Der Mann, der die Bürger mitreden lassen will
Konstanz (wak) „Wir zuerst, dann der Tourismus“ heißt der Slogan des Bürgermeisterkandidaten Andreas Berthold (37). Mit seiner Frau Irina und seinen beiden Kindern Amalia (4) und Dorian (2) lebt er als Einziger der Herausforderer auf der Reichenau. Es ist Freitagnachmittag. Andreas Berthold trägt ein blütenweißes Hemd, hat eine Krawatte umgebunden und sich mit seinem Stehtisch in Mittelzell an den Straßenrand gestellt. Ein Netbook hat er aufgeklappt. Wahlprogramme oder Flyer hat er nicht dabei, dafür aber Kaffeebecher und etwas Heißes in einer Thermoskanne. Berthold ist gekommen, um mit den Reichenauern ins Gespräch zu kommen. Trauben von Menschen stehen noch nicht um ihn herum.
Gesangverein & Facebook
Sieht so der Wunschbürgermeister der Reichenauer aus? Wir könnten jetzt einfach einmal Timm Kerns Buch „Warum werden Bürgermeister abgewählt?“ aufschlagen und und Berthold fragen, was er denn glaubt, warum Bürgermeister gewählt werden? Steht einer wie Berthold für „Tradition“ und „Modernisierung“ – zwei Bedingungen, die Kern nennt? Die Antwort ist verblüffend einfach: Einer, der aktiver Sänger im Kirchenchor Mittelzell war, im Gesangverein Badenia Reichenau mitsingt, am Gundelrennen teilnimmt und im sozialen Netzwerk Facebook präsent ist, muss dieses Kriterium ja wohl erfüllen.
Selbsteinschätzung: Außenseiter
Und sonst? Ein Bürgermeister bringt die Gemeinde nach vorn, soll Kumpel und Anführer sein, wenn er (wieder)gewählt werden will. Ist Andreas Berthold ein solcher „Leader“, der die Zügel in die Hand nimmt und den Gemüsekarren in die Zukunft zieht? Anders als andere Bürgermeisterkandidaten redet er zuerst einmal von „Bürgerengagement“ und „Transparenz“. Er möchte die Reichenauer da abholen, wo sie stehen, sagt er. Sein wichtigstes politisches Ziel ist mehr Bürgerbeteiligung. Er fordert ein Entwicklungskonzept für die ganze Gemeinde und will den Damm vom Verkehr entlasten. „Seit einem Jahr plane ich meine Kandidatur“, sagt Berthold. Der 37-Jährige meint es ernst. Er rechnet sich Außenseiterchancen aus.
Banger Blick in den Himmel
Dass es in der Gemeinde Reichenau sieben Bewerber gibt, könnte dem amtierenden Bürgermeister Volker Steffens nützen. Wenn sich die Stimmen derer, die einen Neuen wollen, splitten, dürfte am Ende Steffens profitieren. Timm Kern behauptet, dass Wählerinnen und Wähler bei vielen Bewerbern nicht alle Kandidaten wirklich prüfen können und deswegen eher bei dem bleiben, den sie schon kennen. Dass das nicht immer stimmt, weiß Berthold aus eigener Erfahrung. Als er bei der vorletzten Bürgermeisterwahl in Meersburg kandidiert hatte, wählten die Meersburger ihren damaligen Bürgermeister Heinz Tausendfreund ab, obwohl es viele Gegenkandidaten gegeben hatte. Berthold spielte dabei aber keine große Rolle. „Hoffentlich wird das Wetter nicht schlecht“, sagt Berthold noch. Bei schlechtem Wetter sei es schwer, Wahlkampf zu machen.
Sag mir, wo die Wähler sind
„Wir leben in einer begnadeten und gesegneten Gemeinde, ,doch Anderi die mache Hüfe. Bi üs goht es all wenig bergab’ singen die Grundele“, so ist es in Berholds Anschreiben an die Bürger zu lesen. Nicht um die Entwicklung des Tourismus, um die Bewahrung der Kirche oder um die UNESCO sondern zuerst müsse es um das Wohlbefinden der Reichenauer gehen. „Das Wichtigste sind wir.“ Berthold appelliert an die Wählerinnen und Wähler: „Sprechen Sie mich an! Ich will Ihr neuer Bürgermeister werden und freue mich auf Sie.“ Als wir eine Stunde später zufällig noch einmal an Bertholds Stehtisch vorbei kommen, wartet er noch immer mit aufgeklapptem Netbook und sieht ein bisschen verlassen aus - wie er so da steht und auf die Reichenauer wartet.
Fotos: Frieder Schindele | TMW
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