Nycomed: Für Jedes Jahr eine Milliarde dazu gewonnen
Konstanz/Zürich (gro) Ein Schwede zeigt uns, wie man so richtig Geld verdient: Hakan Björklund hat mit seinem Team so gut gewirtschaftet, dass Nycomed seit der Übernahme von Altana Pharma im Jahre 2006 etwa 5 Milliarden Euro gut gemacht hat, durchschnittlich 1 Milliarde pro Jahr. Dazu gehörten der Abbau von rund 1000 Arbeitsplätzen, die Inanspruchnahme staatlicher Förderung, eine aufopfernd mitarbeitende Belegschaft, staatliche Fördermittel und reduzierte steuerllche Abgaben, und das alles gekrönt durch einen lukrativem Weiterverkauf der Firma an ein japanisches Konkurrenzunternehmen. Den Gewinn aus dem Firmenhandel, so um die 5 Milliarden Euro, streichen ausländische Investmentbanken ein. Die Stadt dagegen muss einen weiteren Verlust befürchten: einen erneuten massiven Rückgang der Gewerbesteuer.
Weiterverkauf für knapp 10 Milliarden Euro?
Ganz so weit ist es noch nicht, die Verträge zwischen der Takeda Pharmaceutical Company Limited (Osaka), dem grössten Pharmakonzern Japans, und Nycomed sind noch nicht unterschrieben. Bekannt geworden ist trotzdem schon der ungefähre Preis, den Takeda für Nycomed zahlen will: knapp 10 Milliarden Euro. Ganz einig, so zwei internationale Wirtschaftsinformatonsdienste (Reuters und Bloomberg), sei man sich noch nicht. Sei’s drum, für 4,4 Milliarden hat Nycomed die Altana Pharma AG 2006 gekauft, für knapp 10 Milliarden Euro soll der Konzern jetzt weiterverkauft werden an Takeda.
Altana war für Börklund ein therapiebedürftiger Patient
Als Nycomed vor fünf Jahren das damals grösste Konstanzer Unternehmen übernahm, verglich es Björklund mit einem Patienten, der dringend eine tief greifende Therapie nötig hat. Diese Diagnose war überraschend. Denn Altana Pharma hatte bis zuletzt mit kontinierlich steigenden Umsätzen und Gewinnen geglänzt (während Björklunds Nycomed im Jahr der Übernahme einen dreistelligen Millionenverlust ausweisen musste!).
Entschlossenes Handeln der neuen Herren
Björklund und sein Team machten schnell klar, was unter einem gesunden Unternehmen vor allem zu verstehen ist: Die Zahl der Mitarbeiter von Altana Pharma selig wurde massiv reduziert (von 1800 Köpfen auf aktuell etwa 790). Dem Management gelang es, diese massive Personalreduzierung, der fast die ganze Forschung zum Opfer fiel, auch mit Hilfe staatlicher Mittel durch einen vergleichsweise üppigen Sozialplan abzufedern: Allein 15 Millionen Euro an Steuergeldern flossen in eine Auffanggesellschaft für überflüssig gewordene Mitarbeiter. Dazuhin sparte das Unternehmen dadurch, dass es 50 Prozent der Übernahmekosten (etwa die Zinsen für 4,7 Millliarden Euro) steuermindernd geltend machen konnte. Die Stadt dürfte allein deswegen mindestens 40 Millionen Euro an Gewerbesteuern verloren haben. Ausserdem hat die Stadt einen erheblichen Verlust an Zuweisungen aus der Einkommensteuer für 200 Führungskräfte des Konzerns zu verkraften; ein Verlust, der dadurch entstand, dass Björklund die Firmenzentrale von Konstanz nach Zürich-Kloten verlegte.
Besonders wertvoll: Das Vertriebsnetz von Nycomed
Für die Japaner macht der stolze Einkaufspreis durchaus Sinn. Denn Nycomed ist mit seinem weltumspannenden Verbindungsnetz, auch in Russland, in Indien und Südamerika sowie einer in China erworbenen Biotechfirma vertrieblich sehr gut aufgestellt und gerade deswegen für Takeda von grossem Nutzen. Das Angebot an Medikamenten überschneidet sich allerdings in grösseren Teilbereichen. Deshalb ist die Nervosität unter den Mitarbeitern bei Nycomed wieder einmal beträchtlich: Man weiss erneut nicht, was die Zukunft bringt. Dies gilt auch für die Produktionsstätte von Nycomed in Singen. Da kursiert das Gerücht, das Werk sei bereits verkauft, und zwar an die Mailänder Bracco S.A., eine frühere Partnerin der Altana Pharma AG selig.
Die Milliarden fliessen an die investierenden Banken
Wenn es demnächst zum Verkauf an Takeda kommt, fllessen die Milliarden nicht etwa an Nycomed, die es dann womöglich auch bald nicht mehr gibt, sondern an die Investmentbanken, die vor fünf Jahren das Geld für den Ankauf von Altana Pharma zur Verfügung stellten, vor allem an Nordic Capital und an einen Private-Equity-Fonds, der im Wesentlichen von der Schweizer Grossbank Crédit Suisse (CS) gespeist wird. Die Takeda Co. Ltd. kann anschliessend die Kosten für den Erwerb der Firma steuermindernd geltend machen und die eventuell trotz allem in Konstanz noch anfallende Gewerbesteuer minimieren: Zum zweiten Mal innerhalb von fünf Jahren, dass dies geschieht.
Rohloff sollte bei den profitierenden Banken nachfragen
Im Übrigen dürften die Manager von Takeda nach dem Ankauf von Nycomed damit beauftragt werden, die entstandenen Kosten zu erwirtschaften, auch durch Personalreduzierungen. Den Reibach machen, wie gesagt, die beteiligten Banken. Deshalb sollte Stadtkämmerer Hartmut Rohloff schon jetzt vorfühlen, ob die Geldhäuser von ihrem Milliardensegen - gerechtigkeitshalber - wenigstens ein paar Prozentchen an die nachhaltig darbende Konstanzer Stadtkasse abführen möchten. Bild: Frieder Schindele





