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26. Januar 2011 | Haro Eden zur Revolution in Tunesien

„Europa muss seine Glaubwürdigkeit zurück gewinnen“

Konstanz (gro) Acht Jahre war Haro Eden Berater des tunesischen Wirtschaftsministeriums. Edens Einsatz führte dazu, dass sich während dieser Zeit, von 1976 bis 1984, etwa 150 deutsche Unternehmen in dem früheren französischen Protektorat engagierten, das 1956 unabhängig wurde und von Habib Bourguiba bis 1987 mehr oder weniger autoritär regiert wurde. Die neueste Entwicklung in Tunesien hat Haro Eden vor Ort erlebt. Eden setzt auf das Militär. Es sei am ehesten in der Lage, die Ende 2010 ausgebrochene Revolution in geordnete Bahnen zu lenken.

Beim Aufbau eines demokratischen Systems sei die Hilfestellung der Europäischen Union zwar grundsätzlich willkommen, sagt Eden. Doch insgesamt habe Europa in Tunesien „eher schlechte Karten“. Zu sehr sei die wiederholte Anbiederung europäischer Regierungschefs an den davongejagten und mittlerweile per Haftbefehl gesuchten Präsidenten Zine el-Abidine Ben Ali in Erinnerung. Jetzt biete sich die Gelegenheit, die verlorene Glaubwürdigkeit zurückzuholen.

Seit Jahren Menschenrechtsverletzungen

„Man kann nicht innerhalb einer Woche sein Gesicht auswechseln“ , habe es in Tunis geheissen, als in diesen Tagen die Solidaritätsbekundungen ans tunesische Volk aus Paris, Brüssel oder Berlin kommentiert wurden. Haro Eden hat es hautnah erlebt, er machte in Tunesien während der ersten zwei Januarwochen mit seiner Familie Urlaub bei Freunden. Seit Jahrzehnten sei Präsident Ben Ali von den Europäern hofiert worden, sagt Eden weiter. und das obwohl Kritiker seit vielen Jahren auf schwere Menschenrechtsverletzungen der tunesischen Sicherheitsbehörden hinweisen. Europa sei in Nordafrika unglaubwürdig worden. Den Europäern, das wisse man in Tunis sehr wohl, gehe es vor allem um die Eindämmung der Flüchtlingsströme aus Afrika. Allerdings: Durch entschlossene, tatkräftige Mithilfe bei der Bewältigung der gegenwärtigen Krise, so schätzt Eden die Lage ein, könne Europa wieder Boden gut machen.

Die Bürokratie entrümpelt

Auch 1976 und in den Folgejahren konnte dem nordafrikanischen Land geholfen werden. Damals wurde Haro Eden, der in Hamburg als Rechtsanwalt und Galerist tätig war, von der von Walter Scheel mitbegründeten Deutschen Gesellschaft für Entwicklung und Investitionen (DEG) dafür gewonnen, in Tunesien Aufbauarbeit zu leisten. Es gelang Eden, die Bürokratie des Wirtschaftsministeriums zu entrümpeln und effizient auszugestalten. Dazu kamen Konzepte, die den Mittelstand Tunesiens förderten und bis heute dafür sorgen, dass möglichst viele Einheimische in Führungspositionen von Niederlassungen ausländischer Unternehmen gelangen. Ergänzt wurden solche Konzepte durch den Aufbau eines beruflichen Ausbildungssystems, bei dem das Land Baden-Württemberg Pate stand.

Autoritär, aber wie ein guter Landsvater

Habib Bourguiba habe Tunesien zwar durchaus autoritär regiert. Doch der Mann, der das ehemalige Protektorat den Franzosen abgetrotzt habe, habe nie vergessen, dass er aus einfachen Verhältnissen stammte. Man habe es diesem Patriarchen abgenommen, dass es ihm in erster Linie ums Wohlergehen des Landes und seiner Menschen ging, erklärt Haro Eden. Ganz anders Ben Ali, der seine Ausbildung teilweise beim schwedischen Polizei- und Justizapparat genossen habe und später zum tunesischen Gemeindienstchef avancierte. Er und vor allem seine zweite Frau Leila Trabelsi und deren Clan hätten sich durch Prunksucht, Vetternwirtschaft und Geldgier hervorgetan. Für besondere Empörung habe vergangenes Jahr das Gerücht gesorgt, die First Lady sei mit einem regierungseigenen Flugzeug zu Shoppingtouren nach New York und London unterwegs gewesen.

Als der Segenswunsch für den Präsidenten ausblieb

Der unmittelbar bevorstehende Niedergang des Regimes sei am Freitag, dem 14. Januar, in den Moscheen des Landes auszumachen gewesen, erzählt Haro Eden. An jenem Freitag habe der Vorbeter den sonst obligatorischen Segenswunsch für den Staatspräsidenten im Schlussgebet weggelassen. Noch am Abend dieses Tages sei der seit 1987 regierende Präsident Zine el-Abidine Ben Ali aus Tunesien geflohen. Er habe im saudi-arabischen Dschidda „für unbestimmte Zeit“ seine Zelte aufgeschlagen. Gattin Leila weilte da schon einen Tag auf der gegenüber liegenden Seite Saudi Arabiens: in Abu Dabi und angeblich auch in Begleitung einer Tonne Gold, die in Tunis eingeladen worden sein soll.

Eden:„Ein extrem bedeutender Vorgang“

Die revolutionäre Entwicklung in Tunesien mit seinen etwa 10 Millionen Menschen hält Haro Eden, der frühere Hauptgeschäftsführer der Industrie- und Handelskammer (IHK), für „extrem bedeutend“, und zwar im Hinblick auf die gesamte arabische Welt. Innerhalb dieser Welt sei überall und bis heute auf autoritäre Strukturen gebaut worden. Zum ersten Mal zeichne sich eine Entwicklung hin zur Demokratie ab. Diese Bewegung komme eindeutig von unten, ausgehend von der Agrarstadt Sidi Bouzid, gut 260 Kilometer südlich von Tunis im Landsinneren gelegen.

Das Militär hält die Polizei in Schach

Dort zündete sich am 17. Dezember der arbeitslose Akademiker Mohammes Bouazizi an, verzweifelt nach grundlosen Misshandlungen durch die Polizei. Als Bouazizi am 4. Januar stirbt, kommt es nicht nur in Sidi Bouzid zu Unruhen, sondern auch in etlichen weiteren Städten des Landes; es kommt zum „Marsch auf Tunis“. Die Regierung ist da schon längst zurück getreten, eine Übergangsregierung kommt nicht voran, die Unruhen gehen weiter. Die zunächst brutal agierende Präsidentengarde ist neutralisiert, die 140.000 (!) Polizisten werden vom Militär in Schach gehalten.

Schwere Unruhen in Ägypten

Möglich wurde der tunesische Flächenbrand durchs Internet. Vor allem über Facebook breitete sich die Kunde vom Feuertod Bouazizis rasant aus. Längst auch über die Grenzen hinweg. In Algerien wird der mehr oder weniger regelmässige Zoff zwischen Polizei und Jugendlichen durch die Geschehnisse in Tunesien angeheizt, in Lybien soll es ebenfalls unruhig geworden sein. In Ägypten mit seinen über 83 Millionen Menschen kommt es nach mindestens 10 Selbstverbrennungen diese Woche zu den grössten Demonstrationen seit Jahrzehnten: Rund 30.000 Menschen des bevölkerungsreichsten arabischen Landes gingen allein am Dienstag auf die Strasse, um gegen Hosni Mubarak zu demonstrieren, der Ägypten seit 30 Jahren regiert.

Geld als Beruhigungsmittel

Was den Unruhen besonderen Schwung verleiht, liegt in der Jugendlichkeit ihrer Akteure und in der zunehmenden Vergreisung der politischen Elite. Der Anteil der unter 25-jährigen liegt überall bei etwa 50 Prozent der Bevölkerung. Etliche Staatenlenker befinden sich dagegen im achten Lebensjahrzehnt. Destabilisierend wirken ferner Korruption und Vetternwirtschaft. Ein stabilisierendes Element wiederum ist der Reichtum etlicher arabischer Staaten. Im Öl-Emirat Kuweit (2,7 Millionen Einwohner), wurden vergangene Woche jedem Bürger vorsorglich 3500 US-Dollar überwiesen. Die Zuwendung wirkte besser als Baldrian oder Valium: Es gibt bis jetzt keine einzige Demonstration in Kuweit. Bilder: Frieder Schindele




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