„Offenbar nicht in der besten Verfassung“
Konstanz (wak) „Was sind das für Zeiten, wo ein Gespräch über Bäume fast ein Verbrechen ist - Weil es ein Schweigen über so viele Untaten einschließt?“ Eine scheinbar normale Woche neigt sich in Konstanz ihrem Ende zu. Frei nach Bertolt Brecht drängt sich nur noch die Sonntags-Frage auf: Was sind das für Zeiten, in denen selbst eine Zeitung, die ihre Spalten ansonsten gern mit Gewinnspielen, Superstars, der Begutachtung öffentlicher Toilettenschüsseln und eher Belanglosem füllt, sich notgedrungen Ernsthafterem zuwendet und sich gar zu einer Berichterstattung über eine Sitzung des Gemeinderats hinreißen ließ?
Nicht in bester Verfassung
Es ist Herbst geworden in Konstanz, es geschieht allerhand Ungeheuerliches und die Stadt ist wohl nicht in der besten Verfassung. Hätte es sich sonst zutragen können, dass der in Überlingen lebende Dichter Martin Walser wegen Qualmens unerkannt aus dem Konstanzer Wessenberg Café verwiesen worden wäre? Der 82-Jährige hatte zuvor in der Stadt, wo ja gerade die Baden-Württembergischen Literaturtage stattfinden, aus seiner Novelle „Ein liebender Mann“ gelesen. Eine Kellnerin wies den Schriftsteller auf das Rauchverbot im Wessenberg hin. Walser rauchte weiter. Später wieder zu Hause in Nussdorf soll er gesagt haben: „Ich war offenbar nicht in der besten Verfassung.“ Dieses Zitat verbreiteten flugs die Medien.
Club der Unbelehrbaren
Wahrscheinlich ist es halt doch nur Alt-Bundeskanzer Helmut Schmidt gestattet, bei Frau Maischberger und anderswo öffentlich zu qualmen. Die kulturelle Elite, auch Martin Walser, hatte sich übrigens schon früher in die Debatte um ein Rauchverbot eingeschaltet. Der Schriftsteller schrieb schon vor drei Jahren in der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“: „Lasst das doch die Raucher selber regeln.“ Es bleibe ihm „fremd, dass man zum Schutz der Jugend und der Nichtraucher Gesetze erlassen muss“. Walser schlug damals Rauchern vor: „Sollen sie sich zu einer Minderheit entwickeln, etwa unter der Club-Bezeichnung: Die Unbelehrbaren.“
Muss man Walser (er)kennen?
„Geregelt“ hat die Sache mit dem Rauchverbot und Walser in Konstanz nun eine Kellnerin, nachdem sich ein heftiges Wortgefecht entwickelt hatte, in dem Walser die Bedienung gar arg beschimpft haben soll. Nach dem verbalen Streit wurde Martin Walser von der Kellnerin, die – und auch das sei unbedingt noch erwähnt - den prominenten Schriftsteller nicht einmal erkannte, rausgeworfen.
Claus Boldt und die Kellnerin
Darauf, dass wohl auch die städtische Spitalstiftung nicht in aller bester Verfassung ist, deutet ein anderer Umstand hin. Es ist der Fall einer 58-jährige Altenpflegerin, die wegen sechs gestohlener Maultaschen eine fristlose Kündigung erhalten hat, was letzte Woche das Arbeitsgericht in Radolfzell absolut korrekt fand, Berthold Maier von verdi als „Schandurteil“ bezeichnete und deutschlandweit für Schlagzeilen sorgte. Dass der Fall neben der juristischen Dimension womöglich auch noch eine politische oder menschliche haben könnte, ließ die Spitalstiftung gänzlich außer acht. Bloß, dürfen die Konstanzer von einem Bürgermeister – namentlich von Claus Boldt – nicht ein bisschen mehr Fingerspitzengefühl erwarten? Oder ist es normal, dass eine Kellnerin Martin Walser raus schmeißt, die Spitalstiftung eine Altenpflegerin und sie wegen sechs gestohlener Maultaschen auch noch eine „Diebin“ nennt? Ist der rauchende Walser gar ein Körperverletzer?
Noch eine Irritation
Im einem anderen Fall kämpft derzeit Axel Hauser, Leiter der Wirtschaftsabteilung am Klinikum, vor dem Arbeitsgericht um eine Bonuszahlung. Es geht wohl um eine viertel Million Euro. Den Bonus sollte der Ex-Manager erhalten, weil er sich auf die Suche nach einem günstigeren Gaslieferanten gemacht hatte. Dass eine Energieberatungsfirma mit im Spiel war und diese mit satten 100.000 Euro möglicherweise viel zu großzügig bezahlt wurde – üblich ist es, solche Dienstleistungen statt mit sechsstelligen eher mit vierstelligen Summen zu entlohnen - hat mittlerweile doch einige Konstanzer irritiert.
Skandal komm’ raus
Dass im Konstanzer Dickicht vor lauter Bäumen so langsam der Wald nicht mehr zu sehen ist, wundert da kaum mehr. Was ist überhaupt der Skandal, fragt sich denn auch der unbeteiligte Zuschauer. Ist es tatsächlich die Bonuszahlungen an den Ex-Manager? Ist es die möglicherweise überhöhte Zahlung an die Energieberatungsfirma? Oder haben die Stadtwerke das Gas fürs Klinikum in früheren Jahren dem Klinikum viel zu teuer verkauft? Letzteres ist Quatsch.
Liberalisierung des Gasmarktes erst 2007
Nö, sagt deswegen auch das kommunale Unternehmen und weist in einer Pressemitteilung darauf hin, dass die Einkaufspreise erst später gesunken sind. Die Stadtwerke Konstanz haben das Klinikum Konstanz seit den frühen 80-er Jahren mit Erdgas beliefert, so Pressesprecherin Silke Rockenstein. Die Liberalisierung des Gasmarktes erfolgte erst 2007.
Wofür bekommt Hauser eine Belobigung?
Vor 2007 wäre es dem Klinikum also gar nicht möglich gewesen, die Gaslieferungen öffentlich auszuschreiben und den Lieferanten zu wechseln, so die Stadtwerke. Erst im Jahr 2007 konnte die Ausschreibung erfolgen. Es dürfte 2007 in Großunternehmen normal gewesen sein, die Preise zu checken. Bloß, wo liegt denn dann eigentlich noch das Verdienst des Herrn Hauser?
Das Allerletzte
Die Stadtwerke selbst konnten erst nach der Liberalisierung zu viel günstigeren Konditionen Gas einkaufen als zuvor und das Gas ab dann auch viel günstiger an ihre Kunden – Haushaltskunden wie Sonderkunden - weiter verkaufen. So ganz schlecht scheinen die Stadtwerke übrigens gar nicht zu sein: Ab 1. Januar 2008 hatten die Stadtwerke Konstanz den Haushaltskunden den neuen Sondertarif „Erdgas“ angeboten. „Damit konnten 3.000 neue Kunden außerhalb von Konstanz gewonnen werden“, erklärt Silke Rockenstein. So gesehen sind wenigstens die Konstanzer Stadtwerke in einer besseren Verfassung.






Eine andere Rechnung finde ich sinnvoller:
250 Arbeitstage im Jahr x 4 Euro = 1.000 Euro freiw soz Leistung
Falls man 100 AN kostenlos 1 Jahr lang Maultaschen spendiert, sind das 100.000 Euro.
Wenn man unbedingt Kritik üben möchte, könnte man diesem Betrag ein paar Bsp. öffentlicher Fehlinvestitionen gegenüberstellen.
Persönlich hätte ich es eher verstanden, wenn die Klägerin das Geld genommen hätte: Altenpflege soll ein seelisch, nervlich und körperlich höchst anspruchsvoller Job sein und ist in diesem Alter sicher gesundheitsschädlich.
Die CH will ihre bis 2020 benötigten 25.000 Fachkräfte selbst ausbilden, was AG in D sicher freuen dürfte.
Persönlich setze ich eher auf eigene Prävention;
nach 25 Jahren Unfallfreiheit hatte ich erhebliche Mühen einen Bagatell-Schaden über 1.300 Euro bei meiner KFZ-Versicherung geltend zu machen.
Selbstverständlichkeiten und einfache Klarheiten scheinen in Frage gestellt zu werden.
“…Mit gezielter Nachwuchsförderung soll der Fachkräftemangel im Gesundheitswesen verringert werden. …”
http://www.thurgauerzeitung.ch/schweiz/standard/Damit-den-Spitaelern-nicht-das-Personal-ausgeht/story/15145913
Zitate wak:
„Was sind das für Zeiten, wo ein Gespräch über Bäume fast ein Verbrechen ist - Weil es ein Schweigen über so viele Untaten einschließt?“
Es ist Herbst geworden in Konstanz, es geschieht allerhand Ungeheuerliches und die Stadt ist wohl nicht in der besten Verfassung.
Dass im Konstanzer Dickicht vor lauter Bäumen so langsam der Wald nicht mehr zu sehen ist, wundert da kaum mehr.
Na, da kann man aber ganz leicht Abhilfe schaffen. Da sind aber noch Themen vom Konstanzer Herbst vergessen worden, z.B. Bodanbrücke und jetzt noch Büdingen:
Sehr geehrter Herr Jerusalem, sehr geehrter Herr Wichmann,
>
> mit Entsetzen habe ich von den Plänen der Ärzteversorgung Baden-Württemberg
> erfahren, noch mehr Bäume auf dem Büdingen-Gelände zu fällen. Vom Kahlschlag
> zur Zubetonierung ist es nur ein kleiner Schritt.
>
> Ich wende mich an Ihr Amt, um meinen Unmut dagegen kundzutun verbunden mit
> der Bitte, sich als Entscheidungsträger diesen Plänen entgegenzusetzen,
> damit dieses schützenswerte Stück Natur am See nicht unwiderruflich
> verloren geht.
>
> Ich vertraue darauf, dass Sie sich aktiv für den Erhalt der grünen Lunge
> mitten in unserer Stadt einsetzen - auch im Sinne künftiger Generationen!
>
> Mit freundlichen Grüßen
Als Information möchte ich Ihnen folgendes mitteilen:
>
> Die Zusammenarbeit mit der Grundstückseigentümerin des Büdingenparks ist
> gut. Die jetzt anstehende Fällung wird aus Gründen der Verkehrssicherheit
> erforderlich, da die Bäume erhebliche Faulstellen ausweisen. Es handelt sich
> um eine Baumgruppe Ecke Glärnischstrasse / Zumsteinstrasse. Eine
> Ersatzpflanzung wurde vereinbart.
>
> Befürchtungen von Bürger, dass darüber hinaus im Park rot markierte Bäume
> zur Fällung anstehen treffen nicht zu. Zur Fällung dieser Bäume liegt kein
> Antrag vor.
>
> Allerdings gibt es noch einige weitere geschädigte Bäume über deren
> Verkehrssicherheit nach eingehender Untersuchung in Zukunft noch beraten
> wird.
>
Mit freundlichen Grüßen
>
> Roland Jerusalem
> Leiter des Amtes für Stadtplanung und Umwelt