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4. August 2010 | Kaddisch für den unvergessenen Shimon Nissenbaum

Sehnsucht, Dankbarkeit und Zuversicht

Konstanz (gro) Sie sind auch dieses Jahr von nah und von weit her nach Konstanz gekommen, und sie haben sich um ihn geschart, und es war als sei er mitten unter ihnen, obwohl er vor neun Jahren das Zeitliche gesegnet hat. Shimon Nissenbaum ist und bleibt lebendig: in den Herzen seiner Söhne Gideon und Benjamin, seiner Frau und ihren Anverwandten. Und im Bewusstsein seiner Freunde auf der ganzen Welt. Dem Wiederbegründer der jüdischen Gemeinde von Konstanz und vieltausenfachen Retter des Seelenfriedens verstorbener Menschen jüdischen Glaubens galt am Dienstag dieser Woche das Kaddisch, das heilig machende Gebet, zu dem man sich auf dem jüdischen Friedhof traf, um am Jahrestag von Shimon Nissenbaums Dahinscheiden mit der Sehnsucht nach seiner beschützenden Kraft zurecht zu kommen, sich dankbar an ihn zu erinnern und um darauf zu vertrauen, dass seine Kraft weiter wirksam bleibt.

Ein zentrales Gebet wie das „Vaterunser“

Das Kaddisch lässt sich gut mit dem christlichen „Vaterunser“ vergleichen. Beides sind zentrale Gebete des Glaubens, getragen vom Bekenntnis zu Gott, seiner Herrlichkeit und Fürsorge, die selbstverständlich hineinwirkt ins tägliche Leben. Das Kaddisch ist Anbetung, Trost und Glück, aber kein eigentliches Trauergebet. Ganz in diesem Sinne verlief auch die Ansprache hoher Repräsentanten des Judentums, die aus Jerusalem gekommen waren, unter ihnen Rebbe Shidlovtzer und Rabbi Shimche Krakowski. Nicht der Verlust war das Thema, sondern die Dankbarkeit dafür, dass Shimon Nissenbaum uns allen als leuchtendes Vorbild erhalten geblieben ist. Rabbinischer Nachwuchs, der mit seinen Lehrmeistern aus Zürich angereist war, unterstrich den vitalen, den lebensspendenden Charakter der Zeremonie.

Die Generationen zusammenhalten

Bei der Feier am Grabmal des Verstorbenen übernahm es Benjamin Nissenbaum, der frühere Vorsitzende der jüdischen Gemeinde, das Andenken an seinen Vater mit Lebendigkeit zu erfüllen. Er erinnerte daran, dass es ihnen allen versagt geblieben sei, die Familie des Vaters kennenzulernen: weil fast die ganze Familie von der Vernichtungsmaschinerie des Nationalsozialismus ausgelöscht worden ist. Shimon Nissenbaum, der mehrere KZ-Aufenthalte überlebt hat, sei dieser Maschinerie nur knapp entkommen und habe unter dem Verlust Zeit seines Lebens schwer gelitten. Halt und Kraft biete aber das Wissen als gläubiger Mensch, dass die Generationen zusammen eine Kette bilden, die es zusammenzuhalten gilt. Und dieser Zusammenhalt entstehe durch die lebendig gehaltene Erinnerung, sagte Benjamin Nissenbaum.

Mehr als irgend ein anderer Mann dieser Welt

Shimon Nissenbaum hat mit seiner Familienstiftung im europäischen Osten zahlreiche verödete, zerstörte und bereits eingeebnete jüdische Friedhöfe und ehemalige Gemeindezentren, vor allem in Polen und der ehemaligen Sowjetunion, rekultiviert und dem Kulturerbe der Menschheit gesichert. Nach dem jüdischen Glauben ist ein Grab für alle Zeiten – so lange die Erde sich dreht. Wer die Grabesruhe stört, stört den Frieden der Verstorbenen. So gesehen hat Shimon Nissenbaum für mehr Seelenfrieden gesorgt als irgend ein anderer Mann auf dieser Welt. Bild: Erich Gropper




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