Mit Wasserflöhen, Forellen und Radar
Konstanz/Sipplingen (gro) Forellen und Radar überwachen unser Trinkwasser. In der Schweiz kommen demnächst auch Wasserflöhe zum Einsatz, um feinste Verunreinigungen im lebensnotwendigen Nass aufzuspüren. Und immer geht es um die Sicherheit. Die Frage danach ist es, die seit dem vergangenen Wochenende, als der Giftanschlag auf die Bodensee-Wasserversorgung bekannt wurde, den Diskussionsstoff lieferte, der Behörden und Öffentlichkeit beschäftigt. Kein Wunder, schließlich versorgen sich etwa 5 Millionen Menschen mit Trinkwasser aus dem Bodensee. Die Wasserwerke rund um en See versichern: Die Qualität des Trinkwasser aus dem Bodensee ist nach wie vor hervorragend.
130 Milliarden Liter für 4 Millionen
Allein die Sipplinger Entnahmestelle im Überlinger See saugt pro Jahr für 146 überwiegend baden-württembergische Städte und Gemeinden die ungeheuere Menge von 130 Milliarden Litern an, um über ihr 1700 Kilometer langes Leitungsnetz knapp 4 Millionen Menschen weit über Stuttgart hinaus mit einwandfreiem Trinkwasser zu bedienen, einem Wasser, dessen Qualität nachweislich den allermeisten abgefüllten stillen Wässerchen überlegen ist.
Die Nachricht, dass der nordwestliche Arm des Bodensees, der Überlinger See, vor Sipplingen mit Radar überwacht wird, ist ganz neu. Angeordnet wurde diese Maßnahme, wie gestern von Hans Mehlhorn, dem Direktor der Bodensee-Wasserversorgung (BWV), verraten wurde, unmittelbar nach Eingang des Drohbriefes am 18. Oktober, in dem der wahrscheinlich immer noch unbekannte Täter seinen Anschlag auf Europas größten Trinkwasserspeicher bekannt gegeben hatte. Taucher fanden zwei Plastikkanister mit dem Pflanzenschutzmittel Atrazin. Die Behälter waren geöffnet worden, das Gift jedoch, laut Angeben der Behörden, nur in kleinen Mengen ausgetreten.
Den Wind aus den Segeln genommen
Mit der Nachricht von der Radarüberwachung nahm Mehlhorn gestern einigen Kritikern, die eine schärfere Kontrolle des Sees gefordert, ihn aber dazu nicht befragt hatten, einigen Wind aus den Segeln. Im Übrigen empfiehlt der Chef des Trinkwasserunternehmens den zuständigen Politikern - und dies im Einklang mit kritisch nachfragenden Journalisten wie dem jüngsten „Südkurier“-Leitartikler Martin Baur – über eine Teilsperrung des Überlinger Sees nachzudenken, aus dem so viele Menschen ihr Trinkwasser beziehen. Als besonders sensible Kontrolleure der Wasserqualität werden in Sipplingen neben den klassischen Mitteln (Kohlefilter und Ozon) Forellen eingesetzt.
„Bei uns wäre ein solcher Anschlag wie im Bodensee nicht möglich“, erklärte unterdessen einem „Blick“-Bericht zufolge Erich Mücke, der Chef der Trinkwasserversorgung Zürich: „Gezielte Anschläge auf unsere Wasserreservoirs würden wir entdecken.“ Und nächstes Jahr werde man eine „neue Geheimwaffe einsetzen“, den Wasserfloh, der extrem sensibel auf Verunreinigungen reagiere. Gut gerüstet fühlt man sich laut diesem Bericht der Schweizer Boulevardzeitung auch in Basel. Man verzichte zwar auf Fische und Flöhe, habe dafür aber „andere“ Sicherheitsvorkehrungen getroffen.
2 Millionen für die Sicherheit
Gewappnet gibt man sich auch in Bern, wo es „zehn heikle Stellen“ der Wasserversorgung gebe, die man „gut gesichert“ wisse. Nach dem Terroranschlag auf das World Trade Center in New York habe man in der Schweizer Bundeshauptstadt 2 Millionen Schweizer Franken in die Sicherheit der Trinkwasserversorgung investiert, erklärte Andreas Pärli von der „Energie Wasser Bern“ (EWB).
Übereinstimmend wird jedoch betont, einen 100-prozentigen Schutz könne es nicht geben. Dazu wäre es unter anderem nötig, den Bodensee und alle seine Zuflüsse hermetisch abzuriegeln und zum Sperrgebiet zu erklären, eine Maßnahme, die Reisende von großen Trinkwasserspeichen, zum Beispiel in Sizilien oder im Hochland von Nordafrika, durchaus kennen.
Der See schützt sich selber
Die größte Barriere gegen Vergiftungsgefahr liefert im Übrigen der See selber, und zwar durch seine schiere Größe. Experten haben es hinter den Kulissen ausgerechnet: Um das Bodenseewasser ungenießbar zu machen, müssten von dem seit 1991 verbotenen Pflanzenschutzmittel Atrazin, das in den 5-Liter-Gift-Kanistern enthalten war, nicht weniger als 20 Millionen Liter in den See eingeleitet werden. Um diese Menge abzufüllen, wären immerhin 400.000 solcher Kanister mit einem Gesamtgewicht von fast 440 Tonnen nötig.
Es gibt noch eine andere verrückte Rechnung, die aber geeignet ist, die gar nicht dumme Angst vor vergiftetem Wasser auf eine intelligente Art und Weise abzubauen: Das Gift, das aus den Kanistern in den See geriet, führte in der Nähe der Sipplinger Ansaugstelle zu einer Verunreinigung des Rohwassers, die weit unter dem von der WHO (der UNO-Weltgesundheitsorganisation) vorgegeben Grenzwert lag. Laut BWV-Chef Mehlhorn wurden nach dem Giftanschlag „einige Milliardstel Gramm Atrazin pro Liter“ gemessen, sehr viel weniger als die 0,1 Millionstel Gramm, die von der WHO als noch erlaubte Menge zugestanden werden.
Jährlich 40.000 Einzelproben
Und selbst beim Erreichen des WHO-Grenzwertes müsste ein Mensch am Tag 50.000 (!) Liter eines solchen Wassers trinken, damit das Pflanzenschutzmittel seine gesundheitsschädigende Wirkung zuverlässig entfalten könnte, heißt es in einer Mitteilung der WHO. Diese gute Nachricht sei abschließend ergänzt durch den Hinweis, dass die Bodensee-Wasserversorgung die Qualität ihres Trinkwassers nicht nur von sensiblen Forellen, sondern auch durch nicht weniger als 40.000 Einzelproben pro Jahr prüfen lässt.





