Hässliche Entlein
Konstanz (wak) So bitte nicht! Wenn Roland Jerusalem, Leiter des Amts für Stadtplanung und Umwelt, seine neueste Foto-Dokumentation präsentiert, dann kommen den Konstanzern die Tränen. Denn Jerusalem zeigt die Konstanzer Fußgängerzone als hässliches Entlein.
Stoppt die Stopper
Anstoß nimmt der Stadtplaner an inflationär aufgestellten sogenannten Fuß-Stoppern, an ausladend großen Auslagen von Geschäften, die den Blick auf ganze Schaufensterfronten versperren, und an Loungemöbeln, die mitten auf einem öffentlichen Platz stehen. Fußgänger müssten Hindernissen ausweichen und in der Fußgängerzone einen regelrechten Parcours durchlaufen, kritisiert Jerusalem.
Liberaler & Linker koalieren
Während Jerusalem gern mehr „Klasse statt Masse“ in Konstanz sähe und dafür plädiert, öffentliche Straßen und Plätze nicht mit Werbeträgern zu überfrachten, und auch Stadtrat Werner Allweiss (FGL) erklärt, keinen Hindernislauf beim Shoppen machen zu wollen, beurteilt Stadtrat Heinrich Everke (FDP) die Lage an der Auslagenfront ganz anders. „Einzelhändler sollen entscheiden“, erklärt Everke, der in den vergangenen Woche geradezu zum Experten in Sachen Sondernutzung in öffentlichen Straßen und Fußgängerzonen geworden ist. Everke möchte Inhaber geführten Geschäften – wie seinem kleinen Teelädelchen – ein paar mehr Freiheiten gewähren. Ein bisschen Unterstützung bekam der Liberale sogar von Neu-Stadtrat Holger Reile (Linke Liste), der es immerhin für problematisch hielte, die Stadt „durchzustylen“, wie er in der Sitzung des Technischen und Umweltausschusses des Gemeinderats sagte.
Billigläden contra Qualität
Stadtrat Anselm Venedey (Freie Wähler), selbst Gastronom, sprach sich bei der Sitzung dagegen eher für eine restriktivere Haltung aus. Er kritisierte aber, dass die Pacht in der Altstadt inzwischen fast nur nur noch Billigläden bezahlen könnten, die gern auch mit weniger attraktiven Auslagen auf sich aufmerksam machen. Brigitte Leipold (SPD) wiederum sprach sich für regelmäßige Kontrollen aus, während Roland Wallisch (FGL) bevorzugt einen Schaufensterwettbewerb ausloben würde und schon einmal lobend die Zollernstraße erwähnte. Sie erhielt vom Grünen dafür wie sie sich präsentiert glatt das Prädikat wertvoll.
Ich muss Umsatz machen
Jürgen Norbert Baur, Vorsitzender der Einzelhändlervereinigung Treffpunkt Konstanz, sieht die Sache mit den Auslagen und Stoppern wiederum sehr differenziert. Zugestellte Schaufenster zeugen nach Einschätzung Baurs von „operativer Hektik“. Ihre Botschaft laute: „Ich muss Umsatz machen.“ Der Treffpunkt-Vorsitzende spricht sich dafür aus, ein Qualitätsmanagement zu erarbeiten. Wildwuchs in Einkaufsstraßen und die Auslagen von Ketten, die in Hamburg genauso aussehen wie in Buxtehude, sieht er durchaus kritisch. Andererseits stellt der Vertreter des Handels aber auch klar: Mitnahmeartikel wie die billige Handtasche würden nur gekauft, weil man sie sieht.
Fortsetzung folgt
Die Stadt will die Richtlinien über Sondernutzungen in öffentlichen Straßen und Fußgängerzonen, die 2005 beschlossen worden sind, demnächst neu überarbeiten. Alle Beteiligten sollen dazu erst einmal an einen Tisch. Dass Konstanz zum zugestellten hässlichen Entlein wird, will auch Jürgen Norbert Baur, Vorsitzender der Einzelhändlervereinigung Treffpunkt Konstanz, nicht. Eine Ketten-Reaktion gab es bei der Sitzung noch nicht.





