Von Juden, Christen, Moralisten und Politikern
Konstanz (gro) Zentraler könnte die Baulücke kaum liegen: Mitten in der Konstanzer Altstadt erinnert eine Grundstücksbrache mitsamt einer ehemaligen, seit Jahren leer stehenden Herberge am schmalen Teil der Sigismundstrasse daran, dass sich die Konstanzer Juden zerstritten haben. So heillos anscheinend, dass sie riskieren, ein Millionen teures Immobiliengeschenk der Stadt Konstanz zu verlieren. Einige Konstanzer Kommunalpolitiker, die sich deswegen besorgt zeigen, vergessen darüber, dass sich Ihresgleichen aus ähnlichen Gründen eher mehr als weniger auseinander dividieren liessen. Moralapostel sind jedenfalls fehl am Platze, wenn es um die Belange der jüdischen Mitbürger geht. Eine kurze Beschäftigung mit der Geschichte von Christen und Juden kann da weiterhelfen. Auch die Beschäftigung mit der Geschichte der altangestammten jüdischen Gemeinde von Konstanz dürfte nützlich sein.
Vor den Zuschüssen muss die Einigung kommen
Auf dem Areal des ehemaligen Gasthofs „Zum Anker“ sollte spätestens 2008 mit dem Bau des neuen jüdischen Gemeindezentrums begonnen werden. Andernfalls kann die Stadt die Immobilie zurücknehmen. Die Stadt hat das nicht getan, und eine grosse Mehrheit des bisherigen wie des neu gewählten Stadtparlaments ist offensichtlich bereit abzuwarten, wie sich die Auseinandersetzung innerhalb der jüdischen Mitbürgerschaft entwickelt. Eine wie auch immer geartete Einigung ist Voraussetzung dafür, dass die Zuschüsse fliessen, die für die Verwirklichung des Gemeindezentrum nötig sind.
Von Shimon Nissenbaum nach 1945 aufgebaut
Auf der einen Seite ist da die Anhängerschaft der altangestammten Gemeinde. Sie wurde von Shimon Nissenbaum unmittelbar nach dem Ende des 2. Weltkriegs, also ab 1945 aufgebaut, 1966 als Jüdische Gemeinde Konstanz-Freiburg gegründet und 1988 als Israelitische Kultusgemeinde Konstanz (IKG Konstanz) offiziell eingetragen, ergänzt durch das Prädikat „Körperschaft des öffentlichen Rechts“ (KdöR). Auf der anderen Seite gibt es die vor knapp vier Jahren mit initiativer Unterstützung der Karlsruher IRG formierte und im vergangenen Jahr auch kirchenamtlich anerkannte „Jüdische Gemeinde Konstanz“ (JGK). Ihr wurde vom regionalen Dachverband, von der „Israelitischen Religionsgemeinschaft Baden”, wie die IRG ausgeschrieben heisst, das steuerschonende und zuschussberechtigende „KdöR“ (”Körperschaft des öffentlichen Rechts”) zuerkannt, während es der alteingesessenen Gemeinde (IKG) ebenso amtlich abgesprochen wurde.
Kommunalpolitischer Ordnungsruf von links
Hinter dieser Angelegenheit, die derzeit noch höchstrichterlich anhängig sein dürfte, stecken jahrelange Streitigkeiten, Retourkutschen und Finten um Finanzmittel und deren Kontrolle. Das Ganze ist ein bisschen kompliziert und nur für Eingeweihte einigermassen durchschaubar. Das kommt unter anderem daher, dass das Grundstück seinerzeit zwar der altangestammten jüdischen Gemeinde übereignet wurde, die Karlsruher Kirchenoberen aber darauf beharren, ihrerseits über das Grundstück zu verfügen. Absurd allerdings wirkt das Bemühen der Karlsruher IRG, die Legitimität der angestammten Konstanzer Gemeinde in Abrede zu stellen. Noch absurder allerdings erscheint das Bemühen der mit zwei Sitzen im Konstanzer Kommunalparlament vertretenen Linken Liste, die Konstanzer Juden zur Ordnung zu rufen, auf dass ein gut gemeintes Geschenk des christlichen Konstanz’ nicht vergeigt werde.
Entschuldigng nach 590 Jahren
Da muss nun doch daran erinnert werden, dass im Falle der jüdischen Mitbürgerschaft christliche wie weltliche Kräfte nicht eben moralische Vorbilder abgeben, schon gar nicht in Konstanz. Da hatte Kaiser Sigismund dem kritischen, aber aufrechten böhmischen Theologen Jan Hus schon vor knapp 600 Jahren freies Geleit versprochen, wenn er, Hus, bereit sei, sich beim Konstanzer Konzil den Vorwürfen christlich-römischer Inquisitoren zu stellen. Der Kaiser liess trotzdem zu, dass Hus im Tägermoos 1415 öffentlich und grausam als Ketzer verbrannt wurde. Es dauerte 590 Jahre, bis sich ein katholisches Kirchenoberhaupt dafür entschuldigen durfte.
Mit Luther kam die grosse Spaltung doch
Über die Jahrhunderte hinweg sieht es mit der christlichen Nächstenliebe nicht gut aus. Vor knapp 600 Jahren hatte die Römische Kirche eine Zeit lang 3 Päpste auf einmal, und eine beginnende Spaltung wurde durch das Konzils in Konstanz gerade noch einmal abgewendet. Doch dann kam das grosse Zerwürfnis doch, und zwar genau 100 Jahre später, als der als Jurist und Theologe ausgebildete Augustinermönch Martin Luther jene Reformation in Gang brachte, die der christlichen Kirche bis heute zwei grosse Blöcke beschert. Luther zog nicht nur gegen das Ablasswesen und gegen kirchlich abgesegnete Korruption zu Felde. Er entschied sich für seinen Weg auch deswegen, weil ihn das von der Kirche sanktionierte Abschlachten der Landbevölkerung während der Bauernkriege tief getroffen hatte.
Vertrieben aus dem „Land der Bibel“
Zu den christlichen Tragödien der Gegenwart gehört das Geschehen im ursprünglichen „Land der Bibel“. Dort, im Irak, lebten bis 2003, bis zum Beginn des „Krieges der Willigen“ noch gut 13 Mllionen Christen. Sie hatten allein in Bagdad rund 50 Kirchen, und konnten unter Diktator Sadam Hussein in der Hauptstadt des Landes mit bis zu 500.000 Gläubigen ihre Gottesdienste feiern, während in Saudi Arabien, das über Öl und Waffen mit dem christlichen Westen verbandelt ist, bis heute allein die Teilnahme an einem christlichen Gottesdienst mit dem Tode bestraft wird.
Zwischen den mörderischen Fronten von Schiiten und Suniten
Zu den irakischen Christen gehören Chaldäer, Assyrer, Syrisch-Orthodoxe und Mitglieder dreier Armenischer Kirchengemeinschaften. Skeptiker bezweifeln, dass sich Christen auf Dauer im Irak behaupten können. Mindestens die Hälfte der ursprünglich etwa 13 Millionen Christen ist bereits aus dem Irak vertrieben worden. Skeptiker gehen davon aus, dass sie alle, die nun zwischen die mörderischen Mühlsteine schiiticher und sunitischer Interessen geraten sind, aus dem Irak verschwinden werden.
35.000 christliche Freikirchen im katholischen Brasilien
In Brasilien kämpft die katholische Kirche gegen zunehmend stärker werdende, Freikirchliche Bewegungen. Zwar ist Brasilien (rund 200 Millionen Einwohner) noch immer der grösste katholische Staat. Doch die Zahl der Katholiken nimmt kontinuierlich ab (von 90 % der Bevölkerung im Jahre 1960 auf aktuell etwa 70 %). Inzwischen stehen in Brasilien rund 35.000 Freikirchen. Es gibt auch in Brasilien Protestanten, Anglikaner und Valdenser, Zeugen Jehovas, die Neuapostolische Kirche und allerlei Adventisten. Zusammenfassend lässt sich sagen, dass keine Religionsgemeinschaft so aufgespalten, ausgefranst und bei Gelegenheit auch so zerstritten ist wie die Gemeinschaft der Christen. Daran wird auch die ökumenische Bewegung vorerst wenig ändern können.
Die Selbstverständlickheit christlicher Vielfalt
In Konstanz haben die beiden grossen christlichen Gemeinschaften selbstverständlich eigene Kirchen. Weitere Gotteshäuser kommen hinzu, auch die russisch-orthodoxen Christen (von der Gemeinde des Hl. Prokopius) haben ihre spezielle Kirche (im Tiefgeschoss des Notariats, in der Kapelle der ehemaligen Dompropstei). Nicht weit davon wird gerade die Christuskirche renoviert, das Gotteshaus der Altkatholiken. Die Barockkirche gehörte einst den Jesuiten, die über die Wende zum 19. Jahrhundert über 40 Jahre lang verboten waren. Das päpstliche Verbot kam auf Betreiben der Dominikaner und absolutistischer Herrschercliquen zustande, denen der Jesuitenorden in Südamerika viel zu weit reichendes soziales Gedankengut verbreitet hatte.
Wenn die Auseinandersetzung lächerlich wird
In diesem Zusammenhang sind zwei jüdische Gemeinden auch in Konstanz ohne weiteres denkbar. Manche jüdischen Gemeinschaften und Verbände greifen zwar auf das Modell der Einheitsgemeinde zurück, wie sie im 19. Jahrhundert in Deutschland üblich und teilweise auch vorgeschrieben war. Doch eine solche Vorschrift ist theologisch und politisch nicht haltbar. Worüber auch immer gestritten wird bei den beiden jüdischen Gemeinden: Ins Lächerliche gleitet die Auseinandersetzung immer dann ab, wenn der altangestammten Gemeinde die Existenzberechtigung abgesprochen wird.
Spitzfindig gewürdigte Fundsachen
Wer den Aufbau und das Leben der Gemeinde unter Shimon Nissenbaum miterlebt hat, kann über manchen Streitpunkt nur ungläubig staunen. Da müssen dann Jahrzehnte alte Einträge auf Steuerkarten und andere spitzfindig gewürdigte Fundsachen herhalten, um unhaltbare Vorwürfe in scheinbare Argumente zu transformieren. Da dürfte sich Shmuel Blumberg jedes Mal im Grabe umdrehen, wenn er das hörte. Der begnadete Kantor ist nur eine der vielen Persönlichkeiten, die diese Gemeinde hervorgebracht hat.
Shimon Nissenbaum bleibt der wahre Held
DIe Erich-Bloch-und-Lebenheim-Bibliothek, ausgebaut von Else Levi-Mühsam und hervorragend betreut von Thomas Uhrmann, ist ein spiritueller Schatz des Judentums im Süden Deutschlands. Und Shimon Nissenbaum, der Gründervater der Gemeinde, vor 8 Jahren gestorben, ist und bleibt der Grösste. Er und später auch seine Söhne haben hochanerkannte und verehrte Rabbiner aus aller Welt nach Konstanz gebracht. Shimon Nissenbaum hat, vor allem in Polen, zusammen mit seiner Familie, Hunderte von jüdischen Friedhöfen und auch etliche Gemeindezentren vor dem Untergang gerettet und neu angelegt. Den Chassidim, um ein weiteres Beispiel zu nennen, hat Shimon Nissenbaum ihr Glaubenszentrum wiedererschaffen, und sie verehren ihn als den „wahren Helden“, der er ist und bleibt. Foto: Frieder Schindele | TMW






Schöner Artikel. Und auch im Ton deutlich anders als der heutige SK, der von den “in Konstanz wohnenden Juden” berichtet, und somit schon sprachlich wiedermal eine Trennung zwischen ‘uns’ und ‘denen’ vornimmt.
Netter Nachhilfeunterricht in Kirchengeschichte.Nur dadurch verschwindet der Schandfleck in unserer Altstadt auch nicht. Dazu fällt mir der Spruch eines Jesuitenpaters während meiner Ministrantenzeit ein:”Vertraue auf den lieben Gott, aber hüte dich vor seinem Bodenpersonal.”
Die Geschichte lehrt uns, dass er recht hat!