonie - ein angemessener Preis, finden Freunde der musikalischen Kultur, wenn man bedenke, dass etwa 85.000 Menschen die Konzerte des Konstanzer Sinfonieorchesters besuchen. Diese 85.000 Besucher müssten - nach Adam Riese - allerdings durchschnittlich je 70 Euro für einen Sitzplatz bezahlen, um der Philharmonie einen kostendeckenden Betrieb zu bescheren. Weil dann kaum mehr als 10 Prozent der Plätze besetzt wären, wird der Betrieb bezuschusst, mit je etwa 2 Millionen vom Land und von der Stadt. Mit anderen Worten: Zwei Drittel der Kosten werden durch Zuschüsse gedeckt.
Bei den Fasnachtskonzerten ist anscheinend alles ganz anders
Bei den seit 2009 unter der Regie von Museumsdirektor Tobias Engelsing veranstalteten Fasnachtskonzerten der Philharmonie soll die übliche Kostenrechnung aber nicht greifen. Da sei mit drei dieser Frohveranstaltungen zuletzt ein Plus von 16.000 Euro erwirtschaftet worden, sagte Intendant Florian Riem dem Gemeinderat. Dies würde – wieder nach Adam Riese – bedeuten, dass pro Sitzplatz durchschnittlich knapp 78 Euro gezahlt worden sind. Tatsächlich kosteten die besten Plätze bei den Fasnachtskonzerten dieses Jahr aber nur 38 Euro. Da, so vermuten Skeptiker, waren anscheinend besonders ausgefuchste Rechenkünstler am Werk. Zumindest aus den Reihen der Freien Grünen dürfte deshalb die Forderung nach einer fairen Analyse zu Kosten und Einnahmen noch zu erwarten sein.
Was ist Kulturarbeit wert?
Dank der Diskussion über Engelsings Gagen sei die Frage nach dem Wert kulturell ausgerichteter Arbeit neu in Gang gebracht worden, hört man bei Kulturschaffenden. Eine so genannte Neid-Diskussion ist bislang nicht festzustellen, kaum jemand missgönnt Engelsing die 10.000 Euro für seine Arbeit als Regisseur, Akteur, als Castingverantwortlicher und Texteschreiber. Andererseits fragen sich vielfach engagierte Kunstschaffende trotzdem, ob sie sich mit jahrelanger Zurückhaltung nicht womöglich unter Wert hergegeben haben. Ein Beispiel wäre die Kammeroper im Rathaushof. Mit einem schmalen fünfstelligen Etat wird Jahr für Jahr ein ehrgeiziges, überregional beachtetes Projekt realisiert, bei dem sich Dutzende von Bürgerinnen und Bürgern ehrenamtlich engagieren.
Peter Bauer erinnert an Barak Obama
Seit Jahrzehnten arbeitet der Leiter des Projekts Kammeroper, Universitäts-Musikdirektor Peter Bauer, dafür unentgeltlich. Eine Stellungnahme zur aktuellen Diskussion lehnte Bauer ab. Er empfahl statt dessen, sch über eine Aufforderung eines US-amerikanischen Präsidenten Gedanken zu machen. Jener Präsident habe einmal gesagt, die Bürger sollten weniger darüber nachsinnen, was der Staat für sie tun könne, sondern mehr darüber, was sie für den Staat tun könnten. Diese Aufforderung, sagte Bauer, lasse sich auch auf die Stadt und ihre Bürger übertragen: Wenn sich alle, die es sich leisten könnten, für kulturelle Arbeit engagierten, bleibe ausreichend Geld für jene, die von ihrem Engagement für Kultur leben müssten.
Die Heimlichkeit gibt nach wie vor zu denken
Dass Engelsing seine Gage wert ist, bezweifelt niemand, auch kein einziger Gemeinderat. Auf Kritik stösst aber nach wie vor, dass die Sache mit den knapp 30.000 Euro in vier Jahren erst bekannt wurde, nachdem dies vom Rechnungsprüfungsamt an Tageslicht gefördert worden war. Mit Befremden wird vor allem innerhalb der Verwaltung registriert, dass weder der Oberbürgermeister noch Bürgermeister Claus Boldt, der zuständige Dezernent, etwas von der Vereinbarung zwischen Florian Riem und Engelsing wusste. „Das wirkt dann doch so, als gäbe es da so etwas wie einen Selbstbedienungsladen innerhalb der Verwaltung“, sagte ein stellvertretender Amtsleiter.






Kleine Korrektur am Rande: Der zitierte US-amerikaniche Präsident war John F. Kennedy. Nicht Obama.
Bibe (wer auch immer das ist) hat Recht. Peter Bauer (und damit auch dornroeschen.nu) aber ebenfalls, jedenfalls ein Stück weit. Denn Barack Obama hat mehrfach John F. Kennedy zitiert und an dessen denkwürdige Aufforderung erinnert.
Klar hat auch Obama Kennedy zitiert. Wie vor ihm schon viele andere. Speziell dieser Spruch Kennedys wird immer wieder gerne in den Mund genommen, wenn an das bürgerschaftliche resp. ehreanamtliche Engagement appelliert wird.