Dem Krankenhauswesen droht der Exitius
Konstanz (gro) Der Patient leidet seit Jahrzehnten an Dystonie: Kaum etwas stimmt richtig zusammen beim Krankenhauswesen im Landkreis. Übers Jahr soll dieses Wesen endlich gesunden, und zwar als fünfgliedrige Organisation unter einem einzigen Dach. Zuletzt haben drei Spezialistenteams versucht, den weitgespannten Organismus zu therapieren, der von der Politik seit drei Jahrzehnten immer mehr zerfranst wurde, obwohl genau das Gegenteil gefordert war. Ein neuer Therapieansatz ist unumgänglich. Denn inzwischen droht der Exitus. Weniger medizinisch gesagt: Dem Krankenhauswesen im Landkreis droht die Pleite.
Propaganda einer angeblichen Reformbewegung
Skeptiker sehen in der jüngsten Entwicklung lediglich die Neuauflage einer Propaganda, die als eine Serie von Appellen seit 30 Jahren in immer wieder neuen Varianten zwischen Engen, Stockach und Konstanz zu hören ist: Schwerpunkte schaffen, Synergien bilden und überall eine räumlich nahe Grundversorgung garantieren – das waren und sind die wichtigsten Schlagworte einer anhaltenden Reformbewegung, die ihren Namen noch nie verdiente, weil sie die selbstgesteckten Ziele verleugnete: Es gibt bis heute keine überzeugenden Arrangements zwischen den Krankenhäusern im Landkreis, sondern bestenfalls zwangsläufig notwendig gewordene Kooperationen, die bei jeder Gelegenheit unterlaufen werden.
Berater, Prüfer und umfangreiche Gutachten
Die Zerfransung des kreisweiten Krankenhauswesens wird schon daran deutlich, dass es unterschiedliche Zugehörigkeiten und Unternehmensformen der einzelnen Häuser gibt. Engen, Singen, Gailingen und Radolfzell (und Stühlingen) gehören zum „Gesundheitsverbund“ Hegau-Bodensee-Hochrhein-Kliniken (HBH Kliniken). Das Klinikum Singen musste mit seinen Partnerdependencen zum jüngst vergangenen Jahreswechsel erst einmal die Trennung von der besonders hoch verschuldeten Klinik in Waldshut einleiten, um im geplanten (und vom Kreistag im Dezember beschlossenen) Verbund auf Kreisebene dabei sein zu können. In Singen hat die Beratungsfirma Kienbaum nach Antworten gesucht, für den Landkreis war Price-Waterhouse-Coopers monatelang tätig und fürs Klinikum Konstanz bemühte sich das Deutsche Krankenhaus-Institut (DKI, Düsseldorf) um ein umfangreiches Gutachten.
An besserer Zusammenarbeit führt kein Weg vorbei
Böse Zungen sagen, bei der Durchsicht der Akten sämtlicher Häuser sei nichts anderes heraus gekommen als das, was man ohnehin wisse oder ziemlich sicher zu wissen glaube. Besonnene (oder besonders interessierte) Leser der umfangreichen Gutachten räumen zwar ein, dass die Beurteilungen teilweise „etwas gnadenlos sind“. Auf der anderen Seite wird die Schlussfolgerung der Spezialisten anerkannt, dass an einer möglichst weit gehenden Kooperation der Kliniken im Landkreis kein Weg vorbei führt.
Künftig sollen alle Kreisgemeinden mitfinanzieren
Das Krankenhaus Stockach ist eine gemeinnützige städtische (Stockacher) Gmbh und wird über die Kooperation mit dem Klinikum Konstanz indirekt mitverwaltet von der Spitalstiftung. Deshalb ist der Konstanzer Sozialdezernent und Bürgermeister Claus Boldt stellvertretender Vorsitzender des Aufsichtsrats bei der Stockacher GmbH. Übers Jahr, wenn die Kreislösung tatsächlich verwirklicht werden sollte, würde das Stockacher Krankenhaus aus der Bemutterung der Spitalstiftung Konstanz entlassen und als kommunale GmbH der Stadt Stockach ausschliesslich vor Ort gemanagt, dann allerdings unter der Ägide der neuen Übermutter namens Landkreis. Das Klinikum Konstanz wird nach wie vor getragen von der Spitalstiftung Konstanz - und mitfinanziert aus dem städtischen Haushaltsaufkommen. Als Teil des anvisierten Verbunds soll das Klinikum künftig vom Landkreis mitfinanziert werden. Über die Kreisumlage würden dafür künftig sämtliche Gemeinden des Kreises zur Kasse gebeten.
Was alles zu den ungelegten Eiern gehört
Zu den ungelegten Eiern des anvisierten, kreisweiten Krankenhausverbundes gehört ferner die vom Kreistag verkündete Absichtserklärung, jedes bestehende Krankenhaus werde unter dem Dach der neuen Holding seine Unabhängigkeit bewahren. Solche Versicherungen wirken wie die Ankündigung des berühmten, aber garantiert erfolglosen Versuchs einer Quadratur des Kreises. Der Egoismus einer seit Jahrzehnten trainierten Kirchturmspolitik dürfte in einem einzigen Jahr kaum aufzubrechen sein. Vor allem die Konkurrenz zwischen Konstanz und Singen steht im Wege. Da müsste schon ein Andreas Renner zurückkommen und dem hochbezahlten Lobby-Job in Brüssel „Tschüs!“ sagen und Oberbürgermeister in Konstanz werden. Aber vielleicht richtet es mittelfristig ja auch ein Tobias Engelsing, der als Museumsdirektor vorführt, was möglich ist am Bodensee.
Gründung der Konstanzer GmbH sollte längst vollzogen sein
Das Krankenhauswesen im Landkreis Konstanz ist hoch verschuldet. Beim Singener Klinikverbund schiebt man einen Berg von Verbindlichkeiten in Höhe von 80 Millionen vor sich her. Im übrigen Landkreis dürfte mindestens noch einmal so viel an Finanzbedarf hinzu kommen. Wer hat das bestellt? Wer soll das bezahlen? Eine Konstanzer Klinikum GmbH mit Sicherheit nicht. Denn die gibt es immer noch nicht. Obwohl die Gründung bereits im Mai des vergangenen Jahres angekündigt worden war. Im Oktober 2010 sollten die rechtlichen Grundlagen ausgearbeitet, im November 2010 sollte die eigentliche Gründung vollzogen werden. Keine Sorge, bis jetzt ist noch nichts passiert!






