Keine Gnade für die zarten Zypressen
Konstanz (gro) Unsere Laptops werden in China produziert, die schicken weissen Electronic-Rechner von Apple übrigens in der Konstanzer Partnerstadt Suzchou. Gewissermassen im Gegenzug wurde das Hauptpostamt von Peking, was man hierzulande vielfach schon wieder vergessen hat, mit Sortierautomationstechnik ausgerüstet, die in Konstanz, bei der damaligen Electrocom GmbH (heute Siemens Dematic) entworfen und entwickelt worden ist. Zwei von vielen Beispielen, die zeigen, wie sehr die Globalisierung auch Konstanz erfasst hat. Doch am altehrwürdigen Konstanzer Kaufhaus, dem so genannten Konzil, hört der Spass, Pardon: hört die Globalisierung auf. Ein knappes Dutzend zarter grüner Bäumchen muss wieder weichen. Es sind Zypressen!! Fremde Gewächse, die in Konstanz nichts zu suchen haben.
Identität in den Zeiten der Globalisierung
Die städtischen Grünaufseher handeln im Einverständnis mit dem Stadtparlament: Der Gemeinderat hat eine Bestimmung wohlwollend abgesegnet, wonach im Stadtgebiet „artfremden“ Gewächsen kein Platz eingeräumt werden soll. Gerade in den Zeiten der Globalisierung soll auf die Identität einer Stadt geachtet werden. Anders gesagt: Gerade weil unser Laptop aus China kommt und weil Konstanzer Ingenieure für die Postautomation im Reich der Mitte sorgen, hätte Konzilwirt Manfred Hölzl besser kleine deutsche Eichen gepflanzt und nicht schlanke, an die ferne Toskana erinnernde Koniferen.
Es wären die Spuren eines Papstes
Doch so einfach ist das nicht. Die Konstanzer Wald- und Wiesensatzung wurde beschlossen, bevor auf der Nordseite des Münsters der Fuss eines Römerkastells entdeckt wurde, ein Fund, der bewies, dass Konstanz einst zum Römischen Reich gehört hatte. Ein paar Zypressen könnten das unterstreichen. Gerade vor dem Konzil, wo 1417 die einzige Wahl eines Papstes stattgefunden hat. Schliesslich ist Martin V. nach seiner Wahl nicht in Konstanz geblieben oder nach Köln, Paris, Hamburg oder Berlin abgereist, sondern nach Rom, also in den Süden, ins Land der Zitronen und Zypressen. Zypressen am Konzil wären so etwas wie die Spuren des Papstes am Bodensee, passend zum bevorstehenden Jubiläum der „grössten und bedeutendsten Kirchenversammlung des Mittelalters“, wie es immer wieder heisst.
Keine Gefährdung der Identität an der Konzilstrasse
Abgesehen vom Konzil, das vor 600 Jahren die Abendländische Spaltung der heiligen Römischen Kirche beendete: Es geben auch die Ginkos am Konstanzer Bahnhofplatz zu denken. Sie durften dort in den 80er Jahren die hinfällig gewordenen Kastanienbäume ersetzen. Dabei stammen die Gingkos, wobei wir wieder bei der Globalisierung angelangt wären, eindeutig aus China. Erste grössere Gingko-Haine sollen vor Jahrtausenden die Hügellandschaft am unteren Jangtse überzogen haben. Suzshou, die jüngste Konstanzer Partnerstadt, das Venedig des Fernen Ostens, liegt im Jangtse-Delta. Kein Konstanzer hat etwas dagegen, dass seit ein paar Jahren an der Konzilstrasse ein chinesisches Buswartehäuschen steht, erbaut von Ingenieuren und Handwerkern aus Suzshou. Im Gegenteil: Das neue Wartehäuschen ist das schönste und sehr wahrscheinlich auch das beliebteste des gesamten Konstanzer Busnetzes Bis heute wurde auch nicht ein einziges Mal die Befürchtung laut, dieses fernöstliche Bauwerk gefährde womöglich die Konstanzer Identität.
Beliebt wegen ihrer Widerstandskraft
Die von den Ginko-Bäumen ersetzten Rosskastanien, so genannte Gewöhnliche Rosskastanien wie sie am Bahnhofplatz standen und heute unter anderem am Münsterplatz stehen, wurden von den Osmanen aus Asien nach Europa eingeschleppt, vor allem in Form von Samen, die als Pferdefutter und Medikament gegen Pferdehusten dienten. Besonders wohl fühlen sich Rosskastanien übrigens als Bäume afrikanischer Savannen. Sie leiden dagegen unter Autoabgasen und unter den Erschütterungen des Autoverkehrs, Die Gingkos dagegen sind in dieser Hinsicht äusserst robust und deswegen bei Stadtplanern sehr beliebt als Strassenbäume. Identitätsfragen werden in diesem Falle zurückgestellt.
Zu Pflanzkübelgewächsen herabgewürdigt
Aus all dem erwächst die Frage, ob es nicht angebracht wäre, im Falle der Zypressen-Problematik eine Ausnahme zu machen und eine kleine Reihe am Konzil ausnahmsweise zuzulassen. Manfred Hölzl hat die vor gut einem Jahr gepflanzten Bäumchen nach dem Verdikt aus dem Rathaus wieder ausgegraben, in Töpfe gesetzt und so zu halbwegs erlaubten, beweglichen Pflanzkübeln herabgewürdigt.
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Zypressen müssen tief wurzeln können
Die Kübel mit den Bäumchen sollen, wie Heidi Müller, die Sous Chefin der Konzilgaststatten am Sonntag sagte, möglichst schnell verschwinden, etwa auf die Terrasse oben am Gebäude, wo im Moment wegen anderer Pflanztöpfe allerdings noch zu wenig Platz ist. Besser allerdings wäre es vermutlich doch, man würde die zarten Bäumchen erneut ordentlich eingraben. Zypressen wollen tief wurzeln, viel tiefer als ein Pflanzkübel reicht. Ein Bäumchen ist vor Kummer schon nicht mehr grün, sondern bereits graubraun am Absterben. Fotos: Frieder Schindele | TMW






Hat die Stadt keine größeren Probleme als die Zypressen am Konzil?
Hat Dornröschen nix besseres zu schreiben als diesen Seich über Globalisierung?
Entschuldigung für meinen rustikalen Ausrutscher.
Schaut Euch mal lieber die Stahlträger an, die anscheinend die Liebe unseres erfolgreichen Denkmalschutzes dieser Stadt nicht trüben können. Eine seltsame Stadt! Aber so ist es im Provinznest Konstanz. Da haben die Heimischen mehr Amt als Verstand und dürfen dafür am 11. im 11. wieder Ho Narro blasen, damit man auch die närrischen Züge der Stadtgewaltigen erkennen kann.
Die Regulierungswut in Konstanz kennt einfach keine Grenzen.
Und Markus: Du hast mit beiden Anmerkungen Recht!
@… auf die Identität einer Stadt geachtet …
Die Identität ist sicher die historische Vergangenheit und könnte sich im Bewußtsein wirklich “grenzenlos” geben.
Das Konzil-Event (mit Zypressen) ist sicher eines der wichtigsten Themen dieses Blogs.
In der Kommentar-Übersicht der rechten Spalte könnte der Administrator diesem Artikel etwas mehr Beachtung schenken.
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@… „artfremden“ Gewächsen kein Platz eingeräumt …
Ob unter “artfremden Gewächsen” nur Pflanzen zu verstehen sind?
Verpflichtet die Insel Nive ( Domain-Endung .nu) ihre Anhänger zum Bekenntnis für pflanzlichen Arten-Reichtun?
http://en.wikipedia.org/wiki/.nu
… .nu is the Internet country code top-level domain (ccTLD) assigned to the island state of Niue…..
Dornroeschen arbeitet wohl auf einem etwas älteren Modell, denn weiße Rechner von Apple gibt es schon eine ganze Weile nicht mehr…
Das Thema klingt etwas nach “Unfug”: man muß gar nicht an globalen Handel und stolze Vergangenheit erinnern, wenn es als Gaststätten “Griechen, Türken, Italiener, Chinesen, usw.” gibt.
Vielleicht bleiben sogar Touristen am Bodensee, um siche den Weg ins Tessin oder an die Adria zu sparen.
In meiner näheren Wohn-Umgebung wimmelt es gerade so von Italienern (sicher 2. Generation), die als Mieter sehr geschätzt werden.
Vielleicht findet die erste Sitzung des neuen Gemeinderats in der italien. Eisdiele statt?
Als Anti-Alkoholiker stehe ich sowieso eher auf ein kaltes Eis als auf ein kühles Bier (mit/ohne Reinheitsgebot).