Konstanz- Dettingen (gro) Immer wieder ist es die Arroganz der Herrschenden, die den Nährboden schafft für revolutionäre gesellschaftliche Entwicklungen. Das war so im Großherzogtum Baden Mitte des 19. Jahrhunderts, und das könnte sich im 21. Jahrhundert wiederholen, wo arbeitslose Hartz-IV-Empfänger miterleben, wie einzelne Top-Manager jedes Jahr Millionenbeträge einstreichen können - umso mehr, wenn sie es schaffen, eine immer größere Anzahl von Mitarbeitern überflüssig zu machen. Anhand von Einzelbeispielen will Raphael Leonhardt, der ehemalige Universitätslehrer, heute Abend im Dettinger Bürgersaal deutlich machen, wie Revolutionen entstehen, wie ihnen der Nährboden bereitet wird. Etwa während des 19. Jahrhunderts in Baden. Das war damals kein glückliches Land. Das Volk litt bittere Not, während ganz oben meist „arrogante Weicheier“ (Leoonhardt) regierten, die einen repressiv und willkürlich agierenden Beamtenapparat gewähren ließen. Der Vortrag im Dettinger Bürgersaal beginnt um 20 Uhr. Auf dem Bodanrück abgeschlachtet Zu den Hintergründen gehört das Wissen um die Bauernkriege, in denen über 300 Jahre vor der Badischen Revolution etwa 100.000 einfache Menschen regelrecht niedergemetzelt worden waren, weil sie es gewagt hatten, gegen Willkür und Knechtschaft aufzubegehren. Allein auf dem Bodanrück schlachteten damals Milizionäre der Stadt Überlingen etwa 4000 Landarbeiter ab. Der Schock dieses massenhaften Gewaltakts saß tief und sorgte über mehr als drei Jahrhunderte hinweg für unveränderte Machtverhältnisse. Kirche sorgte für geistige Unterdrückung Für den Erhalt dieser Verhältnisse habe sich auch die Kirche mit Nachdruck eingesetzt, sagt Leonhardt, ein praktizierender Katholik. Vor allem die Geistlichkeit habe auch noch im 19. Jahrhundert dafür gesorgt, dass die geistige Unterdrückung funktionierte. Typisch dafür sei zum Beispiel, dass Sammelwerke des Wissens, wie etwa große Enzyklopädien, von der Kirche auf den Index gesetzt wurden. Viele derartige, mittelalterlich anmutende Verdikte, die es einem katholischen Christenmenschen bei Androhung der Exkommunikation untersagten, bestimmte wissenschaftliche Werke zu lesen oder gar zu studieren, sind laut Leonhardt erst vor knapp 40 Jahren, vom II. Vatikanischen Konzil, aufgehoben worden. Markgraf Karl Friedrich förderte die revolutionären Ideen An der Wende zum 19. Jahrhundert standen in Baden laut Leonhardt 90 Prozent Unterprivilegierten 10 Prozent Wohlhabende und Mächtige gegenüber. Es habe allerdings auch Ausnahmen gegeben. Aufgeklärte Regenten wie Markgraf Karl Friedrich, die ganz bewusst die sich abzeichnenden humanistisch-liberalen Umwälzungen gefördert hätten und zu den Wegbereitern von Demokratie und verspäteter Aufklärung in Baden zu zählen seien. Vom Vormärz bis zu Hartz IV Für seinen heutigen Vortrag hat Leonhardt bisher wenig berücksichtigte Quellen ausgewertet. Hinzu kommt, dass der ehemalige Universitätslehrer den geschichtlichen Bogen weit spannt und dabei verblüffende Parallelen in der Gegenwart entdeckt. „Baden im Vormärz“, sagt Leonhardt, „das war eine Situation, die mich durchaus ein wenig gemahnt an die Lebenssituation von Menschen, denen heute Hartz IV verordnet wird“. Künftige Umwälzungen werden globaler Beobachter der gesellschaftlichen Entwicklungen sind sich einig, dass Revolutionen im Laufe der Zeit, unterstützt durch immer bessere Zugänglichkeit von Information, einen globaleren Charakter annehmen werden. Aktuelle Erhebungen förderten jetzt zu Tage, dass das reichste Prozent der Weltbevölkerung mit 9,5 Prozent des weltweiten Einkommens mehr kassiere als die gesamte arme Hälfte der Menschen, die es auf gerade mal 8 Prozent des Welteinkommens bringen. Die Reichen werden vorerst immer reicher Die globale Ungleichheit dieser „Einkommensschere im Weltmaßstab“ (so gestern der Zürcher „Tages-Anzeiger“) nehme keineswegs ab. Im Gegenteil: Obwohl das Welteinkommen seit 1990 um 12.000 Milliarden Dollar zugenommen habe, hätten die Ärmsten wenig davon. Ganze 3 Prozent davon seien an sie geflossen; 97 Prozent des Mehreinkommens sei dagegen an Menschen gegangen, die es weniger nötig gehabt hätten.
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