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5. Oktober 2009 | Mitschüler mobben Mädchen an der Geschwister-Scholl-Schule

„Dein Aussehen regt mich auf“

Konstanz (wak) Mit dem Schulbeginn nach den Sommerferien ist es wieder los gegangen. Jenny (Name von der Redaktion geändert) mag nicht mehr. Seit Monaten wird sie von Mitschülerinnen und Mitschülern gemobbt. Jeden Tag erleidet das Kind, das eine Klasse an der Geschwister-Scholl-Schule in Konstanz besucht, neue Qualen. Lehrer konnten dem Mädchen nicht helfen. Jetzt schlagen Eltern und Großeltern Alarm. Schulleiter Reinhard Stifel bittet die Eltern, sich noch einmal an den Klassenlehrer zu wenden. Er fordert null Toleranz gegenüber den Täterinnen und Tätern. Notfalls müssten sie von der Schule verwiesen werden. Zum konkreten Fall kann sich Stifel aber nicht äußern. Wir nannten ihm Jennys richtigen Namen nicht, weil uns Jennys Mutter darum gebeten hatte.

Jenny ist nicht das einzige Opfer

Jenny ist nicht allein. Millionen Kinder und Jugendliche leiden so wie Jenny und haben Angst, in die Schule zu gehen. Grundsätzlich gilt: Jedes Kind kann gepiesackt und Opfer werden. Mobbing unter Schülern beginnt oft mit verbalen Attacken. Die Opfer werden von anderen Kindern ausgeschlossen, körperlich angegriffen und manchmal auch räuberisch erpresst. Jennys Mutter wunderte sich, warum ihre Tochter so oft einen neuen Füller brauchte. Eine Studie der Universität Lüneburg besagt, dass 55 Prozent aller Schüler über einen längeren Zeitraum Gewalterfahrungen gemacht haben – sie waren entweder Opfer oder Täter. Nicht untypisch ist, dass - wie auch in Jennys Fall - die Schule und Lehrer den gemobbten Kindern nicht helfen können. Manchmal wissen sie noch nicht einmal über die Quälereien Bescheid. Auch Reinhard Stifel ahnt: Nicht von allem, was auf Pausenhöfen und Schultoiletten passiert, erfahren die Lehrer.

Täterinnen streiten Mobbing ab

Auch Jennys Leidensgeschichte begann mit verbalen Attacken. Sie wurde Opfer ihrer Klassenkameradinnen. Die Mädchen kannten sich schon aus der Grundschule. Plötzlich hörte Jenny Sätze wie: „Ich kann Dein Gesicht nicht mehr sehen“ oder „Dein Aussehen regt mich auf“. „Jenny wurde ständig gehänselt“, erzählt die Mutter. Anders als viele andere Kinder erzählte Jenny den Eltern von den Quälereien. Offenbar war Jenny in ihrer Klassenstufe auch nicht das einzige Opfer der mobbenden Täterinnen. Die Mutter wandte sich aus Sorge um Jenny an einen Lehrer. Es folgte ein Gespräch mit Eltern, Opfer und Täterinnen. Die stritten alle Vorwürfe ab.

„Ich könnt’ auch tot sein“

Das Mobbing ging weiter. Einmal spuckten die Mädchen ihrem Opfer Eis ins Gesicht, ein anderes Mal bewarfen sie das Kind mit Papierkügelchen. Jenny litt unter der sozialen Ausgrenzung. „Ich könnt’ auch tot sein“, sagte das Kind der Mutter. Doch Jenny sollte erst einmal bis zu den Sommerferien durchhalten. Nur, Jenny litt auch im neuen Schuljahr weiter. Die Mutter wünschte sich einen Klassenwechsel. Der fand nicht statt. Nach den Ferien sei die Situation sogar eskaliert, sagt die Mutter.

Ohnmächtige Eltern

Mitschüler traten dem Kind gegen das Schienbein und Jenny kam mit blauen Flecken nach Hause. Es gab Kommunikationsprobleme zwischen Eltern und Lehrern. Die Mutter sagt: „Ich komm’ mir vor wie der Depp“.  Die Lehrer sind überfordert. Jenny leidet weiter. Der Mutter sagte sie: „Vielleicht schmeiß’ ich mich vors Auto.“ Die Familie denkt jetzt an einen Schulwechsel. „Warum muss das Opfer gehen?“, fragt die Mutter hilflos ganz zum Schluss.

Ermahnung durch Lehrer reicht nicht

Schulleiter Reinhard Stifel weiß, das Mobbing ein Thema ist – auf dem Schulgelände, auf dem Handy und in sozialen Netzwerken im Internet. Er sagt, die Schule müsse auch disziplinarisch eingreifen, wenn ein Fall bekannt wird. 1.500 Schülerinnen und Schüler besuchen die Schule in Wollmatingen. Wer Jenny ist, kann er nicht wissen, weil er ihren richtigen Namen nicht kennt. Stifel sagt, dass es an der Geschwister-Scholl-Schule Beratungslehrer und Schulsozialarbeit gibt. Auch Eltern müssten sich fragen, was sie tun können. Manchmal sei ein leichterer Fall mit einer Ermahnung durch den Schulleiter erledigt. Stifel weiß aber auch, dass es oft viel schwieriger ist. Und Jennys Fall ist schwieriger.

Gemobbtes Kind immer unschuldig

Wenn Gefahr in Verzug ist und die moralische Ansprache nicht hilft, muss die Schule eingreifen und die Täter disziplinieren, fordert der Schulleiter. Er bittet Jennys Eltern, sich noch einmal an den Klassenlehrer zu wenden. „Ein Schulwechsel ist nicht der Normalfall aber auch kein Drama“ sagt Stifel. Entscheidend sei die Antwort auf die Frage: Lässt das gemobbte Kind mehr Probleme in der alten Schule zurück als es mit nimmt? Wenn das Problem nicht gelöst werde und das Kind auch in der neuen Schule gemobbt würde, wäre die Situation noch schlimmer als zuvor. Klar ist für Stifel auf alle Fälle zweierlei: Das gemobbte Kind ist nicht schuld, und gehen müssten eigentlich die Täterinnen, wenn sich die von der Mutter Vorfälle genauso zugetragen haben, wie sie die Betroffene schildert.

Foto: Frieder Schindele / TMW

 

 



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