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15. Mai 2006 | Überraschung für Stadt und Gemeinderat

Frank und Boldt planen Konstanzer Kulturrevolution

Konstanz (gro) In China war es die Viererbande, die vor 50 Jahren die wohl bekannteste Kulturrevolution dieser Welt anstieß; in Konstanz ist es ein honoriges Duo (unser Bild zeigt es im Ratssaal), das die Neuordnung des institutionellen kulturellen Lebens anstrebt. Gemeinsam jedoch ist beiden Projekten die Anordnung von ganz oben. In der Volksrepublik war’s Mao Zedong mit seiner Führungsclique, in Konstanz sind es Oberbürgermeister Horst Frank (Grüne) und sein Kulturdezernent Claus Boldt (CDU). Letzterem sollen die Philharmonie, das Theater und die Museen „als die drei kulturellen Leuchttürme der Stadt“ direkt unterstellt werden, koordiniert von einem erweiterten und aufgewerteten Sekretariat, das so zu einer Art Stabsstelle werden könnte. Geplant ist ferner, das Kulturamt aufzulösen. Es soll umgewandelt werden in ein Amt für Schulen, Wissenschaft und Bildung. Das von Waltraut Liebl-Kopitzki seit zwei Jahrzehnten geleitete Amt verlöre zwar seine Gelenkfunktion gegenüber der klassischen Kultur, sollte sich dafür aber anscheinend in Belange einmischen dürfen, die bisher noch unter der Hoheit des Landes stehen.

Einige Gemeinderäte haben Wind davon bekommen

Der Konstanzer Gemeinderat ist in die bevorstehenden Umwälzungen noch nicht eingeweiht worden. Beobachter schätzen, dass lediglich ein halbes Dutzend der 40 Stadtparlamentarier von den Plänen Wind bekommen hat. Zu ihnen gehört Hanna Binder. Die SPD-Stadträtin nahm als einziges Mitglied des einheimischen Gemeinderats an einem Empfang im Bürgersaal teil, wo Horst Frank am vergangenen Samstagnachmittag eine kommunale Delegation aus Winterthur begrüßte. Der Oberbürgermeister verwies in seiner Ansprache auf die kulturelle Bedeutung von Konstanz und sprach davon, dass man dabei sei, die Zeichen der Zeit zu erkennen und diesen wichtigen Bereich neu zu ordnen.

Mit dem Leitbild kaum zu vereinbaren

Während man nun also in Winterthur einigermaßen Bescheid weiß, dürfte in Konstanz zunächst einmal Verunsicherung um sich greifen. Entgegen dem selbstverordneten, internen Leitbild der Stadt sind die Planungen mit dem betroffen Personal nicht diskutiert oder gar gemeinsam entwickelt worden. Der Gemeinderat weiß nicht viel und nichts Genaues, und man wird wohl zunächst geklärt haben wollen, ob man bei der Umorganisation mitzureden oder nur zur Kenntnis zu nehmen hat, was sich die Verwaltungsspitze ausdachte. Ein eindeutiges Mitspracherecht dürfte sich nach Ansicht von Fachleuten auf alle Fälle dann ergeben, wenn es um die Bewilligung von Personalstellen geht.

Auf der Suche nach Einsparmöglichkeiten

Frank und Boldt werden auch zu tun bekommen, Befürchtungen zu zerstreuen. Denn Oberbürgermeister und Erster Bürgermeister sind sich einig, dass es gelte, bei der Kultur weiter einzusparen. Zwar ist längst der Vorschlag vom Tisch, die Spielstätte des Jugendtheaters, die Spiegelhalle, zu schließen und das Sommertheater in Übersee dauerhaft zu stornieren. Doch die beiden kommunalen Spitzenbeamten wollen nach wie vor Wege finden, den 10-Millionen-Etat für Kultur weiter abzumagern.

Lorenz und seine kaufmännische Grundhaltung

Christian Lorenz verstand es, seine Position als Intendant der Philharmonie zu festigen - nicht zuletzt durch die Betonung einer dezidiert kaufmännischen Grundhaltung. Einen solchen Prozess hätte Christoph Nix, der designierte Intendant des Stadttheaters, erst noch vor sich. Die Frage ist allerdings, ob er sich darauf überhaupt einlassen will. Der Mann, der vor allem wegen seines künstlerischen Temperaments vom Gemeinderat für die Theaterleitung ausgesucht wurde, konnte in der Vorphase seines Wirkens zwar noch abgedrängt werden in ein Dachkämmerlein über dem Jugendamt.

Kommt das Drei-Monats-Controling fürs Theater?

Trotzdem scheint Claus Boldt, der nun seit einem Jahr im Amt ist, im Vorfeld der im September anbrechenden Ära Nix eine gewisse Bedrohung zu empfinden. Andernfalls ließe sich kaum erklären, dass der Bürgermeister tatsächlich damit liebäugelt, sich von dem künftigen Intendanten, der sich derzeit einarbeitet, alle drei Monate einen Rechenschaftsbericht mit genauen Zahlen vorlegen zu lassen. Das wiederum dürfte nur machbar sein, wenn dem Intendanten neben einer tüchtigen Sekretärin mindestens ein zusätzlicher Assistent zugeordnet würde. Vielleicht ist das aber gar nicht notwendig. Denn womöglich wird künftig ein spezielles Kultur-Controling ja auch von der neuen Stabstelle beim Dezernenten Boldt übernommen.



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