„Einladung zum Crash“ und „Barrieren für alle“
Konstanz (gro) Wenn nicht gerade Stau herrscht, sausen vor allem die Autos mit Konstanzer Nummer nach wie vor schneidig über den Bahnhofplatz, manchmal so rasant, dass man glauben könnte, es gelte für das nächste Formel-1-Rennen in Monaco zu trainieren. Wenn sich doch einmal jemand an die neuerdings vorgeschriebene ´ Höchstgeschwindigkeit von 20 Stundenkilometern hält, ist es so gut wie immer ein auswärtiger Autofahrer, manchmal sogar ein Thurgauer. Dabei täten alle gut daran, die Geschwindigkeitsbeschränkung einzuhalten. Denn sie wird für immer gelten, der Bahnhofplatz wird zu einer so genannten Begegnungszone umgebaut. Manche Anlieger empfinden die bisherige Entwicklung allerdings wie eine „Einladung zum Crash“ oder als „Barriere für alle“.
Rollstuhlfahrer haben keine Chance
Heinrich Stracke gehört zu den Geschäftsleuten, die über die neueste Entwicklung am Bahnhofplatz irritiert sind. Wer vom Parkhaus Dammgasse her in den Bahnhofplatz einfahren möchte, muss sich vorsichtig in den Platz hineintasten. Denn die nun vor der Sparkasse Bodensee haltenden Stadtbusse nehmen die Sicht nach links. Stracke, der am Bahnhofplatz in der Ladenzeile gegenüber ein Souvenir-, Hut- und Textilgeschäft betreibt, hat schon Dutzende Beinahe-Unfälle beobachtet. „Bis jetzt“, sagt Stracke, „kommt mir der Umbau des Bahnhofplatzes eher vor wie eine Einladung zum Crash“. Andere wundern sich über die neu gezogenen Betonrandsteine an den Bushaltestellen. Diese Rampen erleichtern zwar den Ein- und Ausstieg an den Stadtbussen. Doch Rollstuhlfahrer, die nur über die Strasse wollen, haben dort keine Chance mehr. Mit Kinderwägen sind die neuen Randsteinrampen schwer zu überwinden. „Statt der ersehnten Barrierefreiheit“, heisst es am Bahnhofplatz, „haben wir jetzt Barrieren für alle.“
Das Provisorium finanziert ein Hamburger Investor
In Begegnungszonen sind alle Verkehrsteilnehmer grundsätzlich gleichberechtigt, wobei Fussgängern ein leichtes Vorrecht einzuräumen ist. Behinderten, auch blinden Mitmenschen, soll ein Leitsystem helfen zurechtzukommen. Tatsächlich dürfte das am Bahnhofplatz kaum flächendeckend zu verwirklichen sein: Die für Rollstuhlfahrer unüberwindliche Rampe vor der Sparkasse ist knapp 50 Meter lang, die Rampe gegenüber sogar 80 Meter. Bei dem jetzt angelaufenen Umbau handelt es es sich allerdings um ein Provisorium, finanziert von einem Hamburger Investor, der mit dem Bau eines zusätzlichen Parkhauses an der Südseite des „Lago“-Einkaufszentrums erst dann beginnen darf, wenn die Begegnungszone eingerichtet ist, und sei es als Provisorium.
Barrierefrei geht’s an bis Gleis 1
Das Provisorium dürfte etwa 150.000 Euro kosten, für die endgültige Einrichtung der Begegnungszone sind 1,2 Millionen Euro im städtischen Haushalt 2012/13 veranschlagt. Bis 2014, dem ersten Jahr des bis 2018 dauernden Jubiläums „600 Jahre Konstanzer Konzil“ soll nicht nur der Bahnhofplatz umgebaut sein, sondern auch der Bahnhof selber, und zwar so, dass man den Bahnsteig 2 mit den Gleisen 2 und 3, wo fast alle Fernzüge ankommen und abfahren, auch mit schwerem Gepäck erreichen kann, also über eine langgezogene Schrägrampe oder mit Hilfe von Aufzügen. Seit 150 Jahren und bis heute ist lediglich Gleis 1 barrierefrei zugänglich. Die Bahn verstösst damit seit Jahrzehnten gegen einschlägige Bauvorschriften. Foto: Frieder Schindele





