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8. November 2009 | Vor 71 Jahren brannte die Synagoge

Eine Stadt erinnert sich

Konstanz - Vor 71 Jahren, in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938, brannte in der Reichspogromnacht auch die Konstanzer Synagoge. In der Ausstellung „Sommer ‘39“, die das Rosgartenmuseum noch bis zum 22. November zeigt, sind auch Dokumente jüdischen Alltagslebens am Anfang der Katastrophe zu sehen. Wir sprachen mit Tobias Engelsing, dem Direktor der Städtischen Museen, über die Geschichte der Juden in Konstanz und über die Ausstellung, die ein dunkles Kapitel Stadtgeschichte erzählt.

dornroeschen:

Die jüdischen Einwohner der Stadt nahmen in der Zeit vor der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft am öffentlichen Leben regen Anteil. Wie lebten sie mit ihren christlichen Nachbarn vor dem 9. November 1939 in Konstanz zusammen? Welche Berufe übten sie aus und welche Rolle spielten sie im gesellschaftlichen Leben der Stadt?

Tobias Engelsing:

Mit Beginn der liberalen Ära im Großherzogtum Baden um 1860 öffneten die badischen Städte ihre Mauern den Juden und gewährten ihnen das Bürgerrecht – gegen erbitterte Widerstände. Aber die Neubürger brachten Kaufmannsfleiß und Integrationswillen mit. In kurzer Zeit gab es unter den Konstanzer Juden geachtete, engagierte und sehr erfolgreiche Kaufleute, die Konstanz wieder zur Einkaufstadt für den ganzen Bodenseeraum und den Thurgau machten. Andere arbeiteten als Handwerker, Ärzte oder Anwälte. Sie waren in der Freiwilligen Feuerwehr aktiv, spendeten zum christlichen Weihnachtsfest an karitative Einrichtungen und ließen 1888 ihre Synagoge in der Sigismundstraße von „christlichen“ Konstanzer Bauhandwerkern bauen. Das Zusammenleben war einträchtig, nahezu frei von ernsteren Konflikten.

dornroeschen:

Vor 1933 gab es in Konstanz laut einem Bericht der „Bodensee-Rundschau“ vom Juli 1939 insgesamt 28 jüdische Einzelhandelsgeschäfte. 15, darunter ein Fachgeschäft für Herren- und Knaben-Bekleidung am Bodanplatz, wurden – wie es im Nazi-Jargon heißt – „arisiert“. 13 Geschäfte wurden laut Zeitungsbericht ganz geschlossen. Gab es eigentlich kein Unrechtsbewusstsein bei denen, die von einem Tag auf den anderen nicht mehr bei Simon & Co, sondern plötzlich bei Max Bredl kauften?

Tobias Engelsing:

Wir wissen aus einigen wenigen zeitgenössischen Quellen, dass sich anständige Menschen über die Diskriminierung und den staatlich geförderten Raub am Eigentum der jüdischen Nachbarn erregten. Zu öffentlichen Protesten kam es jedoch kaum. Denn die empörten Menschen waren, anders als die mutmaßliche Mehrheit der Bevölkerung, die das alles in Ordnung fand, verängstigt und schwiegen. Versagt haben nach den Pogromen 1938 die gesellschaftlichen Eliten, die den Mund hätten aufmachen können: Die Bischöfe der christlichen Kirchen, das mächtige Militär, die Industrie und auch die Universitäten.

dornroeschen:

Die Synagoge wurde in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 von Radolfzeller und Konstanzer SS-Leuten und anderen Offiziellen in Brand gesteckt. Der Feuerwehr wurde nicht gestattet, den Brand zu bekämpfen, einige Feuerwehrleute waren sogar unter den Brandstiftern. In der Ausstellung des Rosgartenmuseums sind Pergamentblätter aus der Thora zu sehen, die mit großer Wahrscheinlichkeit nach dem Novemberprogrom 1938 aus der Synagoge geborgen und versteckt wurden. Wie kamen die Blätter in die Ausstellung?

Tobias Engelsing:

Die Blätter sind ein Museumsfund. In einem unserer Depots fanden sich diese Blätter sozusagen originalverpackt. Sie wurden vermutlich damals im November 1938 von einem mutigen Menschen aus den Trümmern der Synagoge gerettet, ins Museum gebracht und dort vom Direktor Bruno Leiner versteckt und so vor dem Untergang bewahrt.

dornroeschen:

An eine weiß gestrichene Ruhebank ist ein Schild mit der Aufschrift „Nicht für Juden“ angebracht. Wie reagieren die Ausstellungsbesucher auf das Exponat?

Tobias Engelsing:

Diese Bank ist eine heikle museumspädagogische Inszenierung: Wir wollen vor allem heutigen Jugendlichen, die sich bei Führungen auf die Bank plumsen lassen, ein Gefühl dafür geben, wie das damals gewesen sein könnte: Setzen sich Menschen beim Spaziergang oder mit dem Schatz gedankenlos auf eine Bank mit dieser Aufschrift? Mit anderen Worten: Wie schnell wird die Diskriminierung einer Bevölkerungsgruppe zum normalen, akzeptierten Alltag, den niemand mehr ethisch hinterfragt? An dieser Bank haben wir also mit Jugendlichen schon etliche Gespräche auch über heutige Phänomene der Ausgrenzung führen können.

dornroeschen:

In der Zeit der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft kamen von den 1933 in Konstanz wohnenden 443 jüdischen Mitbürger mindestens 102 ums Leben. 6 Männer aus der jüdischen Gemeinde wurden in das KZ Dachau verschleppt. 110 der letzten jüdischen Einwohner wurden am 22. Oktober 1940 nach Gurs deportiert, die letzten 8 in den Jahren 1941 bis 1944 nach Riga, Izbica und Theresienstadt. Heute leben wieder Juden in Konstanz – viele sind aus dem Gebiet der ehemaligen Sowjetunion eingewandert. Was löst die Ausstellung bei jüdischen Mitbürgern aus?

Tobias Engelsing:

Da muss ich leider eine sehr ernüchternde Antwort geben: Ich weiß es nicht. Denn viele dieser jüdischen Zuwanderer haben noch keinen Zugang zu den kulturellen Angeboten ihrer neuen Heimatstadt gefunden. Etliche sprechen überdies kaum Deutsch. Von beiden jüdischen Gemeinden kamen noch keine Anfragen nach Führungen. Wir hatten allerdings schon zahlreiche jüdische Besucher aus Israel, USA oder aus der Schweiz. Von diesen Besuchern haben wir Worte der Anerkennung und des Dankes für manche offene Darstellung der lange verschwiegenen Sachverhalte erhalten.

dornroeschen:

Ist Quentin Tarantinos Inglourious Basterds eigentlich eine angemessene Form, mit dem Thema Nationalsozialismus umzugehen?

Tobias Engelsing:

Ein entschiedenes Nein. In solchen Filmen wird die Zeit des Nationalsozialismus inzwischen zum frei verfügbaren Geschichtsfundus, dessen Versatzstücke in einer faktisch unhistorischen, also weitgehend frei erfundenen Geschichte verwurstet werden. Die Lynchjustiz gegen einen deutschen Offizier mit einem amerikanischen Baseballschläger: was für ein aberwitziger Unsinn! Ich ärgere mich über solche Streifen, weil sie sich vordergründig historisch geben, tatsächlich aber nur weitere Auswüchse einer skrupellosen Holocaust-Verwertung mit den Mitteln des Action-Films sind.

(Die Fragen an den Historiker Dr. Tobias Engelsing, Direktor der Städtischen Museen, stellte Redakteurin Waltraud Kässer. Das Foto ist Teil der Ausstellung)



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