Konstanz/Kreuzlingen (gro) Tarot und Edelstahl gehören zu den Ingredienzien, mit denen Johannes Dörflinger die wohl letzte befestigte Grenze im Herzen Europas nachhaltig und in aller Form überwindet, ohne sie verschwinden zu lassen. Das aus dem immer noch geheimnisumwitterten Kartenspiel entlehnte Symbol des Eremiten, das der Konstanzer Künstler acht Meter hoch in schlankem, kolibrirot schillerndem Stahl nachempfindet, ist eine von 22 ebenso hoch aufragenden, filigranen Skulpturen, die demnächst eine fast 300 Meter lange Grenzlinie besetzen. Diese Linie hält seit über 30 Jahren Deutschland und die Schweiz am Bodenseeufer mit Hilfe eines banalen Maschendrahtzauns auseinander. Der Eremit, das erste Exemplar der 22 Skulpturen, wurde heute der Öffentlichkeit vorgestellt (unser Bild - Lupe anklicken! - zeigt Dörflinger mit seiner Skulptur). Auf dem unmittelbar sichtbaren, kleineren Bild ist der Künstler mit der Zollbeamtin Christine Lünenschloss zu sehen, und zwar bei einer probeweisen Grenzüberschreitung mit minimierten Skulpturen aus reinem Gold („Männliche und Weibliche Kraft“) am Übergang Klein Venedig. Das Kuriosum mitten in Europa Die Grenze auf dem Gewann Klein Venedig teilt das gemeinsame Stadtgebiet von Konstanz (Deutschland) und Kreuzlingen (Schweiz) unmittelbar am Bodenseeufer. Der Anachronismus der bewehrten Staatsgrenze inmitten der Europäischen Union (zu der die Schweiz nicht gehört) war und ist regelmäßig Gegenstand nationaler und internationaler Berichterstattung, zuletzt verstärkt nach dem Fall der Berliner Mauer und des Eisernen Vorhangs. Trotzdem hat das Zaun-Kuriosum am westlichen Bodensee bis heute überlebt. Horst Frank, Oberbürgermeister der Stadt Konstanz, und Josef Bieri, Stadtoberhaupt von Kreuzlingen, kamen vor gut zwei Jahren überein, den überholten Stand der Dinge zu korrigieren: Der Maschendrahtzaun sollte endlich verschwinden. Die kommunalen Gremien stimmten zu. Der Einwand von Grenzwacht (Schweiz) und Zoll (Deutschland), die Grenzlinie auf alle Fälle anderweitig deutlich zu machen, wurde von Kunstfreunden aufgegriffen. Auf soliden Fundamenten Es entstand die Idee der Kunst-Grenze. Und so kam es zum Angebot der Johannes-Dörflinger-Stiftung, die Grenze durch 22 Edelstahl-Skulpturen des Künstlers zu markieren, jede 8 Meter hoch, paarweise angeordnet und jede auf eine solide Basis montiert – auf Fundamente, deren individuelle Maße eine einheitliche Höhenlinienführung garantieren (wobei auch auf Wünsche von Zoll und Grenzwächtern einzugehen war). Das ehrgeizige Projekt kostet eine Million Schweizer Franken (fast 700.000 Euro), und diese Summe wird vollumfänglich von der Dörflinger-Stiftung zur Verfügung gestellt. Das begeisterte zwar unter anderem die kommunalen Gremien der beiden grenzverbundenen Städte, rief aber auch Kritiker auf den Plan, die zum Teil einen groß angelegten Wettbewerb als vermisst meldeten. Johannes Dörflinger wurde gelegentlich verdächtigt, auf die Schnelle ein gesalzenes Honorar einzustreichen und mit der Franken-Million den Mund zu voll zu nehmen. Entscheidender Impuls für Klein Venedig Tatsächlich hatte der Künstler sein allfälliges Honorar von vorne herein dem Projekt Kunst-Grenze spendiert, und die Million wird von der - übrigens privaten - Johannes-Dörflinger-Stiftung garantiert. Bettina Rosenburg findet es zwar „ein bisschen schade, dass da Neid aufgekommen ist“. Die Präsidentin der Stiftung ist aber zuversichtlich, dass sich durch das Projekt die berühmte “Grenze in den Köpfen” ein weiteres Stück abbauen lässt - und dass ein entscheidender Impuls gesetzt wird, auf Klein Venedig endlich die gemeinsame städtebauliche Entwicklung anzupacken, auf die die Bürgerschaft von Kreuzlingen und Konstanz nicht ohne eine gewisse Sehnsucht schon seit langem wartet. Mit dem Projekt Kunstgrenze beschäftigt sich Dörflinger seit 2000, intensiv seit 2006. In Zusammenarbeit mit Handwerkern, Designern und Architekten entwickelte er sein Konzept. Über zwei Jahre lang wurde geschaut, studiert, gemessen, gerechnet, geprüft, philosophiert und diskutiert - auch mit Computerhilfe. Meisterliches aus der Werkstatt der Neuweiler AG Die Skulpuren aus nicht rostendem Stahl entstehen bei der Neuweiler AG, und schon der Eremit offenbarte bei der Präsentation an der Kreuzlinger Seestraße handwerkliche Meisterschaft. Hoch aufragend schwingt sich die schlanke Skulptur wie aus einem Katapult in den Himmel über Klein Venedig, während das Licht chanchierend auf dem Gebilde spielt. Sieben fein auf einander gesprühte Schichten aus klarem Lack mit winzigen kanarienroten Pigmenteinlagerungen zaubern Tiefe in die Oberfläche der Skulptur. Bis zum Spätherbst sollen alle 22 Einzelskulpturen, soll das Große Arkana, sollen die Trumpfkarten des Tarot gesetzt und verankert sein: Magier, Heilige und Heiliger, Herrscherin und Herrscher, Liebende, Wagen, Gerechtigkeit und eremit, Glücksrad, Weibliche Kraft und Männliche Kraft, Tod und Wiedergeburt, Teufel und Turm, Stern, Mond und Sonne, Gericht, Universum und Narr. Das schönste Stück Grenze Das Ensemble dürfte zumindest vorerst zu den bestbewachten Kunstwerken zählen: Der Zaun verschwindet zwar demnächst, doch gerade das veranlasst Grenzwächter und Zoll zur verstärkten Beobachtung. Die Strecke wird beleuchtet und 24 Stunden lang von Kameras beschaut sein. Kein Wunder, denn es schließlich handelt es sich zweifellos um das schönste Stück der deutsch-schweizerischen Staatsgrenze, einer Grenze, die irgendwann keine mehr sein wird.
2 Kommentare
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Schön, dass der hässliche Zaun verschwindet! Super die Idee einer Kunstgrenze! Aber warum um alles in der Welt Tarotkarten? Die Figuren stehen für einen esoterischen Hokuspokus, dem man nicht unbedingt noch ein Denkmal setzten muss. Zumal ein Bezug zur Region wohl auch nicht besteht.
Matthias Brömmelhaus
http://www.autobiografieservice.de
Warum nicht die Skulpturen mit einem Knutfell überziehen - dann wäre sie ein wenig kuschliger.
http://www.euregio-bodensee.ch