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28. Mai 2008 | Raimund Franke zum Thema Verkehr und Kundschaft

Karstadt-Chef warnt vor Überheblichkeit

Konstanz (gro) Raimund Franke warnt davor, die Schweizer Kundschaft durch eine autofeindliche Verkehrspolitik abzuschrecken. „Noch kommen viele unserer Nachbarn nach Konstanz, weil sie hier vergleichsweise günstig einkaufen können“, sagte der Karstadt-Chef. Dafür nähmen sie bis heute die gerade an starken Einkaufstagen immer wieder prekäre Verkehrs- und Parksituation geduldig in Kauf. Das werde sich ändern, wenn die Entwicklung in der Schweiz weiter auf eine Anpassung an EU-Verhältnisse hinauslaufe. Wem die Zukunft der Stadt am Herzen liege, der müsse sich auch um die Zukunftsfähigkeit des Einzelhandels Gedanken machen. Und die hänge nun einmal ab von einer kundenfreundlichen Verkehrspolitik.

Die bekannten Gegensätze und Konflikte

Die Warnung Frankes war in der jüngsten Bürgerversammlung im unteren Saal des Konzils zu hören, wo die Stadt zu einem Hearing unter dem Motto „Mobil auch ohne Motor“ geladen hatte. Verbandsfunktionäre, Fachleute und Politiker hatten Gelegenheit, sich zu äußern. Naturschützer warnten vor einem weiteren Ausbau von Verkehrswegen und Parkgelegenheiten. Vertreter des Handels und der Wirtschaft drängten auf Verbesserungen im Straßenverkehr und auf weitere Parkhäuser (Erweiterung Lago-Parkhaus und Parkhaus Döbele), um so mehr, als bis zum Spätherbst ein weiteres Kaufhaus in der Bodanstraße mit 10.000 Quadratmetern Nutzfläche eröffnet werde.

Horst Frank sieht Konstanz weit vorne in der Öko-Bilanz

Eingangs der Versammlung hatte Oberbürgermeister Horst Frank dargelegt, dass Konstanz in Sachen Mobilität nicht nur auf regionaler und nationaler Ebene eine vergleichsweise sehr günstige Öko-Bilanz vorzuweisen habe. Auch im internationalen Vergleich schneide Konstanz mit einem Anteil von fast 60 Prozent an umweltschonenden Verkehrsteilnehmern (Bus, Fahrrad, S-Bahn, Schiff) hervorragend ab. Dieser Prozentsatz solle durch gezielte Maßnahmen bis in 10 Jahren auf 70 Prozent gesteigert werden und damit auf einen bislang nur von der Schweizer Stadt Luzern erreichten Spitzenwert. Für eine generelle, deutlich spürbare Entlastung der Innenstadt hat in den vergangenen Jahren laut Horst Frank die neue Strecke (Bild) über den Zollhof gesorgt.

Jürgen Baur: „Es geht auch um 4000 Arbeitsplätze“

Jürgen Baur, der sich endlich einmal als eigentlicher „Bohnen- und Kartoffelhändler“ outete und seit kurzem als Vorsitzender des „Treffpunkt“, der Werbegemeinschaft des Konstanzer Handels, nicht nur als Edeka-Größe, sondern auch ehrenamtlich engagiert ist, erinnerte daran, dass im Konstanzer Einzelhandel rund 4000 Menschen beschäftigt sind, und dass der Handel mit einem Jahresumsatz von etwa 580 Millionen Euro erheblich zur wirtschaftlichen Prosperität der Stadt beitrage. Die Höhe des Umsatzes bedeute, dass in Konstanz heute etwa 130 Prozent der heimischen Kaufkraft hängen bleibt, also fast ein Drittel mehr, als die Kaufkraft der Einheimischen rechnerisch hergibt. Noch vor zehn Jahren lag die hängen gebliebene Kaufkraft deutlich unter 100 Prozent. Was bedeutete, dass Konstanzer auswärts mehr Geld liegen ließen, als Auswärtige in Konstanz. Dieser Trend konnte inzwischen umgekehrt werden.

„Die Politik ist jetzt gefordert“

Raimund Franke sieht allerdings warnende Vorzeichen, dass sich der Trend erneut umkehren könnte. Es zeichne sich ab, dass der Umsatz in den vergangenen Monaten gegenüber dem Vorjahr um etwa 3 Prozent zurückgegangen sei. Das mache ihm große Sorgen. Die Politik sei gefordert, der auswärtigen Kundschaft das Einkaufen in Konstanz so erlebnisreich und angenehm wie möglich zu machen. Lago-Center-Manager Peter Herrmann stieß ins gleiche Horn wie Baur und Franke und machte unter anderem darauf aufmerksam, dass alleine das Lago jährlich fünf Millionen in die Werbung investiere, um auswärtige Kunden anzulocken.

Jürgen Baur ergänzte dies mit dem Hinweis, der angestammte Konstanzer Einzelhandel habe vergangenes Jahr 150.000 Euro in umsatzfördernde Aktionen investiert. Nach wie vor sei es im Übrigen nun einmal so, dass die Kunden, die mit dem Auto zum Einkaufen kommen, durchschnittlich doppelt so viel einkaufen, wie Nichtmotorisierte. Shopping-Center mit integrierter Garage haben errechnet, dass bei ihnen sogar bis zu 70 Prozent des Umsatzes von den motorisierten Kunden gemacht werden.

Kräftige Werbung fürs Fahrrad

Vertreter des organisierten Natur- und Umweltschutzes warben vehement für Fahrrad („Ich fahre Rad und Kaufe auch alles mit dem Rad ein, und das geht wunderbar.“) und öffentliche Verkehrsmittel. Doch sehr viel mehr Verkehrsteilnehmer dürfen in Konstanz nicht auf die hoch subventionierten Busse umsteigen. Denn es fehlt in Stoßzeiten schon jetzt an ausreichenden Kapazitäten. Zwar gab es auch noch den Vorwurf, die öffentliche Hand investiere ungleich höhere Summen in die Verkehrswege für Autos als in Projekte des Umweltschutzes. Doch da fehlte der ergänzende Hinweis, dass Straßenprojekte häufig gerade deswegen so teuer werden, weil die Belange des Natur- und Umweltschutzes berücksichtigt sein wollen.

Foto: Frieder Schindele | TMW



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5 Kommentare

  1. 1. Z.W.Eifler

    Fahrrad und Busse - das taugt nur für den kleinen Einkauf der knausrigen Ökos. Die Autofahrer sinds, die lassen den Rubel rollen! Und das Parkplatzproblem lässt sich mit etwas gutem Willen so einfach lösen: Einfach den Bodensee zubetonieren - genug Parkplatz für Touristen und Kundschaft! (Und das leidige Schnakenproblem wäre auch gelöst, und die Kormarane würde ein-für allemal vergrämt). Aber da werden die Ökofuzzis wieder Zeter und Mordio schreien..

  2. 2. Gerd

    Erich pass auf, auch wenn du nur wenige Meter zum Einkaufen mit dem Rad fährst. Dein abschreckendes Erlebnis mit Krankenhausaufenthalt und verpatztem Urlaub solltest du den Verkehrstheoretikern mal praxisnah schildern, damit sie wissen, wie gefährlich das sein kann. Also, lass demnächst das Fahrrad stehen und fahre vom Münsterplatz bis zur Münzgasse mit dem Auto zum Einkaufen. Liebe Grüße.

  3. 3. GJM

    Was soll das mit der “Überheblichkeit”? Wer bzw. welche Gruppe ist überheblich?

    Wie Franke ganz richtig vermerkt, ist eine Nivellierung der Preise hüben und drüben nicht mehr in weiter Ferne. Aber trotz dem werden etliche neue Kaufpaläste erstellt, die noch mehr Verkehr anziehen, zumindest bis eine Preisnivellierung Franken/Euro kommt.

    Aber was wollte die Verwaltung mit ihrer Öko-Bilanz? Ist es ein Alibi für noch sanfteren Verkehr bei der zunehmenden Bebauung an Bodanstrasse und im Gebiet Klein Venedig? Was sollte der internationale Vergleich mit Städten, die wir (oder selbst der OB) gar nicht kennen? Welche “gezielten Maßnahmen” soll die Mobilität von “umweltschonenden Verkehrsteilnehmern” erhöhen? Warum war bisher, nach vielen Jahren der Diskussion, noch nichts davon in der Praxis zu merken?

    Verkauft Konstanz durch eine immer größere Kaufkraftsucht seine Innenstadt. Das Wohl dieser Kaufkraftsteigerung dürfte wesentlich im Sinne der Einzelhändler sein. Werden wirklich so viel neue Arbeitsplätze geschaffen, wenn jetzt schon zum Nachteil der Käufer das beratende und bedienende Kaufhauspersonal fehlt? Durch infrastrukturelle Maßnahmen durch die Stadt und mit den nicht zu vermeidenden Lärm- und Luftimmissionen zahlt der Bürger immer drauf.

    Hier geht es um die auswärtige Kundschaft. Der Kaufbedarf für Konstanzer ist allemal gedeckt und dafür brauchen die Konstanzer bei entsprechendem Einkaufsbedarf auch ihr Auto!

    Die Stadt widerspricht sich mit Ihren Verkehrszielen “Mobilität auch ohne Motor” am häufigsten. Solange immer mehr Kaufmöglichkeiten, neue Kaufhäuser und eine Bebauung für Elitekulturelle auf Klein Venedig entsteht, ist bei allen vernünftigen Überlegungen eine “Mobilität auch ohne Motor” nicht geben. Nachweislich und derzeit praxisnah sind die Verkehrs- und Beförderungsregulierungen im Sinn der Autofahrer. aber nicht für Fußgänger und Radfahrer.

  4. 4. wzs

    Auf den ersten Blick habe ich das Bild für eine Foto-Montage gehalten, um Stimmung für neue Parkhäuser zu machen. Es hat mich an meine Jugend erinnert, wo man häufiger nach Zürich gefahren ist, an die vielen Ausfahrten, Baustellen und ein ganz, ganz tolles Einbahnstraßen-Labyrinth. Doch dann hat es “geblitzt”.

  5. 5. wzs

    Anmerkung zum Blog:
    Das Blog hätte mehr Kommentatoren verdient.
    Wird ein Link hineinkopiert bzw. geschrieben, muß man keine HTML-Tags verwenden - alles wird automatisch als Link umformatiert.
    Nach dem Absenden hat man mittels Web 2.0-Funktionalität (AJAX) noch über 5 min Zeit Korrekturen vorzunehmen (sofern Javascript aktiviert ist).
    Soviel Luxus für “Plaudertaschen” in KN sieht man selten.

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