Der Mann, der einmal Pfarrer war
Konstanz (wak) Wer ist Dr. Wolfgang Zoll (43)? Ist der Mann, der einmal katholischer Pfarrer war, ein Don Camillo oder Peppone? Oder ist er gar Don Camillo und Peppone in einer Person? Fest steht: Der promovierte katholische Theologe fühlt sich reif für die Insel und für den Wechsel. Er ist ein ernstzunehmender Bewerber, der bei der Bürgermeisterwahl am 25. Oktober sicher mehr als nur eine Außenseiterchance hat. Die „Stuttgarter Zeitung“ lehnte sich schon am 19. September recht weit aus dem Fenster und zitierte ungenannte „Beobachter“: Angeblich werde die Wahl zwischen Wolfgang Zoll und Amtsinhaber Volker Steffens entschieden.
„Laib und Seele“
Es ist der vielleicht letzte Sommertag des Jahres. Die Insel Reichenau zeigt sich von ihrer schönsten Seite. Die Luft schmeckt würzig nach Gemüse. Unser Blick schweift hinüber zu einem farbenprächtigen Bauerngarten und der Kirche St. Georg in Oberzell. Wir treffen Wolfgang Zoll, den Mann, der einmal Pfarrer war, in der Bäckerei „Laib und Seele“. Wolfgang Zoll ist ein freundlicher Mann. Dass er ausgerechnet in der Gemeinde Reichenau Bürgermeister werden möchte, ist alles andere als ein Zufall. Die Insel ist für ihn nicht nur Gemüseinsel, touristische Marke und Lebensraum, sondern auch kirchenhistorischer Ort. Die Reichenau habe ein „gigantisches Potential“, sagt der parteilose Kandidat.
Mönche und ein Ex-Pfarrer
Seit September 2001 leben wieder Benediktiner auf der Reichenau. Vielleicht gibt es bald auch einen ehemaligen Pfarrer, der Bürgermeister ist. Es könnte passen. Wer über die Reichenau radelt, riecht selbst im Spätsommer noch die Gemüsefelder. Die Besucher umwehen der Duft des Gemüses und auch ein Hauch von großartiger Vergangenheit, Geschichtsträchtigkeit und klösterlichem Leben.
Ein Hauch klösterlichen Lebens
Die ehemalige Benediktinerabtei Reichenau entwickelte sich als unmittelbares Reichskloster zwischen 800 und 1100 zu einem der geistigen und kulturellen Zentren des heiligen römischen Reiches. Lehrer von Rang unterrichteten an der berühmten Klosterschule, aus der hervorragende Persönlichkeiten hervorgingen. Berühmt waren die Klosterbibliothek, die „Reichenauer Malerschule“ (Buch- und Wandmalerei) und die Goldschmiedekunst. Die UNESCO nahm die (frühere) Klosterinsel Reichenau im Bodensee im Jahr 2000 in die Welterbeliste auf. Die gut erhaltenen Kirchen der Insel bieten bis heute anschauliche Beispiele der klösterlichen Architektur vom 9. bis 11. Jahrhundert, die sorgfältig restaurierten Wandmalerein zeigen die Reichenau als künstlerisches Zentrum mit großer Bedeutung für die europäische Kunstgeschichte des 10. und 11. Jahrhunderts.
Priester wollte Ehe schließen
Wolfgang Zoll, derzeit Leiter des Fachbereichs Bildung, Familie und Sport bei der Stadt Ludwigsburg, ist überzeugt, dass er zur Insel passt. Er spricht von Affinität, einer Art Wesensverwandschaft. Zoll hat in Tübingen und Rom katholische Theologie studiert. Nach seiner Priesterweihe 1994 arbeitete er acht Jahre lang für die Diözese Rottenburg-Stuttgart. Um eine Ehe schließen zu können, ist er aus dem kirchlichen Dienst ausgeschieden und arbeitete zunächst bei der Stadt Brackenheim. Dort war er bis 2004 Beauftragter für Lokale Agenda, Bürgerschaftliches Engagement und Stadtmarketing, ehe er 2004 Hauptamtsleiter wurde.
Don Camillo und Peppone
Seit 2006 leitet Zoll den größten Fachbereich der 90.000 Einwohner Stadt Ludwigsburg. Mit 43 Jahren will der verheiratete Theologe mit Verwaltungserfahrung nun die „Gesamtverantwortung“ für eine kleine Kommune übernehmen. Dass es durchaus Parallelen zwischen einer Kommune und einer Pfarrei, zwischen einem Bürgermeister und einem Pfarrer, zwischen Don Camillo und Peppone gibt, leugnet Zoll nicht. Warum auch? Kirchliche und weltliche Akteure haben es mit Menschen zu tun. „Ich bin breit aufgestellt“, sagt Zoll. Er kam als Quereinsteiger in die Verwaltung und fühlt sich für das Amt des Bürgermeisters bestens qualifiziert.
Identifikation mit der Insel
Während seines Wahlkampfs scheint die Affinität zwischen dem Bürgermeisterkandidaten und der Reichenau sogar noch größer geworden zu sein. Mit einer Aufgabe müsse er sich identifizieren können. Mit der Reichenau kann sich der ehemalige Kirchenmann identifizieren. Begeistert ist Zoll vom lebendigen Vereins- und Gesellschaftsleben. So etwas sagen freilich fast alle Kandidaten in fast allen Gemeinden, wenn sie nett sein wollen. „Drei Kirchenchöre und ein Gesangverein“, schiebt Zoll deswegen energisch nach. „Das gesellschaftliche Leben ist schon da.“
Moderator und Macher
Zolls Themen sind Tourismus und Weltkulturerbe, Gemüseanbau, Wohnen und Verkehr. Er wolle keine „Lösungen vorschreiben“, und das Rad müsse nicht neu erfunden werden. Zoll wünscht sich einen Dialog. „Strittige Punkte müssen auf den Tisch“, stellt er klar. Dass die Interessen des Tourismus und des Gemüseanbaus nicht identisch sind, ist klar. „Ich möchte konkrete Vereinbarungen“, sagt Zoll. Am Ende eines solchen Prozesse stehe dann eine Vision für die Gemeinde. Zoll will moderieren, sieht sich aber nicht nur als Moderator. Das wäre zu wenig. Die Umsetzung sei entscheidend.
Einer, der zuhören kann
Wählerinnen und Wähler gewinnen will er auf der Insel und dem Festland in persönlichen Gesprächen. Zoll macht Hausbesuche und hört den Reichenauern zu. Seine Flyer verteilt er persönlich. Manchmal nimmt er sich sogar eine halbe bis dreiviertel Stunde Zeit. Eigentlich sollten solche Gespräche maximal zwei Minuten dauern, sagen Wahlkampf-Experten. Zoll, der einmal Seelsorger war, teilt diese Meinung nicht. Aber geht es bei Gesprächen an Haustüren überhaupt um Politik oder eher um Persönliches? Wolfgang Zoll sagt: „Was ein Problem darstellt, definiert jeder selbst.“
Plakate wirken deplatziert
„Die Bürgermeisterwahl ist eine Persönlichkeitswahl“, stellt der Kandidat klar. Einer Partei gehört er nicht an. Auf Plakate verzichtet er. Für eine Gemeinde in der Größe der Reichenau fände er Plakate übertrieben. Andere Kandidaten sehen das anders: Schräg gegenüber des Cafés hängen tatsächlich die Plakate zweier Mitbewerber Zolls. Der 43-Jährige hat aber Recht. Sie wirken an der Kreuzung seltsam deplatziert.
Fotos: Frieder Schindele | TMW






