Konstanz bindet sich rot-rot-grüne Krawatte um
Konstanz (wak) Wenn bei der Bundestagswahl nur die Stimmen der Konstanzer Wählerinnen und Wähler gezählt hätten – CDU und FDP hätten am Sonntagabend keine Mehrheit gehabt. Hauchdünn liegt in der Universitätsstadt Rot-Rot-Grün vorn. 50,7 Prozent wählten anders: Grüne, SPD, Linke oder die Piratenpartei. 46,5 Prozent stimmten für CDU und FDP. Die Wahlbeteiligung lag bei 72,9 Prozent. Willy Brandts „Mehrheit links von der Mitte“ - in Konstanz hätte es sie rechnerisch (schon) gegeben.
Piraten entern die Politik: 3,6 Prozent in Konstanz
Nichts ist auch in Konstanz nach der Bundestagswahl mehr so wie es vorher war. Als in der Wahlnacht gegen 2.20 Uhr deutschlandweit alle Wahlkreise ausgezählt waren und die vorläufigen Ergebnisse feststanden, war nicht nur klar, dass es bundesweit für CDU und FDP reichen würde. Fest stand auch, dass die politische Szene einen neuen Shootingstar hat: Die Piratenpartei holte bei der Bundestagswahl deutschlandweit aus dem Stand 2,0 Prozent der Stimmen. In Konstanz schafften es die Piraten sogar auf satte 3,6 Prozent. Auf Anhieb sind die Piraten, die noch am Samstagnachmittag in der Konstanzer Fußgängerzone ihr Wahlprogramm („Klarmachen zum Ändern!“) verteilt und an ihrem Wahlstand über informationelle Selbstbestimmung und Innere Sicherheit diskutiert hatten, die sechst größte Partei in Konstanz. In vielen deutschen Großstädten kamen die Piraten ebenfalls auf über drei Prozent.
Auf Platz zwei die Grünen
Die Grünen, auf die in Konstanz 20,8 Prozent der Zweitstimmen entfielen, sind in der Stadt jetzt die zweitstärkste Partei hinter der CDU (28,8 Prozent) und vor der SPD (19,8 Prozent) sowie der FDP (18.3 Prozent). Dass es ganz so schlimm für sie kommen würde, hatte die SPD auch in Konstanz nicht erwartet. Noch am Sonntagmorgen trafen sich SPD-Mitglieder und Unterstützer von SPD-Kandidat Peter Friedrich zu einem Weißwurstfrühstück und Wahlkampf-Chillout im „Wallgut“. Das war wahrscheinlich auch gut so – am Abend hatten die Genossen nichts mehr zu feiern.
Superstar Till Seiler
Ganz anders bei den Grünen: Till Seiler legte in Konstanz auch bei den Erststimmen (plus 5,5 Prozent) zu. Der auf seinem Wahlplakat ein bisschen strubbelig aussehende Seiler hatte in den vergangenen Wochen bei persönlichen Auftritten mit klaren Ansagen, einer eigenen Meinung und rhetorischen Fähigkeiten überzeugt.
6,5 Prozent für die Linke
Nicht zulegen dürfen hätte aufgrund ihrer persönlichen Auftritte dagegen die Wahlkreiskandidatin der Linken, Franziska Stier. Sie war bei Reden vor größerem Publikum stecken geblieben – und hatte bei Auftritten wie eine schlecht vorbereitete nervöse Studentin bei einem Referat gewirkt. Doch Rot ist eine Modefarbe im Herbst 2009. Trotz ihrer peinlichen Aussetzer legte die Kandidatin sogar bei den Erststimmen 2,4 Prozent zu. Bei den Zweitstimmen kam die Linke in Konstanz auf 6,5 Prozent der Stimmen.
Regelrecht abgestürzt ist bei den Erststimmen dagegen Peter Friedrich (SPD). Er verlor trotz eines engagierten Wahlkampfs 10,5 Prozent. Andreas Jung (CDU), der bei Auftritten zu langatmigen Antworten neigte, verlor bei den Erststimmen dagegen nur 0,7 Prozent und Brigitte Homburger (FDP), die im Wahlkampf gebetsmühlenartig dieselben Phrasen wiederholt hatte, legte 3,5 Prozent zu. Eine mögliche Ursache: Friedrich hatte sich in den vergangenen Wochen zu wenig von Jung abgegrenzt und immer wieder die Gemeinsamkeiten betont.
Immer weiter nach unten
Nur 19,8 Prozent der Zweitstimmen holte die SPD in Konstanz. Schon bei der Kommunalwahl im Juni hatte die SPD eine sehr schmerzhafte Niederlage hinnehmen müssen und ein Gemeinderatsmandat verloren. In der Weinstube „Pfohl“, wo sich die Sozialdemokraten am Sonntagabend trafen und sich die Hochrechnungen auf einer Großbildleinwand anschauten, sackte die Stimmung endgültig auf den Tiefpunkt. Während der Radolfzeller OB Jörg Schmidt (SPD) und der frühere Konstanzer Baubürgermeister Ralf-Joachim Fischer (SPD) wenigstens noch im „Pfohl“ vorbei schauten, blieb die große Mehrheit des Konstanzer SPD-Ortsvereins lieber zu Hause, wo die Genossen vor dem Fernseher Trauer trugen.
Party fängt erst an
Klar sein dürfte jetzt auch den Konstanzern, dass sich die SPD ganz neu aufstellen muss. Peter Friedrich, der über die Landesliste abgesichert ist, lieber die große Koalition fortgesetzt hätte und sich bisher nicht als Fan von Rot-Rot-Grün geoutet hatte, sagte am Sonntagabend über die „Tigerenten-Koalition“, die neue Mehrheit in Berlin: „Es ist nicht das Schlimmste für die Partei, aber eine Katastrophe für das Land.“ Jubelnde FDP- und CDU-Wählerinnen und Wähler werden das aber ganz anders sehen. Es wird wieder spannender – auch in Konstanz. Die Party fängt erst an.
Fotos: Frieder Schindele | TMW









