Konstanz/Kreuzlingen (gro) Morgen ist es einen Monat her, dass die alte Dame in aller Stille zu Grabe getragen wurde. Gemeint ist die im Juli 1908 gegründete Mittelhurgaubahn (MThB), der Konstanz unter anderem den Seehas und die hervorragende Anbindung ans Schweizer Schnellzugnetz verdankt. Am Ende war der Mittelthurgaubahn das Geld so knapp geworden, dass es zum Überleben nicht mehr reichte. Im Jahre 2002 war die vor 98 Jahren gegründete Aktiengesellschaft zahlungsunfähig geworden. Umso erfreulicher ist es, dass der Stadt Konstanz aus dem Nachlass der MThB demnächst 585.000 Schweizer Franken zufließen. Das Geld sollte in die überfällige Sanierung des stellenweise verwahrlosten Hauptbahnhofs gesteckt werden. Freudige Zustimmung ist zu erwarten Keine Frage ist es jedenfalls, dass der Haupt- und Finanzausschuss des Konstanzer Gemeinderats in seiner heutigen Sitzung die Nachricht von der bevorstehenden Überweisung mit freudiger Zustimmung quittieren wird. Bei den 585.000 Franken handelt es sich um knapp die Hälfte des Betrages, den die Stadt Konstanz einst zum Stammkapital der MThB AG beigesteuert hat. Die übrigen Aktionäre werden mit der gleichen Quote (49 Prozent) bedacht. Insgesamt können aus Liquidation der MThB, an der die Stadt Konstanz mit 10 Prozent beteiligt war, 7,9 Millionen Franken zur Verfügung gestellt werden. Alles Geld wurde sinnvoll investiert Auf der anderen Seite verzichtet Konstanz auf die Rückzahlung eines Darlehens in Höhe von 181.000 Euro. Wesentlich größere Abschreibungen muten sich der Schweizer Bund und der Kanton Thurgau zu: Sie verzichten auf die Begleichung von Darlehen in einer Gesamthöhe von insgesamt 40 Millionen Franken Doch diese Zurückhaltung ist sinnvoll. Denn das Geld wurde nicht zum Fenster hinaus geworfen, sondern in den ehrgeizigen Ausbau der Seelinie zwischen Schaffhausen und Rorschach und in den Schweizer Abschnitt der Stammstrecke Wil - Kreuzlingen/Konstanz – Singen – Engen gesteckt. Die Züge der MThB zogen durch halb Europa Dass die Strecke nach Schaffhausen und entlang des schweizerischen Bodenseeufers mit schmucken Zügen, etlichen neuen Haltepunkten (nahe Konstanz in Triboltingen, Kreuzlingen-Seepark sowie Münsterlingen-Ost) mit engem Takt und herausgeputzen Bahnhöfen ausgestattet wurde, ist Peter Joss zu verdanken, dem „größenwahnsinnigen Bahndirektor“, wie man den MThB-Chef in Bern Mitte der 90er Jahre zeitweise, halb bewundernd, beschimpfte. Dazu trug das angegliederte Reisebüro bei, das altgediente Züge wie den Transeuropa-Express (TEE) oder Wagons des historischen Orientexpress’ aufkaufte, aufmöbelte und durch halb Europa ziehen ließ. Auch in den USA und bis nach China sicherte sich das Reisebüro der Mittelthurgaubahn ansehnliche Marktanteile am Bahntourismus. Im übrigen wurde fast der ganze Güterverkehr in die Ostschweiz von den Mittelthurgauer Bähnlern abgewickelt. Ohne Joss gäbe es in der Region viel weniger Bahn Ohne Joss und seine kühnen Pläne würden heute zwischen Kreuzlingen und Schaffhausen wahrscheinlich Busse und keine Züge mehr verkehren. Es gäbe zwischen Kreuzlingen und Romanshorn nicht mehr, sondern weniger Bahnhöfe. Und auf keinen Fall wäre ohne Joss auf der Seehasstrecke vor zehn Jahren der Halbstundentakt eingeführt und der Personenverkehr zwischen Radolfzell und Stockach/Seehäsle) wieder aufgenommen worden. Bis es nicht mehr ging Joss und seine engsten Mitarbeiter haben sich dabei übernommen. Und weil der Chef, der mit „seiner“ MThB die große SBB am Bodensee ausgestochen hatte, nicht mit politischem Rückhalt rechnen konnte, wurde getrickst, wurden mit den Geldern von Bund, Kanton und Gemeinden am Ende fast nur noch Löcher gestopft, so lange, bis es dann eben nicht mehr weiter ging. In Wirklichkeit waren nur ein paar Prozent privat Nun ist die Mittelthurgaubahn verschwunden, die Privatbahn, die in Tat und Wahrheit doch schon immer ein Unternehmen der öffentlichen Hand gewesen ist. Schließlich gehörten 60 Prozent dem Bund und dem Kanton, 10 Prozent der Stadt Konstanz und über 25 Prozent Schweizer Gemeinden, vor allem Kreuzlingen, Weinfelden und Wil. Nur ein paar Prozent waren in der Hand von Privatpersonen. Übernommen hat den Betrieb die Thurbo AG, und die gehört zu den SBB, die nun am Ende doch die Bodenseebahn betreiben, bis hinauf ins St. Galler Land und dazu die Seehasstrecke, ganz so wie Peter Joss das immer wollte.
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