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16. März 2009 | Aus dem berühmten Bordell wird eine Spielothek

Der Eifelturm wird alles überdauern

Konstanz (gro) Über 40 Jahre stand das Etablissement für käufliche Liebesdienste, doch bleiben wird nur die sorgsam ausgeführte Nachbildung des Eifelturms. Das „Klein Paris“ an der Konstanzer Ausfallstrasse Richtung Reichenau und Radolfzell wird, wie berichtet, abgerissen. An seiner Stelle soll eine mit modernsten Geldfressautomaten ausgestattete Spielhalle errichtet werden. Der allerletzte Pächter des Etablissemnts hätte das liebevoll angefertigte Türmchen gerne für sich selber reserviert. Doch die neuen Eigentümer beharren, wie man hört, auf dem stählernen Kleinod.

Von 400.000 auf 680.000 Euro

Der allerletzte Pächter übernahm das Haus vor einem Jahr, und zwar zusammen mit einem Markdorfer, der das Anwesen Anfang 2008 für 400.000 Euro ersteigerte. Dieser letzte Pächter, ein einschlägig erfahrener Mann aus einer Allensbacher Teilgemeinde, der auch schon unter Roger Simon gedient hatte, wollte das in die Jahre gekommene „Klein Paris“ ordentlich aufmöbeln und in ein ausgesprochen edel ausgestattetes Etablissement „für gehobene Ansprüche“ verwandeln; der Allensbacher wollte damit dem Trend begegnen, der den Sexarbeiterinnen immer häufiger kurze „Nummern“ abverlangt, und das zu „Dumpingpreisen und ohne Gummi“ (ungeschütztem Verkehr). Doch es fand sich eine neue Investorengruppe. Ihr ist das 1200 Quadratmeter grosse Anwesen sage und schreibe 680.000 Euro wert.

Schiessereien am „Arabella“

Seine beste Zeit hatte das „Klein Paris“ unter der Leitung von Roger Simon, einem Franzosen, der Konstanz in den 70-er Jahren kennen und lieben lernte. Aufgebaut worden war das Etablissement an der Reichenaustrasse während der Blütezeit der Konstanzer Bordellszene, die in den 50-er und 60-er Jahren von Herren namens Müller und Kohls beherrscht wurde, von Männern, die vorübergehend das Organisierte Verbrechen nach Konstanz brachten und im „Arabella“ (heute McDonalds) in der Stadtmitte am Bahnhofplatz ihren wichtigsten Stützpunkt hatten, wo es auch schon mal zu Brandstiftungen und Schiessereien kam.

Unter der Leitung von Roger Simon

Als die Ausweisung von Sperrzonen die käuflichen Liebesdienste in den vergangenen Jahrzehnten nach und nach aus dem Konstanzer Stadtzentrum verbannte, entwickelte sich das „Klein Paris“ dank der allgemein als fair anerkannten Rahmenbedingungen zu einem geschätzten Anlaufpunkt. Nicht zuletzt deswegen, weil es eine Doppelerlaubnis vorweisen konnte: eine Schanklizenz und die Erlaubnis, ein Bordell zu betreiben. Das Etablissement wurde von der Thurgauer Nachbarschaft und auch von Liebeshungrigen aus anderen schweizerischen Kantonen genutzt. Roger Simon, der das nahe gelegene Relax-Center in der Konstanzer Byk-Gulden-Strasse vor knapp 13 Jahren übernahm, verstand es, von dieser Entwicklung zu profitieren.

Zum Nikolaus die Feuerwehr

Die lokale Konstanzer Kundschaft trug, wie man hört, durch ein „lockeres Sympathieverhältnis“ lange dazu bei, das „Klein Paris“ im Geschäft zu halten, und sei es nur dadurch, dass man dort zu später Stunde in einem durchaus erotischen Umfeld „das letzte Bier“ zu trinken pflegte. Nicht von ungefähr auch, dass alljährlich die Freiwillige Feuerwehr anrückte, um im „Klein Paris“ in der Nacht vom 5. auf den 6. Dezember die Schühchen zu füllen. Mit anderen Worten: Schade drum, schade ums „Klein Paris“. Ein Nachruf im “Südkurier” wäre hoch verdient. Foto: Frieder Schindele | TMW



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