Dornröschen » Blog Archive » Jürgen Leipold, der quicklebendige Dinosaurier
Leserkommentare
 
Sponsoren
22. Januar 2012 | Seit über 40 Jahren für die SPD im Stadtparlament

Jürgen Leipold, der quicklebendige Dinosaurier

Konstanz (gro) Ihm selber war’s gar nicht so recht, doch er kam nicht darum herum: Jürgen Leipold wurde in diesen Tagen für seine 40-jährige Tätigkeit als Stadtrat geehrt. Leipolds Unbehagen verflog spätestens während der Laudatio von Hanna Binder, seiner Kronprinzessin für die Nachfolge im Vorsitz der SPD-Fraktion. Zuvor hatte Horst Frank in wohlgesetzten Worten das enorme bürgerschaftliche Engagement Leipolds gewürdigt. „Die Stadt kann stolz sein auf Männer wie Sie“, sagte der Oberbürgermeister. Und als Frank dem Jubilar das in solchen Fällen übliche Spitalweinpräsent überreichte, sah es einige Momente lang so aus, als wären die beiden dicke Freunde. Jürgen Wiedemann (Neue Linie) verglich Leipold mit einem Dinosaurier, der sich im Gegensatz zu landläufigen Vorurteilen durch Lebendigkeit, Stärke und Klugheit auszeichnet.

Etliche Überraschungsgäste ins Rathaus geholt

Jürgen Leipold hat dem Oberbürgermeister das kommunalpolitische Leben wiederholt ziemlich schwer gemacht, nicht zuletzt mit seinen finanzpolitischen Einwänden gegenüber dem von der Stadtverwaltung leidenschaftlich propagierten Projekt eines Konzert- und Kongresszentrums, einem Projekt, das im Rahmen einer Volksbefragung scheiterte. Doch davon und von anderen Konflikten zwischen Leipold und Frank war in der Gemeinderatssitzung nichts zu spüren. Im Gegenteil, der Oberbürgermeister hatte eine ganze Reihe früherer, aber längst ausgeschiedener Weggefährten Leipolds als Überraschungsgäste in den Ratssaal gebeten und so für einen menschlich-persönlichen Akzent der Feier gesorgt


Kommunalpolitische Haudegen mit Damen

Da sassen sie zu fünft nebeneinander, vier kommunalpolitische Haudegen unterschiedlicher Couleur mit Dame: Günter Hauser, Max Bölle, Klaus Keller-Uhl, Helga Jauss-Meyer und Christoph Heiss. Und in einer weiteren Gruppierung sah man Inge Egler, Uli Blum und Roland Schöner. Und alle diese Überraschungsgäste verfolgten die kleine Feier mit grosser Aufmerksamkeit, und sie nutzten die Gelegenheit, ihrem Stadtparlamentskollegen von Herzen zu gratulieren.

Hanna Binder: „Musterbeispiel eines Demokraten“

Es gab im Übrigen Lob und Anerkennung von allen Seiten. Hanna Binder nahm statistische Daten aufs Korn und kam zum Ergebnis, dass Jürgen Leipold in den vergangenen 40 Jahren eine „reine Sitzungszeit“ von mindestens dreieinhalb Jahren absolviert hat. Schon immer habe ihr Jürgen Leipolds Präsenz, sein Wissen, seine Erfahrung und auch seine Spottlust Respekt abgenötigt. Leipold sei das Musterbeispiel eines Demokraten. Hanna Binder schloss: „Wir sind stolz, dich in unserm Gemeinderat zu wissen“.

Respekt für Leipolds bürgerschaftliches Engagement

Christiane Kreitmeier von der Freien Grünen Liste machte ebenfalls kein Hehl aus ihrem Respekt für Leipolds bürgerschaftliches Engagement. Sie gestand, dass sie Leipold bei seinen Einlassungen zur Kommunalpolitik eigentlich immer gerne zuhöre. Roger Tscheulin, Vorsitzender der CDU-Fraktion, kam angesichts der vier Jahrzehnte dauernden Mitgliedschaft Leipolds im Stadtparlament ins Nachsinnen und machte darauf aufmerksam, dass er damals, als Leipold zum ersten Mal in den Gemenderat gewählt wurde, in der Quarta des Gymnasiums gesessen sei.


Rotkäppchen-Sekt für den Jubilar

Ewald Weisschedel von den Freien Wählern sagte, er habe von Leipold viel gelernt. Besonders imponiert habe ihm die Fähigkeit des Sozialdemokraten, bei drohenden Konflikten mit Alternativvorschlägen auch in anscheinend hoffnungslosen Situationen, doch noch Einvernehmlichkeit zu organisieren. Mit Heinrich Everke meldete sich ein weiterer Arzt zu Wort, und zwar mit dem Bekenntnis, lange darüber nachgedacht zu haben, was man dem Sozialdemokraten Leipold wohl am besten schenke. Ein Vorteil sei, dass Leipold politisch der schönen Farbe Rot zuzuordnen sei. Rote Socken, sagte der Liberale, kämen aus Stilgründen nicht in Frage, ebenso wenig eine rote Mütze („Da denkt man doch sofort an Nicki Lauda”) oder gar rote Boxershorts, „wie man sie in Italien neuerdings gerne“ verschenke. Kurzum, Leipold bekommt von der FDP-Fraktion vier Flaschen Rotkäppchen-Sekt, je eine für ein Jahrzehnt im Rat der Stadt Konstanz.

Eberhard Roth: „Seine Stimme war 1975 entscheidend“

Spontan meldete sich ein dritter Mediziner zu Wort: Eberhardt Roth, einst Mitglied der der CDU-Fraktion, neuerdings fraktionslos und ab März lebender Bestandteil der neuen Fraktionsgemeinschaft, bestehend aus Jürgen Wiedemann (Neue Linie), Claudia Zunker (Frank & Freie) und eben Roth. Zu Gruss und Gratulation bewege ihn, sagte Roth, vor allem seine Wahl im Jahre 1975 zum Ärztlichen Direktor des Konstanzer Klinikums. Wenn ihn nicht alles täusche, sagte Roth weiter, sei er damals dank der Stimme Leipolds mit einer Stimme Mehrheit vom Gemeinderat in sein Amt gewählt worden. Leipold konnte sich, wie er im kleinen Kreis anschliessend sagte, „nicht mehr so ganz genau an die Wahl vor über 36 Jahren erinnern“. Er entsinne sich aber, dass damals der Konkurrent Roths vom bischöflichen Ordinariat empfohlen worden sei. Insofern sei es „in der Tat ziemlich sicher“, sagte Leipold weiter, „dass ich damals für Eberhard Roth gestimmt“ habe.

Die Wahrheit über moderne Dinosaurier

Jürgen Wiedemann (Neue Linie) schenkte Leipold einen Dionosaurier aus Stoff, dekoriert mit einem knallroten Halstuch, und sorgte damit für zusätzliche Lockerheit im Konstanzer Ratssaal. Stadtrat Wiedemann behauptete, „bei dieser Gelegenheit“ einem weitverbreiteten Urteil entgegen treten zu müssen: Es bestehe zwar kein Zweifel, dass Leipold so etwas sei wie ein kommunalpolitischer Dinosaurier. Doch die Charaktereigenschaften, die einem Dinosauerier gewöhnlich angedichtet werden, seien „glatte Verleumdung“. Dinosaurier seien nicht dumm, sondern klug, nicht schwerfällig, sondern flink. Und ausgestorben seien sie auch nicht, sagte Wiedemann weiter. Erstens seien die Vögel die biologische Fortentwicklung der Dinois, zweitens sei Jürgen Leipold der beste Beweis für das lebendige Fortbestehen kommunalpoitischer Dinosaurier.

Die SPD als Jungbrunnen?

Auch wenn Jürgen Leipold mit über 40 Jahren Mitgliedschaft im Stadtparlament von Konstanz einen lokalen Rekord aufgestellt haben dürfte: Schon regional könnte Leipold damit keineswegs ganz vorne punkten. Im Oktober des vergangene n Jahres wurde Dietmar Johann, damals 68 Jahre alt, für 43 Jahre Zugehörigkeit zum Gemeinderat Singen geehrt. Übrigens ebenfalls ein Sozialdemokrat. SPD–Mitglied zu sein, hält anscheinend jung und gesund.

Leipolds persönliches Limit

Jürgen Leipold selber ging nur kurz ein auf den Langzeitfaktor. Natürlich könne man darüber streiten, ob eine so lange Zugehörigkeit zum Gemeinderat sinnvoll sei oder nicht. Er sei auch gefragt worden: „Wie kann man das nur so lange aushalten?“ Nun, er habe es im Laufe der Jahrzehnte zwar mit einer langen Reihe von Räten zu tun gehabt, aber lediglich mit drei verschiedenen Stadtoberhäuptern. Im Übrigen solle man nicht vergessen, dass alle fünf Jahre gewählt wird, dass also die Bürger alle fünf Jahre die Gelegenheit hatten, ihm ein „Nein“ entgegen zu halten. Leipold hat inzwischen sein persönliches Limit gesetzt. Den Fraktionsvorsitz hat er schon abgegeben, und er will seine Tätigkeit als Stadtrat beenden wie sie begonnen hat: als einfaches Mitglied der SPD-Fraktion. Voraussichtlich zum Jahresende will er sein Amt als Stadtrat zur Verfügung stellen. Erneut kandidieren, das wäre im jahre 2014, will Jürgen Leipold nicht mehr. Bilder: Erich Gropper




 Kommentieren    Trackback    Drucken

Ein Kommentar

  1. 1. Bauigel

    Ja, da gab’s doch schon mal eine ähnlich entscheidende Entwicklung in der Menschheitsgeschichte.
    Nachdem die Dinosaurier damals abgetreten waren, konnten endlich sich menschenähnliche Kreaturen durchsetzen.
    Für Konstanz tut sich eine echte Chance auf. Eine dinosaurierfreie Zone!

Neuen Kommentar schreiben ...