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6. Mai 2013 | Kunstverein: Barbara Auer stellt Jan Schmidt vor

Mit Hobel, Akkuschrauber und den Blättern eines Sommers

Konstanz (gro) Jan Schmidt, 40, ist ein Mann des Widerstands, einer, der fast Naturwissenschaftler geworden wäre, inzwischen aber gegen die Auswüchse unserer modernen Zeit anarbeitet. Wie subtil und beharrlich Jan Schmidt dabei vorgeht, brachte Barbara Auer, die Direktorin des Kunstvereins Ludwigshafen, dem interessierten Publikum nahe, das sich zur Vernissage im Saal des Konstanzer Kunstvereins im Wessenberghaus versammelt hatte. Den Werdegang Jan Schmidts (Mitte), der in Mainz an der Akademie für Bildende Künste studierte, 2002 Meisterschüler von Professor Ansgar Nierhoff wurde und heute an der Uni Frankfurt lehrt, schilderte Michael Günther, der Vorsitzende des Kunstvereins. Die Ausstellung mit dem Titel „Ich kann es nur wiederholen“ dauert bis Ende Juni.

Durchnummeriert und säuberlich aufgespiesst

Barbara Auer. Jan Schmidt, Michael Günther und die Vernissage-Gäste wurden umgeben von Schaukästen, in denen jede Menge Blätter, einzeln nummeriert und fein säuberlich mit Nadeln auf einen blassblauen Hintergrund gespiesst, ausgestellt sind. Es sind weit über tausend Blätter, unterschiedlich gross, unterschiedlich grün und teilweise leicht angewelkt, aber offensichtlich von einer einzigen Sorte Baum oder Busch stammend.


Die gefallenen Blätter eines Sommers

Wie Jan Schmidt im Gespräch mit Barbara Auer erklärte, handelt es sich bei der umfangreichen Blattsammlung um eine Arbeit aus dem 2. Semester seines Studiums. Die Aufgabe bestand darin, sich auf der Strecke vom Mainzer Hauptbahnhof zur Akademie zu einer künstlerischen Arbeit inspirieren zu lassen. Es war ein Busch, der Jan Schmidt den Anstoss gab. Einen Sommer lang sammelte Schmidt die Blätter, die der Busch nach und nach abwarf, Tag für Tag, versah sie mit Ziffern auf kreisrunden, kleinen roten Etiketten und ordnete alles malerisch, aber ordentlich an in den Schaukästen.

Am liebsten alle Zeit dieser Welt

Wer sich die Zeit nimmt, die Blätter in den Schaukästen zu studieren, hat fraglos die Chance, dem Künstler näher zu kommen, denn Zeit nimmt sich auch dieser Künstler, wie in dem Gespräch mit Barbara Auer deutlich wurde. Am liebsten alle Zeit dieser Welt - um diese Welt und ihre Überraschungen zu erleben, die sich in den einfachsten Dingen verbergen.

Ein guter alter Hobel für Paris

Bei einer Annäherung an solch scheinbar zeitverlorenes Denken und Fühlen können, wie Jan Schmidt zeigt, selbst Holzböcke nützlich sein. Die Böcke, die gewöhnlich gewichtige Platten tragen, müssen nur so fein und zart sein wie die drei Böcke, die jetzt im Kunstverein stehen, entstanden aus langen, feinen Hobelspänen. Auslöser für Anfertigung der gleichermassen altbekannt wie fremdartig wirkenden Objekte sei ein Geschenk gewesen, erzählte Schmidt: ein guter alter Hobel, den ihm ein Freund mitgegeben habe als er, Jan Schmidt, einen halbjährigen Studienaufenthalt in Paris angetreten habe.

Mit Gegengewicht und von der Decke baumelnd

Anna-Maria Lacher-Rapp macht in einer Information für die Presse aufmerksam auf die unterschiedlichsten Materialien, die Jan Schmidt nutzt und bearbeitet, auch auf einen „von der Decke baumelnden Akkuschrauber mit Gegengewicht“, der unter anderem mit Stiften, Pinseln und Lappen bestückt auf weisses Papier losgelassen wird - und wunderbar filigrane Zeichnungen hervorbringt.

Zwei weitere grosse Einzelausstellungen

Auch das Museum Wiesbaden und der Kunstverein Ludwigshafen zeigen in diesem Frühsommer Einzelausstellungen von Jan Schmidt. An einer grossen Installation im Museum Wiesbaden, das nach einer umfangreichen Sanierung in diesen Tagen neu eröffnet wird, arbeitet Schmidt seit Februar. Sein Gefühl für Zeit und Raum ist auch alten Meistern zu gute gekommen als im Museum Wiesbaden die Gemäldesammlung mit Werken von Lucas Cranach, Domenico Tintoretto oder Carl Spitzweg neu geordnet wurde.

Die Stimme für die Kulturhauptstadt

Barbara Auer sprach vom guten Sinn der Zusammenarbeit, auf die gerade Kunstvereine angewiesen seien. So sei es zum Beispiel meist nur gemeinsam möglich, die Kosten für gediegene Kataloge zu stemmen. Die Direktorin des Kunstvereins Ludwigshafen erweist sich im Fall Jan Schmidt, der inzwischen an der Universität Frankfurt Kunst lehrt, erneut als versierte Netzwerkerin: Ein gemeinsamer Katalog der Kunstverene Konstanz und Ludwigshafen, an dem auch das Museum Wiesbaden einen Anteil halten dürfte, kommt im Juni heraus. Barbara Auer sitzt übrigens auch im Vorstand des Arbeitsgemeinschaft Deutscher Kunstvereine (ADKV) mit Sitz in Berlin. Geschätzt wird die gebürtige Konstanzerin nicht zuletzt wegen ihres Engagements für das Projekt Kulturhauptstadt 2020, für das sich Mannheim/Ludwigshafen mit samt der Metropolregion Rhein-Neckar bewirbt.

Kunst verbindet Generationen

Moderne Kunst verbindet nicht nur über Grenzen, sondern auch über Generationen hinweg: Jan Schmidt kam mit Frau und Tochter von Frankfurt nach Konstanz. Und aus Roßdorf bei Darmstadt reisten Rosemarie und Dieter Schmidt an, die Eltern von Jan Schmidt, schliesslich waren sie es, die die Schaukästen mit den gesammelten Blättern aus Mainz im klimatisierten Keller lange gehegt und gepflegt hatten. Wohlgefallen auch bei einem Repräsentanten Konstanzer Urgesteins, bei Hans Auer, der mit grossem Vergnügen das Künstlergespräch im Wessenbergsaal verfolgte, das seine Tochter, „die Bärbel“, mit dem Gast aus Frankfurt führte. Bilder: Frieder Schindele



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