Dornröschen » Blog Archive » Verlorene Riesensandale im sizilianischen Meer
Leserkommentare
 
Sponsoren
31. März 2011 | Das winzige Lampedusa als Einfallstor in Richtung Europa

Verlorene Riesensandale im sizilianischen Meer

Lampedusa/Konstanz (gro) Vom Flugzeug aus sieht Lampedusa aus wie eine riesige Sandale, der die Riemen abhanden gekommen sind. Das 20 Quadratkilometer kleine Inselchen, das fast dreimal in den Bodensee passen würde, liegt zwar 120 Kilometer südlicher (!) als Tunis, ist aber seit drei Monaten zum Einfallstor für Flüchtlinge aus Nordafrika geworden, die nach Europa wollen. Das liegt ganz einfach daran, dass derzeit kein europäisches Staatsgebiet von Nordafrika aus auf illegalem Weg so gut zu erreichen ist, wie diese kaum bewachsene Kalkplatte im sizilianisch/afrikanischen Meer, die von Sizilien fast doppelt so weit entfernt ist wie von Mahdia, der am nächsten gelegenen Stadt an der Ostküste Tunesiens. Nach Libyen sind es knapp 400 Kiliometer. Über 10.000 Flüchtlinge dürften in den vergangenen drei Monaten von Tunesien her an Lampedusas Küste angelandet sein.

Nur auf den ersten Blick paradox: Sicherheit hat zugenommen

1986 liess Muammar al-Ghadaffi als Reaktion auf Luftangriffe des US-Militärs zwei Scud-Raketen sowjetischer Bauart Richtung Lampedusa abfeuern. Sie schafften die weite Reise nicht und plumpsten etwa 20 Kilometer vor der Insel ins Meer. Die Geschosse galten dem damaligen US-Stützpunkt im äussersten Westen der Insel. Die Lampedusaner liessen sich nicht bange machen: Eine Pizzeria wurde umbenannt zum „Ristorante ai missile di Ghaddafi“ („Pizzeria zu den Raketen Ghaddadfis“) und ein Hotelier am alten Hafen gab seinem Wachhund den Namen Muammar. Für den Luftraum gibt es seither ein perfektes Überwachungssystem. Der aktuelle militärische Aufmarsch der Nato hat das Gebiet zwischen Nordafrika und Europa neuerdings geradezu undurchdringlich gemacht, sodass es im äusserten Süden Europas derzeit paradoxerweise sicherer ist denn je.

Wo einst das Budweiser in Strömen floss

An ihrer breiten Seite, im Osten, misst die 9 Kilometer lange Insel, die zum afrikanischen Felstlandssockel gehört, gut 3 Kilometer, ausreichend Platz für eine leistungsfähige Start- und Landebahn, die selbst Jumbo-Jets nutzen können. Der Flughafen wurde in den 60er Jahren mit US-amerikanischer Hilfe gebaut. Die CIA hatte über 20 Jahre lang auf Lampedusa einen Stützpunkt, und zwar auf der Westseite des Inselchens, wo es nur ein paar 100 Meter schmal ist. Es war eine mit viel Elektronik ausgestattete Station der US-amerikanischen Coast Guard samt Kantine, in der fern der Heimat garantiert jeden Tag auch Chicken Wings auf dem Spieseplan standen und wo das Budweiser täglich in Strömem floss. Als die fortschreitende Satellitentechnik In den 80-er Jahren den Stützpunkt für die CIA überflüssig machte, übernahm ihn der Geheimdienst der italienischen Marine. Jetzt soll aus dem Stützpunkt womöglich ein weiteres Flüchtlingslager werden.

10 Millionen für den Transport nach Lampedusa

Nach übereinstimmenden Informationen aus mehreren Quellen beträgt der Preis für eine illegale Überfahrt von Tunesien nach Lampedusa 1000 bis 1500 Euro. Der Menschenschmuggel ist also ein Mordsgeschäft. Eine „Schiffsladung“ mit 50 zahlenden Passagieren bringt mehr als 50.000 Euro, die Kosten für die Überfahrt (samt Kahn oder Kutter) schon abgezogen. Bei 10.000 Flüchtlingen sind das 10 Millionen Euro. Die 4500 Inselbewohner sind zwar gastfreundliche Menschen. Sie fühlen sich jedoch von ihrer Bundesregierung und auch von den europäischen Partnerländern im Stich gelassen. Wieder einmal kampieren auf Lampedusa rund 6000 Flüchtlinge, grösstenteils im Freien und unzureichend mit Nahrungsmitteln versorgt. Neu ist das Problem nicht. Afrikaner suchen den Weg nach Europa seit Jahren auch über Lampedusa. Es sind Tausende jedes Jahr, den bisherigen Höhepunkt brachte 2005, als es rund 20.000 Flüchtlinge waren.

Schüttet Silvio Berlusconi jetzt sein Füllhorn aus?

Als der Weitertransport der Flüchtlinge auf Veranlassung von Innenminister Roberto Maroni, einem Mitglied der zu Rassismus neigenden Lega Nord, in den vergangenen Wochen weiter verschleppt wurde, kam es zu erneuten Protesten der Insulaner. Sie waren so heftig, dass sich Ministerpräsident Silvio Berlusconi veranlasst sah, höchstselbst nach Lampedusa zu reisen. Und er schüttete am Dienstag ein zumindest verbales Füllhorn aus über Insel und Insulaner. Er werde Lampedusa für den Friedensnobelpreis vorschlagen, sagte Berlusconi, ausserdem werde der Insel so bald wie möglich weitgehende Zoll- und Steuerfreiheit eingeräumt. Die Insel soll begrünt werden, und er persönlich werde mit einem Filmteam dafür sorgen, dass die Schönheiten dieses pradiesischen Eilands in der ganzen Welt bekannt würden, versprach Silvio unter dem Jubel der Insulaner. Noch diese Woche sollen die überzähligen Flüchtlinge (das Lager fasst nur rund 800 Menschen) abtransportiert und übers Festland weiter im Norden des Landes verteilt werden. Ganz Europa werde sich beteiligen.

Nebenher ein weiteres Feriendomizil gekauft

Dass es Berlusconi auf Lampedusa gefällt, ist kaum zu bestreiten. Am Rande seines Aufenthalts am Dienstag fand er Zeit, den Kaufvertrag für ein Haus zu unterzeichnen, für ein weiteres Feriendomizil, für eine schicke Villa unweit des Meeresstrandes für 1,5 Millionen Euro. Sein Bruder hat bereits ein stattliches Anwesen auf der Insel: die Villa, die sich der verstorbene Sänger Toto Mudugno in einem Naturschutzgebiet an der zauberhaften Südküste der Insel in den 80-er Jahren „schwarz“ gebaut hatte.




 Kommentieren    Trackback    Drucken

Noch keine Kommentare

Neuen Kommentar schreiben ...

Sie müssen sich einloggen um einen Kommentar zu schreiben.