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31. Januar 2007 | Hintergrund – Analyse – Meinung

Wirre Konstanzer Geschichten in hoher Auflage

Konstanz (gro) Wer hätte gedacht, dass dornroeschen in derart hoher Auflage in einem konservativen Druckerzeugnis gewürdigt würde! Und doch ist es wahr, dass dornroeschen das Thema her gab für die Titelgeschichte in der jüngsten Ausgabe des „Konstanzers“, der nach eigenen Angaben in 45.500-facher Auflage gedruckt wurde. Nun ist eine hohe Auflage noch lange keine Garantie für den Zuspruch der Leser. Denn so ein Anzeigenblatt will ja auch ordentlich verteilt sein, und dann sollte die Geschichte auch noch hochinteressant und leichtfüßig daherkommen. An allen drei Voraussetzungen dürfte es hapern. Anders ließe sich jedenfalls schwer erklären, dass ein so prominent platzierter Artikel, der zudem auch noch der einzige redaktionelles Beitrag auf der Titelseite des neuesten „Konstanzers“ ist, in der Öffentlichkeit bislang kaum bemerkt wird.

Dank bis nach Leutkirch

Trotzdem wollen wir uns zunächst einmal bedanken. Bei Redakteur Thomas Martens (Bild) für die Aufmerksamkeit, die er dornroeschen schenkt, ferner beim Schwäbischen Verlag in Leutkirch, von dem das Blatt herausgegeben wird. Dieser zweite Dank gilt der Großzügigkeit, mit der ein so prominenter Platz eingeräumt wurde. Auch wenn es nur der Platz in einem Anzeigenblatt ist: Die Gesamtverantwortung für dieses Medium hat, laut Impressum, immerhin Joachim Umbach, Chefredakteur der in Leutkirch erscheinenden „Schwäbischen Zeitung“, der größten Tageszeitung Baden-Württembergs. Herzlichen Dank, wie gesagt.

Lesenswerter Blödsinn

Der Artikel im „Konstanzer“ enthält zwar allerhand Blödsinn, ist aber gerade auch deshalb lesenswert. Denn er erfüllt mehrere wichtige Funktionen. Zum einen handelt es sich um den einzigen kritischen Beitrag im neuesten „Konstanzer“, der es mit 17 redaktionellen Lobeshymnen aushalten muss. Sie reichen vom „Heimspiel für Oettinger“ über das deutsch-schweizerische „Glücksgefühl“ beim Empfang der Wirtschaftskammern bis zum „Wohlfühlpaket“ eines Kosmetiksalons und dem „Wachstumskurs“ eines Softwarehauses. Auch Kreuzlingen, die Nachbarstadt, in der das Stadtzentrum verwaist und in der die Angst vor Überfremdung umgeht, wird gelobt: „Wieder Einwohnerrekord“.

Ein Blick ins redaktionelle Innenleben

Der Bericht über dornroeschen ist außerdem aufschlussreich soweit es um das redaktionelle Innenleben des Anzeigenblattes geht: „Wer Gutes macht, so schreibt Thomas Martens, „soll dafür auch öffentlich gelobt werden. Eine Tugend, die in der größten Stadt am Bodensee nicht besonders stark ausgeprägt ist. Auch städtische Mitarbeiter, die nur ihren Job machen, für den sie bezahlt werden, haben neben all den Nackenschlägen ab und zu mal eine Streicheleinheit verdient.“

Vom hingebungsvollen Perfektionisten

Gemeint ist damit zum Beispiel Friedhelm Schaal, gerade noch Chef der Stadtmarketing GmbH und demnächst vollamtlicher städtischer Wirtschaftsförderer. Schaal sah sich in den vergangenen Wochen im dornroeschen einiger Kritik ausgesetzt. Insofern dürfte es Schaal gut tun, wenn ihn Martens nun als „Perfektionisten“ beschreibt, der seinen „Job mit Hingabe“ ableiste und auch vor unbezahlten Überstunden und einem „neun- bis zehnstündigen Arbeitstag“ nicht zurückschrecke.

Nachhilfe wäre angebracht

Kurios wird’s allerdings, wenn Martens in seinem freundlichen Eifer schreibt, Friedhelm Schaal könne schließlich „von sich behaupten, einer von jenen zu sein, die das Lago nach Konstanz gebracht haben“. Das ist nun blanker Unsinn, denn das Einkaufszentrum hat vor allem ein Mann namens Ralf-Joachim Fischer nach Konstanz gebracht, und zwar zu einer Zeit, als Schaal noch damit beschäftigt war, die zahlungsunfähig gewordene Firma Phono Motion abzuwickeln. Hier wäre ein bisschen Nachhilfe in jüngerer Konstanzer Geschichte sicher angebracht. Man fragt sich schon, wo da die helfende Übersicht von Markus Hotz bleibt, der als örtlicher Verlagschef zumindest einmal drüberlesen könnte.

Am Ende wird’s absurd

Vollends ins Absurde rutscht Martens’ Titelgeschichte im letzten Drittel, wenn er von einer „Kampfansage“ dornroeschen schreibt – nur weil in einem Meinungsbeitrag die Ansicht geäußert wird, Friedhelm Schaal habe es verstanden, zahlreiche Mitglieder der schreibenden Zunft in sein Beziehungsgeflecht einzubinden. Wenn es eines Beweises dafür bedurft hätte, Thomas Martens hätte ihn nun frei Haus nachgeliefert. Zum Hintergrund des Geschehens sei angemerkt, dass die so genannte „Kampfansage“ in einem Blog-Beitrag (Titel „Hallo Enzo“) steht, und zwar als ausführliche Antwort auf eine Nachfrage zur Arbeitsplatzentwicklung in Konstanz. Das wird in Martens’ Artikel übers dornroeschen nicht deutlich. Im Gegenteil, die Darstellung im „Konstanzer“ ist in diesem Sektor besonders irreführend und etwas wirr.

Vielleicht ein bisschen schlauer

Auch für den geneigten dornroeschen-Leser dürfte die ganze Geschichte nicht so ohne weiteres verständlich sein. Deshalb drucken wir – auf mehrfachen Wunsch und zum besseren Verständnis – die fraglichen Passagen in jenem von Thomas Martens inkriminierten Blog-Beitrag weiter unten ab. Wer sich die Mühe macht, dies nachzulesen, ist dann wenigstens ein bisschen schlauer.

In dem Beitrag zum Hintergrundartikel am 19. Januar hieß es unter anderem:

„Die Auslagerung von Arbeitsplätzen bei Siemens Dematic Postal (früher ElectroCom) und der Verkauf von Altana Pharma mit dem erst noch bevorstehenden Abbau hochqualifizierter Beschäftigungsverhältnisse, verbunden mit einem massiven Rückgang der Gewerbesteuer, sind aktuelle Beispiele für die anhaltende Ohnmacht von Stadtmarketing und städtischer Wirtschaftsförderung. Trotz Jahre langer Bemühungen ist es nicht einmal gelungen, das vergleichsweise läppische Projekt eines provisorischen Parkhauses auf dem Döbele, das der angestammte Konstanzer Einzelhandel seit Jahren in bemerkenswerter Gemeinsamkeit dringend wünscht, gegen die wechselnden Mehrheiten des Gemeinderats durchzusetzen, und das, obwohl es die Stadt nicht einmal etwas kosten würde.

Die Erwartungen ans Stadtmarketing und an die Wirtschaftsförderung sind trotzdem recht groß. Und weil die Existenz dieser Einrichtungen letztendlich doch am Erfolg gemessen werden muss, besteht, wie in solchen Fällen immer, die erhöhte Gefahr eines wenig ertragreichen, immerwährenden Aktionismus’, der in erster Linie die Kräfte der Bediensteten verschleißt. Hinzu kommt die Gefahr, dass Netzwerke zu Abwehrinstrumenten und Seilschaften degenerieren.

Das wiederum sollte eigentlich eine Herausforderung sein für die Kontrollorgane, also für den Aufsichtsrat des Stadtmarketings, für den Gemeinderat und die Medien. Die Wirklichkeit sieht meiner Meinung nach anders aus. Über die Zusammenarbeit der Stadtmarketing GmbH mit dem von der “Schwäbischen Zeitung” gesponserten Anzeigenblatt “Der Konstanzer” und dem Konstanzer Akzent-Verlag ist eine ganze Heerschar von schreiblustigen Zeitgenossinnen und -genossen zuverlässig eingebunden in das von Friedhelm Schaal geschaffene Beziehungsgeflecht, und seit auch der “Südkurier” einer der Gesellschafter des Stadtmarketings ist, ist dieses Netzwerk, zu dem auch die Sparkasse, die Mainau GmbH, die Firma Siemens, die Tourist Information und Altana/Nycomed gehören, bestens verzahnt mit der angestammten Heimatpresse.“

(gro) Erich Gropper



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2 Kommentare

  1. 1. enzo

    Liebes Dornröschen,

    na, jetzt schießt Du aber etwas über’s Ziel hinaus. Das Verkaufen ist nunmal auch in eigener Sache legitim und die Tatsache, dass die Lago-Aktivitäten der Stadt Konstanz schon mit dem “Seeuferhaus” jahrelange Vorüberlegungen hatten, sollte eigentlich Allgemeingut sein.
    Dass der Niedergang von Phono Motion bzw. später Medimax nicht unbedingt mit den Qualitäten des Verkäufers, den ich in dieser Eigenschaft sehr geschätzt hatte, sondern auch viel mit einem neuen “Player” auf dem Unterhaltungselektronikmarkt zu tun hat, dürfte auch noch erinnerlich sein. Der Preis für die städtische Karriere des FS dürfte hoch genug gewesen sein: ’s Blättle berichtete, dass FS beim Jubiläum des MediaMarktes habe laudieren dürfen/müssen.

    Die Verflechtungen der Interessen der Presse sind allerdings interessant und amüsant zu lesen gewesen. Danke dafür!

  2. 2. enzo

    …ist das eigentlich der gleiche Herr Martens, der seinen Konstanzer von just dem Unternehmen stark gefördert bekommt, welches Herr Schaal - s. Kommentar zuvor - kürzlich so loben musste? Dornröschen, - werde ob der Kritik bitte nicht zum Moosröschen [Anm.: Das hat keine Dornen!].

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