Augenklappe auf
Konstanz (wak) Wenn am Wochenende schon Bundestagswahl gewesen wäre, hätten sie auch in Konstanz gefeiert. Bundesweit liegt die Piratenpartei laut stern.de momentan bei etwa 3 Prozent. „Unser Ziel ist ein eigener Balken“, sagt denn auch recht selbstbewusst Benno Buchczyk. Bloß wer ist eigentlich Benno Buchczyk? Bei Konstanzer Wählern dürfte er in etwa genauso bekannt sein wie Jens Seipenbusch. Und Seipenbusch ist immerhin die Angelika Merkel der Piratenpartei. Benno Buchczyk ist so etwas wie Matthias Heider, der Konstanzer CDU-Vorsitzender ist.
iPhone statt Black Pearl
Am Samstag vor der Bundestagswahl entern die Piraten mit ihrem Stand und ihren Piratenflaggen noch einmal die Konstanzer Innenstadt. Aufsehen erregten sie schon einmal, als sie am vorletzten Wochenende mit ihren Fahnen spontan einem Wahlkampfauftritt des SPD-Generalsekretärs Hubertus Heil auf der Marktstätte beiwohnten (Foto oben). An ihren Augenklappen zu erkennen waren die Piraten übrigens nicht: Mit Captain Jack Sparrow hat die Piratenpartei in etwa ähnlich viele Gemeinsamkeiten wie die Black Pearl mit einem iPhone.
Generation C64
Die Piraten kommen aus der Generation Internet. Groß geworden sind sie als sogenannten „Digital Natives“ in einer Zeit, in der das Internet schon zum Lebensalltag gehörte. Viele von ihnen stammen aus der „Generation C64“, der ersten, die mit Computern, dem Commodore 64, aufgewachsen ist. Sie sind die Generation, die in der virtuellen Welt mindestens genauso zu Hause ist, wie in der realen, die Videos auf YouTube schaut, im Netz einkauft, Musik herunterlädt, zu Freunden Kontakt übers Internet hält, in sozialen Netzwerken unterwegs ist und im Netz Jobs sucht. Zugleich ist sich die „Generation C64“ bewusst, wie viele Spuren sie im Internet hinterlässt. Ein Staat, der ihre Daten speichert, empfindet die Generation Internet als Bedrohung. „Die meisten von uns waren vorher politisch überhaupt nicht engagiert“, erzählt Benno Buchczyk. Das Zugangserschwernisgesetz, mit dem die Bundesregierung den Zugang zu kinderpronografischen Seiten erschweren wollte, war der Weckruf. Von Internetsperren halten sie nichts. „Das Gesetz haben Leute gemacht, die keine Ahnung von der Praxis haben“, kritisiert Benno Buchczyk. Den Kindern helfe das kein bisschen.
50 Piraten in Konstanz
Die „digitale Intimsphäre“ will die Piratenpartei schützen. Vorratsdatenspeicherung lehnt sie ab. Ein echtes Programm und Gliederungen wie andere Parteien haben die Piraten nicht. Ihre Forderungen sind „die Förderung freien Wissens und freier Kultur, Schutz vor dem Überwachungsstaat sowie einen Paradigmenwechsel vom gläsernen Bürger zum gläsernen Staat“. Um festzulegen wie die Partei, die bundesweit 8000 und in Konstanz etwa 50 Mitglieder hat, zum Beispiel zu einem Tempolimit auf Autobahnen steht, sei einfach einmal herum gefragt worden. Und Benno Buchczyk ist auch nicht Vorsitzender der Piraten in Konstanz, sondern einfaches Mitglied, das dem vierköpfigen Presseteam angehört.
Untypische Piraten
Etwa 20 bis 30 aktive Piraten, darunter fünf Frauen, sind in Konstanz auf Stimmenfang. Der typische Pirat soll etwa Mitte bis Ende 20 sein. „Ich bin ein untypischer“, sagt der 39-jährige Benno Buchczyk über sich. Der Verwaltungswissenschaftler arbeitet in der Finanzbranche. Eher untypische Piraten sind gleich einige Konstanzer: Sie arbeiten nicht alle im IT-Bereich, manche studieren Geschichte, Politik oder Physik und andere sind auch nicht 20, sondern um die 40 Jahre alt. „Unser Ziel ist als politische Alternative in Konstanz wahrgenommen zu werden“, sagt Benno Buchczyk.
Kein Direktkandidat
Einen eigenen Direktkandidaten haben die Piraten nicht – sie kämpfen um die Zweitstimme. „Unser Betriebssystem ist das Grundgesetz“, meint Benno Buchczyk. Dass die neue Bürgerrechtspartei in der Universitätsstadt Konstanz schlecht abschneidet, ist kaum vorstellbar. Wenn die Piraten am Wahlabend einen eigenen Balken im Fernsehen bekommen, fängt ihre Party erst an. Wer die Piraten diese Woche in Konstanz treffen möchte, könnte es am Donnerstag in Winny’s Bar in der Steinstraße probieren. Und wer testen will, wie nahe er der jungen oder einer anderen Partei, die bei der Bundestagswahl antritt, steht, kann das übrigens unter www.wahl-o-mat.de tun. Foto: Frieder Schindele | TMW






Danke für den Link zum Wal-o-maten, es ist glatt die Piratenparten dabei rausgekommen.
Für einen Überblick zur Technologie-Politik in Partei-Programmen eignet sich gut die sehr kurze stichwortartige und übersichtliche Zusammenfassung vom Heise-Verlag.
Es wurden nur die im Bundestag vertretenen Parteien erwähnt.
http://www.heise.de/newsticker/Bundestagswahl-Technologiepolitik-auf-dem-Pruefstand–/meldung/145371
http://www.heise.de/tr/Das-steht-zur-Wahl–/artikel/145358
Als Ergänzung zur Vervollständigung (Volltext, keine Stichworte):
wiki.piratenpartei.de/Parteiprogramm