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19. Januar 2012 | Kommentar zum Fall Nycomed

„Die Verantwortlichen gehören aufgeknüpft“

Konstanz (gro) Die Bilanz ist eindrucksvoll: rund 2000 Existenzen vernichtet und dabei mindestens 5 Milliarden Euro verdient, und das alles in knapp 6 Jahren. Hakan Björklund, der Chef von Nycomed dürfte zufrieden sein, und wahrscheinlich wird ihm in diesen Tagen ein fürstlicher Bonus überwiesen. Die Stadt Konstanz und ihre Bürger erben dagegen noch ein paar tausend Quadratmeter leer stehende Gewerbeflächen mehr. Der bis vor wenigen Jahren ertragreich wirtschaftende Konstanzer Pharmakonzern Altana Pharma ist endgültig abgewickelt. Mit dem Verkauf der Firma beauftragt war das New Yorker Bankhaus Goldman Sachs. Ein früherer Manager der Bank, der heute in der Schweiz lebt, sagt, anderswo würden die Verantwortlichen eines derart rücksichtlosen Geschäfts im Knast landen, in manchen Ländern für ein solches Verbrechen sogar „aufgeknüpft“.

Feldfrüchte sind etwas anderes als Männer und Frauen

Die Frage ist: Wer sind die Verantwortlchen – und was haben sie angerichtet? Dass mit Firmen gehandelt wird, kann man wohl weder den Verkäufern noch den Käufern vorwerfen. Im Grunde handeln sie nicht anders als Marktfrauen und ihre Kundschaft mit Kartoffeln und Radieschen. Angebot und Nachfrage bestimmen die Preise. Statt Kartoffeln oder Hühnchen werden eben Unternehmen verkauft und gekauft. Doch so einfach ist es nicht. Feldfrüchte sind etwas anderes als Männer und Frauen. Wer mit Unternehmen handelt, handelt immer auch mit Menschen. Und wenn sie überflüssig werden, werden sie beiseite geräumt und möglichst schnell vergessen. Die Gesetze der so genannten freien Marktwirtschaft erlauben das.


Hakan Björklund machte kein Geheimnis aus seiner Absicht

Dass es mit den Beschäftigten der Altana Pharma AG so weit kommen würde, zeichnete sich früh ab. Bis zum Verkauf im Jahre 2007 wartete das Konstanzer Vorzeigeunternehmen alle 12 Monate auf mit der Bekanntgabe steigender Umsätze und stolzer Erträge. Und dann wurde der weltweit agierende Pharmakonzern an eine Firma verhökert, die mit Verlusten aufwartete statt mit eigenem Geld. Nycomed war nichts anderes als eine materielle Hülle. Hinter der glänzenden Aussenhaut wurde bei Nycomed sofort am personellen Abbau der alten Altana Pharma gearbeitet. Die Grundlagenforschung wurde eingestampft, andere Bereiche, die der so genannten Verschlankung im Wege standen, wurden abgestossen oder eingestellt, darunter auch Produktionsstätten, die erst wenige Jahre zuvor neu gebaut worden waren. Hakan Björklund verlegte den Firmensitz an den Flughafen Zürich-Kloten und wollte die nagelneue, noch nicht einmal bezogene Konzernzentrale an der Konstanzer Byk-Guldenstrasse für ein Drittel ihres Herstellungspreises verscherbeln. Der Nycomed-Chef machte jedenfalls nie ein Geheimnis aus seinen Absichten: Das Unternehmen solle restrukturiert und in möglichst wenigen Jahren mit möglichst hohem Gewinn weiterverkauft werden.

Für die Investoren hat sich das Warten gelohnt

Nun hat es mit dem Weiterverkauf fast doppelt so lange gedauert wie beabsichtigt. Doch für die Investmentabteilung der Crédit Suisse und für Nordig Capital hat sich das Warten gelohnt. Mit fast 10 Milliarden Euro wurde ein stolzer Preis erzielt, der mindestens 5 Milliarden Überschuss in die Kasse der Investoren spülen dürfte. Auch Takeda dürfte hochzufrieden sein. Mit den zusammengelegten Vertriebsnetzen der Altana Pharma AG und der Nycomed verschaffte sich der grösste japanische Pharmakonzern den lange ersehnten breiten Marktzugang in Osteuropa, auf dem indischen Subkontinent und in China. Angesichts solcher Erfolge dürften die Gewinner dieses Deals die endgültige Vernichtung von insgesamt 2000 guten Arbeitsplätzen alleine in Konstanz als unvermeidlichen Kollateralschaden ohne grössere innere Qualen verkraften.


Ein Satz um Grundgesetz ist zu wenig

Der Fehler einer solchen Unternehmenspolitik liegt In der rein materiellen Ausrichtung. Während jeder Handwerksmeister, der seinen Betrieb verkauft, darauf achtet, dass möglichst alle Mitarbeiter bei einem Eigentümerwechsel ihre Arbeitsplätze behalten können, verschwenden die genannten Investoren und ihre Helfershelfer keinen Gedanken daran, Arbeitsplätze zu erhalten, die Existenz von Familien weiter zu sichern und das Wohl einer Stadt und ihrer Bürger zu berücksichtigen. Dass eine solche Rücksichtslosigkeit möglich ist, liegt auch daran, dass es die Politiker versäumt haben, ein verbindliches Regelwerk aufzubauen, Gesetze zu schaffen, die einen solchen Raubbau wie in Konstanz verhindern. Dass es mit der im Grundgesetz verankerten Maxime, wonach Eigentum auch Verpflichtungen mit sich bringe, nicht getan ist, sollte sich inzwischen herumgesprochen haben.

Gesetze, die den Raubbau verhindern

Jetzt rufen Politiker dazu auf, sich am kommenden Dienstag, am 24. Januar, an einer Demonstration auf der Konstanzer Marktstätte zu beteiligen, an einer Protestversammlung, die sich gegen die im japanischen Osaka residierende Takeda Ltd. wendet, weil sie in Konstanz 700 Arbeitsplätze streicht. Die Empörung ist ehrenwert, kommt aber zu spät und ist falsch adressiert. Es wäre es sinnvoller, sofort einen überparteilichen Arbeitskreis zu bilden, der sich der Aufgabe widmet, den rücksichtslosen Handel mit Firmen und ihren Beschäftigten durch taugliche Gesetze zu verhindern. Kommen solche Gesetze nicht, wird eines Tages möglicherweise auch hierzulande der eine oder andere aufgeknüpft.




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Ein Kommentar

  1. 1. hotte

    Hoffentlich müssen die Führungskräfte auch ihren Hut nehmen. Hr. R. sollte als erster gehen müssen.

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