Die Siemens AG automatisiert lieber die Bahn als die Post
Konstanz (gro) Das mehrere Hektar grosse Betriebsgelände der Firma Siemens zwischen Bücklestrasse und Bahnlinie, das frühere AEG-Telefunken-Gelände, könnte das nächste Grossprojekt der Konstanzer Stadtentwicklung werden. Die Eigentümerin des Areals, eine Stuttgarter Investorengemeinschaft, sei, wie man hört, nicht abgeneigt, auf dem bisherigen Industriegelände im grossen Stil Wohnungsbau zu verwirklichen. Der Pachtvertrag mit Siemens läuft Ende 1913 aus. Zur Zeit sind bei der Siemens AG in Konstanz, die hier vor allem in Sachen Postautomation forscht, entwickelt und produziert, rund 1000 Frauen und Männer beschäftigt.
Siemens hofft auf einen guten Preis
Die Siemens AG, so hört man in Immobilienkreisen, habe wenig Neigung, den Pachtvertrag für das Betriebsgelände in Konstanz zu verlängern, umso weniger, als die teilweise betagten Baulichkeiten einen relativ hohen Unterhaltsaufwand benötigen. Ausserdem soll die Sparte Postautomation verkauft werden. Ob aus dieser Absicht Wirklichkeit wird, dürfte auch an allfälligen Kaufinteressenten liegen. Wirtschaftskreise gehen davon aus, dass das Unternehemens, das allein in Deutschland vier Standorte (Konstanz, Nürnberg, Düsseldorf und Frankfurt) unterhält und weltweit 3500 Beschäftigte hat, gut 2 Milliarden Euro wert sein dürfte. Ungefähr so viel, 2,2 Milliarden Euro, zahlt der Elektronikkonzern für die Bahnautomatisierungssparte der britischen Invensys-Gruppe, die bereits „zum Frühjahr 2013 voll integriert sein soll“, wie es bei Siemens heisst.
Weltmarktführer bei der Postautomation
Siemens ist zwar seit 100 Jahren im grossen Stil in der Bahntechnik engagiert, sowohl im Bau von kompletten Zügen als auch bei der Elektrifizierung von Bahnstrecken, im Bau von U-Bahn- und S-Bahn-Systemen sowie in der Leit- und Logistik-Technik, und deshalb erscheint die Einverleibung der britischen Invensys-Sparte naheliegend. Trotzdem überrascht die beabsichtigte Trennung von der Postautomation, mit der Siemens und ihre Konstanzer Ingenieure klare Weltmarktführer sind - etabliert nicht nur in Europa, sondern, unter anderem, auch in den USA, in China und im südostasiatischen Raum.
Leichtfertiger Umgang mit der Postautomation
Der Neuerwerb in Sachen Bahntechnik britischer Provenienz generiert derzeit pro Jahr etwa so viel Umsatz wie die Postautomation von Siemens (jeweils rund 1 Milliarde Euro). Doch während der an Papier und Karton gebundene Geschäftsbereich Postautomation wegen der fortschreitenden Digitalisierung der Kommunikation weltweit rückläufige Tendenzen zeigt, entwickelt sich das Bahngeschäft insgesamt weiter nach vorne, ganz abgesehen davon, dass die Gesamtumsätze in diesem Geschäftsbereich ungleich grösser sind als bei der Postautomation. Letzterer deswegen die Zukunft abzusprechen, da sind sich auch nur halbwegs optimistische Fachleute einig, wäre jedoch mindestens leichtfertig - wenn nicht sogar sogar grob fahrlässig. (Fortsetzung weiter unten.)
Aufstieg unter E. Leopold Dieck
Als die Konstanzer Postautomation in den frühen 80-er Jahren aus dem serbelnden AEG-Telefunken-Konzerns herausgelöst und zu einem eigenständigen Unternehmen ausgeformt wurde, war es der heute in Ravensburg lebende Geschäftsmann und Industrie-Manager E. Leopold Dieck, der daraus ein schlagkräftiges Unternehmen zimmerte. Unter Dieck wurde das US-amerikanische Postgeschäft erobert, und die in Konstanz entwickelten Sortieranlagen liefen bald rund um den Globus, der weltweite Marktanteil stieg auf etwa 75 (!) Prozent. Nebenbei sei daran erinnert, dass das weltweit übernommene, neue System der Postleitzahlen in Konstanz ausgedacht und konzipiert wurde.
Konsequente Weiterentwicklung unter Eberhard Zur
Unter Eberhard Zur wurde der Siegeszug der ElectroCom GmbH, wie das Unternehmen nun hiess, konsequent fortgesetzt. Als ElectroCom das neue Luftfrachtzentrum von Hongkong, entstanden auf einer künstlichen Insel, konzipierte und ausstattete und in Singapur ein logistisches Drehkreuz für den südostasiatischen Raum realisierte, wurde ein weiterer Höhepunkt der Firmengeschichte erreicht. Dann wurde Kasse gemacht, und zwar von Daimler. (Fortsetzung nach der Anzeige.)
Die Daimler Benz AG verkaufte an die Siemens AG
Das Unternehmen, das anfangs der 80-er Jahre aus dem AEG-Konzern herausgelöst worden war, ging unter Dieck für eine symbolische Mark an den Daimler-Benz-Konzern, der damals unter Edzard Reuter zu einem High-Tech-Konzern ausgebaut werden sollte. Als Reuters Unternehmenskonzept scheiterte, verkaufte Daimler die ElectroCom 1997 an die Siemens AG, allerdings für sehr viel mehr als für 1 Mark.
An einen japanischen Konkurrenten?
Es dürfte noch völlig offen sein, an wen Siemens nun veräussern kann. Naheliegend wäre der Verkauf an einen japanischen Konkurrenten, denkbar ist ferner ein räumliches Aufsplitten des Unternehmens. Vor etlichen Wochen haben Siemensianer aus der Bücklestrasse den leer stehenden Baulichkeiten der Firma Nycomed/Takeda einen Besuch abgestattet. Für die Siemens-Beschäftigten in Verwaltung, Marketing und Forschung gäbe es ausreichend Platz an der Byk-Gulden-Strasse. Doch die Postautomatisierer benötigen auch Hallen, in denen die Prototypen aufgebaut werden können für die mit aufwendiger Feinmechanik, Hochleistungselektronik und raffinierter Optik bestückten Maschinen, die zum grössten Teil in den Bestimmungsländern hergestellt werden. (Weiter nach der Anzeige.)
Vorerst wird noch gepokert
So, wie es aussieht, dürfte vor einem Verkauf der Siemenssparte Postautomation noch eine Weile gepokert werden, umso mehr, als unweit der Byk-Gulden-Strasse und jenseits der Bahnlinie bereits jetzt einige grosse Hallengebäude genutzt werden können, die nicht auf dem angestammten Industrieareal stehen. Nun wird Oberbürgermeister Uli Burchardt nicht nur nach Berlin und Stuttgart, sondern auch nach München, zur Siemens AG reisen müssen. Auch ein Trip ins ferne Japan sollte in den nächsten Monaten drbin sein.





