Wenn der Funke überspringt
Konstanz (gro) Die Welle der Gewalt werde nicht herüberschwappen aus Frankreich. Davon ist man in Konstanz überzeugt. Vor Trittbrettfahrern, wie Nachahmungstäter genannt werden, sei man zwar nirgends sicher, heißt es in Polizeikreisen. Doch grundsätzlich gelte, dass es in Konstanz „nirgends diese Ghettosituation“ gebe wie in den Randgebieten vieler französischer und englischer Städte. Auch aus der Ausländer-Szene selber verlautet, Gewaltausbrüche seien in Konstanz „absolut unwahrscheinlich“. Und wenn es hierzulande doch einmal gewalttätig zugehen sollte, habe das „ganz andere Ursachen“ als in Frankreich.
Gefährlich nahe
Mit den vielen Brandanschlägen Jugendlicher in Straßburg hat die europäische „Initifada“ (aus dem Arabischen: sich erheben, abschütteln) die badische Grenze erreicht und ist damit gefährlich nahe gerückt. Es funkte jedoch nicht etwa in Kehl oder Offenburg; erste brennende Autos gab es in Bremen, Hamburg und Berlin.
Psychologen verweisen darauf, dass die Bilder von nächtlichen Bränden, erfolglosen Polizeieinsätzen und vermummten Jugendlichen, die wie Gespenster auftauchen und verschwinden, „sehr verlockend“ seien. Vor allem für frustrierte junge Menschen, die schon länger keine Arbeit haben und auch keine Aussicht auf verbesserte Lebenschancen. Die Gewalt auf den Straßen könne als eine Art Zündfunke wirken, wenn sich Enttäuschung über längere Zeit aufgestaut habe.
Zittern an der Limmat
Und in der Tat. Die letzten heftigen Krawalle mit Straßenschlachten zwischen Jugendlichen und der Polizei im vergleichsweise kreuzbraven Zürich liegen gerade mal vier Jahre zurück. Die Ursachenforschung ist bis heute nicht abgeschlossen. Und jedes Jahr zittern an der Limmat Tausende Geschäftsinhaber, wenn am zweiten Augustwochenende die Zürcher Love-Parade durch die Stadt wogt, ein Massenauflauf, der allerdings noch immer friedlich verlief.
Gefahr geht jedenfalls sowohl am Zürichsee wie am Bodensee nicht von Jugendgangs verwahrloster Vorstädte aus. Die allfällige Antriebsfeder wäre vielmehr aufgestaute Wut gegen die enttäuschenden herrschenden Verhältnisse, genährt von einer Frustration auf hohem Niveau. Die Einführung von Studiengebühren und überteuerte Mieten in Universitätsstädten tragen dazu ebenso bei wie weltfremde Politiker und maßlose Manager.
„Nicht die geringste Lust“
Sowohl Said Kendriche, der aus Algerien stammende Wirt des „Laugele“ am Fischmarkt, als auch Sabri Amriko, ein in Konstanz längst heimisch gewordener Syrer, sind sich sicher, dass es weder unter den Nordafrikanern noch unter Zugezogenen aus dem Nahen Osten, noch unter den Türken, Indern oder Pakistani, Iranern oder Schwarzafrikanern „die geringste Lust auf Gewalt“ gibt.
Dasselbe gilt für Neukonstanzer aus dem ehemaligen Jugoslawien, aus dem Kosovo und aus Albanien (von Chinesen, Tschechen, Slowaken, Koreanern, Italienern, Portugiesen, Iren, Spaniern, Griechen, Engländern, Holländern, Dänen, Russen, Surinami, Kubanern, Brasilianern, Argentiniern und Schweizern ganz zu schweigen). Im fraglos gut bürgerlichen „Barbarossa“ am Konstanzer Obermarkt arbeiten in guten Zeiten Frauen und Männer aus sage und schreibe 18 Nationen, und zwar „in ganz normaler Harmonie“, wie Hotelier Jürgen Wiedemann versichert.
Deutscher Protest wahrscheinlicher
Sabri Amriko, der Syrer, der als sozial engagierter Mann guten Zugang hat zur Ausländer-Szene, kann sich handfesten Protest auch in Konstanz durchaus vorstellen. Doch der werde dann weniger von Ausländern kommen als vielmehr von deutschen Kleinunternehmern und Mittelständlern, die an der deutschen Bürokratie verzweifeln
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Dabei gibt es laut Amriko durchaus auch Beklagenswertes zu vermelden, was die aktuelle, internationale Konstanzer Flüchtlingsszene betreffe. Das öffentliche Interesse daran sei in letzter Zeit aber leider „ziemlich eingeschlafen“.





