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13. November 2009 | Kein Platzverweis für Scientologen möglich

Warnung vor Stress-Test

Konstanz (wak) Wenn Scientologen auf der Marktstätte stehen, beäugt Stadtrat Holger Reile (Linke Liste Konstanz) die Menschenfischer äußerst misstrauisch. Der Konstanzer Ratsherr sieht in den Aktivitäten der Psycho-Sekte, die sich selbst als Religionsgemeinschaft bezeichnet, eine Gefahr. Leichtgläubige und Labile könnten schnell zu Opfern werden. „Scientology hat nichts mit Kirche oder Glauben zu tun“, sagt Reile.

Verbot nicht durchsetzbar

Der Stadtrat redet davon, dass die Organisation ihre Mitglieder „psychisch deformiert“ und „finanziell ausbeutet“. Ginge es nach Reile sollte die Stadt dem geschulten Personal der Scientologen möglichst wenig öffentlichen Raum überlassen. Hans-Rudi Fsicher, Leiter des Bürgeramts, erklärte, dass die Stadt 2009 insgesamt fünf Stände - mit verschiedenen einschränkenden Nebenbestimmungen - genehmigt hat. Ganz verbieten darf sie der Psycho-Sekte ihre Auftritte aber nicht – denn sie ist genauso wie die NPD nicht verboten. Wenn die Stadt die Sondernutzungen in öffentlichen Straßen und Fußgängerzonen demnächst neu regelt, könnte sie den Scientologen aber das Leben schwerer als bisher machen, hofft Reile. Dem dieser Punkt wichtiger ist als ein paar Bistromöbel, Sonnenschirme oder Kleiderständer vor Geschäften.

Stress-Test am E-Meter

Ein ganz normaler Einkaufssamstag in Konstanz. Menschenmassen strömen über die Marktstätte. In Höhe des Sparkassen-Gebäudes sprechen einige Frauen und Männer einzelne Passanten an. Sie wollen die Unbeteiligten zu einem kostenlosen Stress-Test bewegen. Wer sich auf den Test einlässt, hat schnell zwei Metallröhren in der Hand. „Sie sehen aus wie Cola-Dosen“, sagt Reile über das Gerät, das die Scientologen E-Meter nennen. Passanten, die empfänglich sind und sich leicht manipulieren lassen, beginnen damit, ihr Innerstes nach außen zu kehren. Leichtgläubige lassen sich schnell verführen – weiß Reile und wissen die Scientologen.

Adresse abgefragt

Passanten, die jetzt nicht aufpassen, begeben sich immer weiter in die Fänge des geschulten Scientology-Personals. Die Mitglieder empfehlen den verunsicherten und für die Botschaft der Organisation empfänglichen Passanten jetzt das Buch von Scientology-Gründer L. Ron Hubbard. Verkaufen dürfen es die Mitglieder an ihrem Stand aber nicht. Wer seine Adresse angibt, bekommt es zugeschickt und dazu auch gleich noch einige Kursangebote. Holger Reile, der vermutet, dass die Aktion in Konstanz von Stuttgart und Zürich aus gesteuert wird, hat den Selbstversuch gemacht und vorgegeben, sich für das Buch zu interessieren. Die Scientologen beschimpften ihn später als so genannte „unterdrückerische Person“.

Reile will sensibilisieren

Reiles Anliegen ist die Sensibilisierung der Konstanzer. Er warnt, weil er weiß: Scientology ist mehr eine gewerbliche Menschenfischer-Organisation als eine kirchliche Einrichtung und die Gebühren für Auditing-Therapien und Kurse sind oft horrend. Bekannt ist auch, dass in der Organisation eine strenge hierarchische, fast militärische Disziplin herrscht. Die Kontrolle ist total. Mitglieder dürfen keinen Kontakt zu Kritikern der Lehre, so genannten Suppressive Persons oder Unterdrückern haben. Die Konsequenz sei oft die Trennung von der Familie und Freunden. Wer sich nicht unterwirft und Mitglied ist, wird selbst als so genannte Potential Trouble Source (PTS, Ärgernisverursacher) bestraft.

Lob ans Bürgeramt

Stadtrat Reile hat sich in Sachen Scientology längst auch an Bürgermeister Claus Boldt und Oberbürgermeister Horst Frank gewandt. Während Boldt Reile – nach Angaben des Stadtrats – antwortete, Stände ließen sich aus juristischen Gründen nicht verbieten, wollte sich Frank offenbar der Sache annehmen. Ein Lob sprach Reile in diesem Zusammenhang auch Bürgeramtschef Hans-Rudi Fischer aus. Er habe versucht, die Zahl der Stände in Konstanz zu reduzieren. Dass Städte mit Auflagen den Scientologen tatsächlich das Leben schwer machen könnten, hätten Hamburg und Rendsburg bewiesen. Dasselbe Verhalten erhofft sich Reile, der die Zahl der Scientologen bundesweit auf 6000 bis 8000 schätzt, in Zukunft auch von Konstanz. Denn spätestens 2010 wollten die Scientologen wieder kommen und auf der Marktstätte massiv Passanten ansprechen und verführen. Für das restliche Jahr 2009 sowie für 2010 liegen der Stadt nach Auskunft von Rudi Fischer bislang aber noch keine Anträge vor.



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Ein Kommentar

  1. 1. Leser

    Ach wie engagiert! Schön, daß sich da jemand aufschwingt, den dummen Bürger zu bevormunden und gaaaanz toll gegen diese Sekte vorgeht. Bravo! Er soll mal lieber bei seinen Parteigenossen anfangen, die nämlich für den tüchtigen Bürger eine viel größere Gefahr darstellen und viel größere Verführer sind, als ein paar Scientologen hier auf der Marktstätte. Wer ist er denn, daß er sich anmaßt darüber zu bestimmen, was Religion ist, was nicht? Ist der Islam eine Religion? Wenn ich bestimmte Leute frage, wird diese Antwort verneint. Ist der Jedi-Kult eine Religion? Frage ich bestimmte Leute, wird diese Antwort bejaht. Ist Voodoo eine Religion? Sollen jetzt bestimmte Glaubensgemeinschaften verboten werden, wie es gerade im Norden Pakistans geschehen ist, wo im Frühjahr mehrere hundert Christen zu langjähriger Lagerhaft verurteilt wurden? Was wird morgen verboten? Etwa die falsche politische Ansicht, wie es im Unrechtsstaat DDR tausendfach geschah?
    Mir macht mehr Sorgen, wenn Anhänger bestimmter politischer Richtungen vorgeben, für “das Volk” zu entscheiden und dies durch einen höheren Anspruch an Gerechtigkeit und Wohlergehen ableiten. Je höher und je moralischer derartige Ziele, desto niederträchtiger ist meist das Ergebnis.
    Sollen doch die Scientologen ihren Stress-Test machen. Der mündige Bürger weiß damit umzugehen. Und alle anderen sind selber Schuld.

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