„Südkurier“ - nach der Blamage in der Krise
Konstanz (gro) Die Blamage hätte kaum grösser sein können: Ausgerechnet die nach Monaten des Zuwartens zustande gekommene Veranstaltung in eigener Sache war von der so genannten Heimatzeitung nicht angekündigt worden. Der Zunftsaal des Rosgartenmuseums war trotzdem übervoll. Das provozierte folgende Überlegung: Entweder ist der „Südkurier“ in Konstanz überflüssig geworden. Oder er steckt in einer derart tiefen redaktionellen Krise, dass selbst wichtigste Veranstaltungen einfach vergessen werden. Schliesslich ging es bei dem Diskussionsabend um die interessante Frage, ob das kulturelle Geschehen der Stadt im Konstanzer Lokalteil ausreichend berücksichtigt wird. Alle Vorderleute der kulturellen Institutionen und jene der freien Szene stellen das in Abrede. Beim „Südkurier“ sieht man das immer noch ganz anders.
Stefan Lutz: „Nur eine Frage der Seitenüberschrift“
Eingeladen zu der Diskussion hatte nicht der „Südkurier“, vergangenes Jahr ausgezeichnet unter dem Motto “Lust auf Heimat”, sondern Bürgermeister Claus Boldt, in diesem Falle als Kulturdezernent der Stadt. Boldt wartete mit konkreten Zahlen auf, die nahe legen, dass es einen signifikanten, dokumentierten Rückgang bei der redaktionellen Beachtung kultureller Ereignisse gibt. „Südkurier“-Chefredakteur Stefan Lutz wies das zurück. Die lokale Kulturseite erscheine zwar seit einigen Monaten nicht mehr mindestens fünfmal in der Woche, doch die typische kulturelle Berichterstattung sei insgesamt genau so umfangreich, nur eben nicht mehr so oft unter der Seitenüberschriftt „Konstanzer Kulturleben“ zu finden, sondern auch verteilt über andere lokale Seiten. Man habe die Rubrik „Kulturleben“ zugunsten der neuen Rubrik „Wir in Konstanz“ zurückgefahren, um das Konstanzer Vereinsleben besser zu berücksichtigen.
Absurder Diskussionsverlauf zur besten Einkaufszeit
Die umfangreichen Einlassungen des Chefredakteurs waren allerdings nicht geeignet, die von klaren Argumenten getragene Kritik auszuräumen. Da weder Lutz noch Rainer Wiesner, der Geschäftsführer des Medienhauses Südkurier, noch „Regionalleiter“ (Lutz) Jörg Peter Rau auf Nachfragen konkret eingingen, entwickelte sich ein absurder Gesprächsverlauf, der die Bezeichnung „Diskussion“ nicht verdient.
Der Eindruck von Absurdität wurde fünffach unterstrichen:
1. durch die ungewöhnliche Wahl des Zeitpunkts. Denn der Beginn der Veranstaltung war für Donnerstag 18 Uhr, also zur besten Konstanzer Einkaufszeit anberaumt.
2. durch die Tatsache, dass kein einziger für das Redaktionsfach „Kultur“ zuständiger Redakteur im Zunftsaal des Rosgartenmuseums anwesend war. Weder Feuilletonchef Wolfgang Bager, noch Siegmund Kopitzki, noch Michael Lünstroth war zu entdecken. Vor allem die Abwesenheit Lünstroths stiess auf Befremden, denn schliesslich hat vor allem er sich um das Konstanzer Kulturgeschehen zu kümmern. Auch die Tatsache, dass neben „Regionalleiter“ Rau kein einziger Konstanzer Lokalredakteur anwesend war, wurde mit Staunen registriert.
3. durch seltsame Gegenargumente wie den Hinweis, die Kulturberichterstattung sei „nur anders verteilt“.
4. durch die misslaunige Aggressivität von Rainer Wiesner, den man eigentlich ganz anders kennt.
5. durch die nicht entkräftete Kritik an der kaum glaubhaften Aufforderung der Lokalredaktion gegenüber Kulturveranstaltern, sich entweder für eine Ankündigung oder aber für einen Bericht über die Veranstaltung zu entscheiden.
Tobias Engelsings Attacke und Rainer Wiesners Entgegnung
Gastgeber der Veranstaltung am Donnerstagabend war Museumsdirektor Tobias Engelsing, und Engelsing, der auch der ursprüngliche Initiator dieses Treffens ist, war es, dem nach gut einer Stunde der Geduldsfaden riss, nachdem Lutz, Wiesner und Rau mehrfach betont hatten, wie sehr der „Südkurier“ doch die kulturelle Szene, sei sie nun klassisch, frei oder einfach nur populär, in Konstanz und im ganzen „Südkurier“- Land unterstütze; sei es mit redaktionellen Arbeiten, sei es mit kostenlosen Anzeigen oder sei es hin und wieder sogar mit direkten Zuwendungen.
Engelsing hielt dem entgegen, dass man in diesen Zusammenhängen nicht vergessen dürfe, zwischen der Stadt (die dem “Südkurier” pro Jahr mindestens 200.000 Euro zukommen lasse) und der Heimatzeitung auch so etwas wie ein Geschäft auf Gegenseitigkeit zu sehen. Engelsing warb für Überlegungen, Ankündigungen im redaktionell erstellten Teil der Zeitung einen preiswerten Obulus abzuverlangen, um „für beide Seiten“ eine vorteilhafte Situation zu schaffen.
Rainer Wiesner nutzte dies prompt für eine energische Zurückweisung im Hinblick auf die vom Presserecht geforderte Trennung von redaktionellen und direkt erlösträchtigen Teilen einer Tageszeitung, eine Massgabe, die gerade vom “Südkurier” vielfach unterlaufen wird. Wiesner unterstellte Engelsing sogar den Versuch einer „Erpressung“. Besonders erbost zeigte sich Wiesner, dass Engelsing öffentlich machte, es habe 7 Monate gedauert, bis sich der „Südkurier“ zu dem nun veranstalteten Ausspracheabend herbei gelassen habe.
Meinung - Rainer Wiesners ungewohnt humorlose und heftige, ja ausgesprochen verärgerte Reaktionen im Konstanzer Rosgartenmuseum mögen darauf zurück zu führen sein, dass er, der oberste Macher und Architekt des Medienhauses Südkurier, neuerdings nicht nur bei Stefan von Holtzbrinck (in Stuttgart) sondern auch bei Alexandra Holland (in Augsburg) zum Rapport zu erscheinen hat. Wahrscheinlicher ist, dass er sich sakrisch darüber geärgert hat, dass die Ankündigung des Diskussionsabends im “Südkurier” vergessen wurde. Noch wahrscheinlicher aber ist: Wiesner spürt, dass sich seine Personalpolitik der letzten Jahre zu rächen beginnt. Diese unglückliche Politik hat dazu geführt, dass die Redaktion, die den Kernbereich seines Medienhauses bildet, keine schlagkräftige, kreative Truppe mehr ist, sondern ein zerstrittener von gegenseitigem Misstrauen zerrütteter Haufen. Diese Entwicklung dürfte die Ursache dafür sein, dass das Medienhaus Südkurier in eine ernsthafte Krise geraten ist.






Würden Sie das mit den 200.000 Euro bitte spezifieren? Sind das Gelder, die die Stadt Konstanz für Anzeigen im Südkurier ausgibt? Oder Zuschüsse in irgendeiner Form?
Generell: Dass es um das Verhältnis zwischen der Konstanzer Kulturredaktion und Bürgermeister Boldt nicht um Beste bestellt ist, konnte man in der Vergangenheit manch tendenziösem Halbsatz entnehmen. Allerdings muss ein Amtsträger kritische Berichterstattung schon aushalten können… Man wird den Eindruck nicht los, dass Boldt noch eine Rechnung mit der Redaktion offen hat.