Neue Partnerstadt von Konstanz soll in der Ukraine sein
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Konstanz (gro) Die sechste Partnerstadt von Konstanz soll eine Stadt in der von russischen Kriegstruppen überzogenen Ukraine sein. Diese Absicht hat die Mehrheit des Gemeinderats bereits bekundet. Heute soll die Entscheidung fallen. In Frage kommt die Stadt Berdytschiw südöstlich von Kiew. Und Berdytschiw kann jetzt schon mit bemerkenswerten Berührungspunkten aufwarten: Mit etwa 80.000 Einwohnern ist es fast exakt genau so gross wie Konstanz. Ausserdem ist Berdytschiw ökonomisch und kulturell ähnnlich strukturiert wie unsere Stadt, auch durch ein lebendiges Musikwesen, zu dem etliche Tanzwerkstätten gehören.
Schauplatz einer von Balzacs “Tolldreisten Geschichten”
Besonders interessant sind die Berührungspunkte in Sachen Imperia. Sie dreht sich in Konstanz, weil deren Liebesaffaire mit einem frommen Kardinal in einer “Tolldreisten Geschichte” von Honore de Balzac aus Diskretionsgründen vom Konzil in Trient ans Konstanzer Konzil verlagert worden ist. Und Balzac hat ausgerechnet in Berdytschiw, in der Kirche der heiligen Barbara, seine grosse Liebe, die polnische Gräfin Evelona Hanska, geheiratet.
Der Kampf im Kloster der Karmeliter
Eine Partnerschaft mit Berdytschiw würde sich hervorragend dafür eignen, Kriegsherrn Wladimir Putin den Unsinn seiner Behauptung, die Ukraine sei schon immer russisches Territorium gewesen, um die Ohren zu schlagen. Tatsächlich gelang es erst sieben Jahre vor 1800, die Ukraine wenigstens vorübergehend dem Zaren-Reich einzuverleiben. Ein beredtes Zeugnis der historischen Entwicklung ist nahe dem Stadtzentrum von Berdytschiw zu besichtigen: das rundum schwer befestigte ehemalige Kloster der Unbeschuhten Karmeliter (unser Bild/Foto Serge Krintisia/Heidamac). Es war 1768 Schauplatz erbitterter Kämpfe gegen die damals schon eroberungssüchtigen Russen, als sie diese Stadt und ihr Umland zu okupieren trachteten, eine Stadt, die damals zu Fürstentümern Litauens und Polens gehörte. Zu den 700 militärischen Verteidigern der Karmeliter-Festung gesellten sich seinerzeit hunderte Freiwillige, meist Bürger der Stadt..
Verwahrloste Massengräber der Ermordeten
Wenn Putin behauptet, man ziehe jetzt in der Ukraine gegen Faschisten und Nazis zu Felde, ist Berdytschiw ein geradezu klassischer Gegenbeweis dieser Lüge. Bis 1915 und noch einige Jahre darüber hinaus war Berdytschiw für besonders fromme Juden eine Stadt der Geborgenheit. Doch alles änderte sich, als 1941 mit Stalin verbündete (!!), deutsche Nationalsozialisten in Berdytschiw einfielen (mit dem SS-Sonderkommando 4a der Einsatzgruppe C an vorderster Front), und zwar bald nach dem 1939 begonnenen Überfall der deutschen Wehrmacht auf Osteuropa. In Berdytschiw sind über 30.000 Männer, Frauen und Kinder jüdischen Glaubens umgebracht worden. Doch ausgerechnet der Kreml verbot nach dem Krieg die Heraushebung einzelner Volksgruppen im Zusammenhang mit Kriegsopfern. Die bei den Mordaktionen der Nationalsozialisten angelegten Massengräber bei Berdytschiw sind heute teilweise verwahrlost und von Grabräubern verunstaltet; informative Gedenktafeln wurden von russisch dominierten Behörden nach 1945 still und heimlich entfernt. Dabei war das Jiddisch in Berdytschiw, in dem die jüdische Bevölkerung (mit vielen Anhängern der besonders frommen Cassiden-Bewegung) um die vorvergangene Jahrhundertwende zeitweise fast 80 (!!) Prozent der Einwohner stellte, bis 1915 als Amtssprache zugelassen gewesen.
Die dauernde Angst vor Tod und Zerstörung
Berdytschiw hatte sich im 18. Jahrhundert, neben Warschau, Kiew und Lemberg (Lwiw) zu einem Schwerpunkt der jüdischen Bevölkerung in Osteuropa entwickelt. Die Stadt, die schon im Mittelalter mit einem lebendigen Marktgeschehen aufwartete, war (und ist noch immer) ein Handelszentrum inmitten der Ukraine, einem Land, in dem in neuerer Zeit immerhin das grösste Frachtflugzeug der Welt (eine Antonow) entwickelt und in Dienst gestellt wurde. Es gibt in Berdytschiw Maschinenbaufirmen und, zum weiteren Beispiel, eine Schuhfabrik, die für Markenfirmen auf der ganzen Welt produziert. Man ist innovativ in Berdytschiw und sehr viel “digitaler” aufgestellt als etwa bei uns am Bodensee. Aber man ist im Krieg. Zuletzt sind 3 Raketen auf Berdytschiw niedergegangen. Klar, man will sich nicht unterkriegen lassen, aber die Angst vor Zerstörung und Tod ist allgegenwätig, jeden Tag und in jeder Nacht. Grossartig, wenn die Konstanzer jetzt darangehen, tatkräftige Solidarität mit den Menschen in Berdytschiw aufzubauen!





