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26. Oktober 2011 | Kluges Buch gibt Auskunft

Vive la liaison: Konstanz ist französischer als man denkt

Konstanz (gro) Dass Konstanz in Baden liegt, verdankt es dem bekanntesten Franzosen: Napoleon I. Denn der hat Baden erfunden, als er zu Beginn des 19. Jahrhunderts das gleichnamige Grossherzogtum zwischen Hessen, Frankreich, Rhein und Bodensee formte. Dieses souveräne Baden hatte zwar nur 65 Jahre Bestand, wurde dann Teil des Deutschen Reiches und ist vor knapp 60 Jahren aufgegangen im Land Baden-Württemberg innerhalb der Bundesrepublik Deutschland. Doch noch immer ist man in Konstanz stolz darauf, zu Baden zu gehören und irgendwie ein bisschen französisch zu sein. Mancher Stuttgarter, der sich an den See verirrt, weiss ein Lied davon zu singen. Die Verbindungen zu Frankreich reichen mindestens zurück bis ins Hochmittelalter. Michel de Montaigne machte hier im 16. Jahrhundert Station. Napoleon III. und Hortense de Beauharnais fanden im 19. Jahrhundert eine neue Heimat in Konstanz und residierten anschliessend in einem ehemaligen Patrizierhaus auf dem Seerücken, dem heutigen „Napoleonschlösschen“. Bis vor wenigen Jahrzehnten war Konstanz eine Garnisonstadt der französischen Streitkräfte. Und jetzt gibt es ein Buch, in dem die vielfältigen Verbindungen mit Frankreich anschaulich dargestellt sind.

Spannende Geschichte(n) unter einer nüchternen Überschrift

Es ist ein spannendes Werk, verfasst von Daniela Frey und Claus-Dieter Hirt, beide engagiert bei der Deutsch-Französichen Vereinigung. Das Buch ist erschienen im Universitätsverlag Konstanz (UVK), das unter dem fast zu nüchtern-sachlichen Titel „Französische Spuren in Konstanz“ das Licht der Welt erblickte. Herausgeber ist Stadtarchivar Jürgen Klöckler (Band 11 der Kleinen Schriftenreihe des Stadtarchivs). Der knapp 200 Seiten umfassende „Streifzug durch die Jahrhunderte“ (so der Untertitel), wartet mit wohltuender Einordnung einer grossen Vielfalt auf, ist mit 335 teilweise ausführlichen Anmerkungen und über 120 Hinweisen auf Quellen in Literatur und Chroniken eine grundsolide Arbeit, die im Übrigen mit manchen Überraschungen aufwartet.


Ein Franzose als Konstanzer Herr und Bischof

Wer sich für Ursprünge religiös motivierten Fundamentalismus‘ interessiert, wird im ersten Kapitel des Buches mit einem Portrait von Bernhard von Clairveaux bedient. Der streitbare Abt machte auf seiner Werbetour für den zweiten Kreuzzug ins Heilige Land Mitte des 12. Jahrhunderts in Konstanz Station, wo er laut zeitgenössischen Chronisten nicht nur Martialisches predigte, sondern auch einige Wunder wirkte. Während Bernhard nur kurze Zeit in Konstanz blieb, hat der aus Auxerre stammende Gerhard von Bevar in der Stadt tiefere Spuren hinterlassen. Der Franzose war von 1307 bis 1318 Herr von Konstanz und Bischof der grössten Diözese nördlich der Alpen. Das Einflussgebiet der Bischofstadt reichte damals vom Gotthard bis in die Gegend des heutigen Ludwigsburg und vom Elsass bis ins bayerische Allgäu. Das Konzil von 1414 bis 1418 machte Konstanz vollends zu einer Metropole der damaligen Welt.

Als die Konstanzer begannen, Französisch zu lernen

Es waren Emigranten, die nach der Revolution aus Frankreich flohen und sich am Bodensee niederliessen, feine Leute, darunter Bankiers und Unternehmer. Hotels hatten französische Namen, es gab zweisprachige Annoncen im Konstanzer „Volksfreund“ des ausgehenden 18. Jahrhunderts, auch eine französische Leihbücherei; und die Konstanzer, so wird in dem Buch berichtet, begannen Französich zu lernen. Die Macaire-Strasse erinnert an diese Zeit, auch der Herosé-Park; Hortense de Beauharnaix gehörte wie die Kunstmalerin Marie Ellenrieder zum engeren Bekanntenkreis von Generalvikar Ignaz Heinrich von Wessenberg, dem letzten Bistumsverweser der Stadt. Man traf sich gerne im „Goldenen Adler“ und in der „Krone“. Auch Alexandre Dumas, Schöpfer der „Drei Musketiere“ war dort zu Gange. Honoré de Balzac siedelte seine „Imperia“ in Konstanz an, Peter Lenk errichtete sie gut 100 Jahre später folgerichtig am Hafeneingang der Stadt.


Handfeste Überraschung in Sachen Mainau

Mit einer handfesten Überraschung wartet das Buch „Französische Spuren in Konstanz“ durch Hintergrundinformationen zur Mainau auf. Die Insel, seit 1907 im Besitz von Angehörigen des schwedischen Königshauses, wurde während der Nazizeit ab 1943 bis Kriegsende für 5000 Reichsmark im Monat an die Organisation Todt, eine Abteilung von Albert Speers Rüstungsministerium, verpachtet. Es war geplant, auf der Insel ein Erholungsheim für Industrielle einzurichten. Dazu kam es nicht mehr. Dafür formierte sich gegen Kriegsende ein Ableger der zusammengebrochenen Vichy-Regierung. 100 Getreue der französischen Faschisten um Marschall Pétain, die mit den deutschen Nationalsozialisten paktiert hatten, fanden dort Zuflucht. In Konstanz wurden bis April 1945 insgesamt 134 Ausgaben von „La France“ gedruckt, einem frankofaschistischen Propagandablatt, das zum Widerstand gegen de Gaulle aufrief.

Der ehemalige Franzosenfriedhof auf der Blumeninsel

Die Autoren des Buches über die “Französischen Spuren in Konstanz” machten sich für dieses Kapitel über die Mainau Forschungsarbeiten von Arnulf Moser zu Nutze, der die weitgehend unbekannte Rolle der Insel während des Dritten Reiches untersucht hat. Dazu gehört auch die Geschichte, dass im August 1944 auf der Mainau unter der Regie von Gustav Fröhlich und unter der Produktionsleitung von Herbert Engelsing, dem Vater unseres heutigen Museumsdirektors Tobias Engelsing, für den NS-Propagandafilm „Leb‘ wohl Christina“ gedreht wurde. Der Streifen kam nie in die Kinos, er liegt wahrscheinlich vergessen in irgend einem Moskauer Archiv. Die nach Kriegsende einrückenden Franzosen richteten auf der Mainau ein Lazarett für französische Häftlinge aus dem Konzentrationslager Dachau ein. 33 verstarben dort und wurden auf der Insel begraben, 1946 exhumiert, auf den Hauptfriedhof umgebettet und zwei Jahre später auf ihre Heimatfriedhöfe in Frankreich überführt. Das Buch enthält die Reproduktion eines Fotos, das den ehemaligen Franzosenfriedhof auf der Mainau zeigt.


Chronik der Mainau soll ergänzt werden

Die Familie Bernadotte und die Unternehmensleitung der Mainau waren von Claus-Dieter Hirt im Vorfeld der Veröffentlichung über die Verarbeitung von Mosers Dokumentation in dem Buch unterrichtet worden. Hirt hatte dabei seine Unterstützung für eine Ergänzung der im Internet verbreiteten Mainau-Chronik angeboten, in der zwischen 1932 und 1961 eine Lücke klafft. Claus-Dieter Hirt ist Präsident der Deutsch-Französischen Vereinigung (DFV) Konstanz und in dieser Funktion besonders daran interessiert, dass das „französische Kapitel“ der Mainau nach Jahrzehnten schamhaften Verschweigens Eingang findet in die veröffentlichte Historie der Insel. Auf der Mainau zeigte man sich dankbar für die Anregung. Bis zum Saisonbeginn 2012 dürfte mit einer entsprechenden Ergänzung zu rechnen sein, einer Ergänzung, die sich auch auf der Web-Seite des Inselunternehmens niederschlagen wird.

Daniela Frey, Claus-Dieter Hirt: “Französische Spuren in Konstanz”, UVK Verlagsgesellschaft Konstanz 2011; 14,90 Euro



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