Verkauf der 228 Mietwohnungen gestoppt
Konstanz (gro) Die Kinder, Frauen und Männer in den 228 Gagfah-Mietwohnungen an Markgrafenstrasse, Alemannenstrasse und Klingenbergstrasse können ab sofort wieder ruhig schlafen: Josef Joachim Reckziegel hat die Kaufverhandlungen am gestrigen Mittwoch gegen 14 Uhr für gescheitert erklärt. Der Chef der mächtigen Radolfzeller Baugenossenschaft „Familienheim Bodensee“ hätte die Konstanzer Wohnanlage „sehr gerne“ seinem Reich einverleibt gesehen, zu dem am westlichen Bodensee immerhin rund 1400 Wohnungen gehören. Doch die Gagfah verlangte zuviel. 13,8 Millionen Euro wurden für die 228 Wohnungen mit insgesamt 12.241 Quadratmetern Wohnfläche gefordert. Laut Reckziegel „4 bis 5 Millionen Euro zu viel“.
Einst eine Tochter der BfA
Die Gagfah ist eine frühere Tochter der Deutschen Angestelltenversicherung (BfA). Heute gehört die „Gagfah Group“ über eine in Luxemburg residierende Holding zum US-amerikanischen Fortress-Immobilien-Konzern. Die Gagfah wünscht sich für ihre 228 Konstanzer Mietwohnungen im Markgrafenviertel 1.127 Euro pro pro Quadratmeter. Viel zu viel, wie Reckziegel ausrechnen liess. Ein Beispiel macht das deutlich: Für 1065 Euro, so erklärt Genossenschaftschef, seien derzeit in der Region am westlichen Bodensee ähnlich viele Mietwohnungen zu haben, und zwar inklusive Wärmedämmung. Die Gagfah möchte für ihre Wohnanlage, wie angemerkt, 1.127 Euro pro Quadratmeter, aber für Wohnungen ohne Wärmedämmung.
An der Oberkante des Mietpreisniveaus
Auf der anderen Seite bewege sich das Mietniveau der fraglichen Wohnanlagen „an der Oberkante der vom Konstanzer Mietspiegel ermittelten Preise“, erklärt Reckziegel weiter. Vor gut 10 Jahren, sagt der Genossenschaftschef, habe es zwar eine teilweise Sanierung des in den 60-er Jahren hochgezogenen Konstanzer Wohnviertels im Schatten der Bruder-Klaus-Kirche gegeben. Abgesehen von der Erneuerung der meisten Fenster und Heizungen habe die damalige Aktion wenig gebracht. Die seinerzeit schon überfällige Wärmedämmung fehle bis heute, und auch den Badezimmern der 228 Wohnungen „würde eine Erneuerung gut anstehen“.
Herbert Weber sieht sich bestätigt
Die neueste Entwicklung ist Wasser auf die Mühlen von Stadtrat Herbert Weber. Der Konstanzer SPD-Wohnungspolitiker, seit bald 35 (!) Jahren Vorsitzender des Mietervereins Bodensee sowie etliche Jahre Landesvorsitzender des Deutschen Mieterbundes und Mitglied in dessen Präsidium, sieht sich „wieder einmal bestätigt“. Stadtverwaltung und Gemeinderat, fordert Weber, müssten mehr tun, um potenzielle Gebiete für den Wohnungsbau auszuweisen und freizugeben.
Mietpreise kaum verhandelbar
Nur durch neue Wohngebiete sei zu verhindern, sagt Weber, dass in Konstanz der Markt für Mietwohnungen vollends zusammen breche. „Einen solchen Markt“, sagt Weber weiter, „gibt es hier gar nicht mehr.“ Zu einem echten Markt im wirtschaftlichen Sinne, sagt Weber, gehöre ein „halbwegs austariertes Verhältnis von Angebot und Nachfrage“. Diese Beziehung sei in Konstanz längst aufgekündigt worden: „Hier müssen Mieter sehr oft einfach nehmen, was sie kriegen.“






@Mieterverein Bodensee
Das gezeichnete Bild vom Vermieter finde ich polemisch.
Bei Jahresbeginn habe ich zufällig die Werbeanzeige einer Bausparkasse gesehen, die “private Vermietung als optimale Altersvorsorge” angeboten hat, was ich ziemlich irreführend fand.
Private Vermieter aus der Bekanntschaften raten übereinstimmend “Finger weg”, weil es nur Verlust verursacht und wie Aktien-Zocken nur “Geldverbrennung” ist.
Da ist man sogar bei der staatlichen Rentenversicherung ohne Eigenvorsorge wesentlich besser aufgehoben. Welche Partei sollte der private Vermieter als “Sozialfall” wählen?
Vielleicht sollte man bei Vermietern etwas differenzieren: der Mieterverein kann mit seiner Beurteilung nicht die wenigen frustrierten privaten Vermieter meinen.
Mein Kommentar von heute mittag sollte nicht als Kritik an Verein, Personen oder Partei verstanden werden.
Bei den beiden DR-Berichten über die Gagfah ist folgende Vorgeschichte aufgefallen:
Die Gagfah wurde als “gemeinnützige AG” gegründet und gehörte der BFA als öffentlich-rechtliche Körperschaft.
Dann wurde sie an eine US-Gesellschaft verkauft und zur Zeit wird ein Kaufangebot einer regionalen Baugenossenschaft hier im Blog angesprochen.
Genossenschaften orientieren sich allgemein nur an einer Kostendeckung, nicht an einer Gewinn-Erzielung und wirken eher “gemeinnützig”.
Sofern die Baugenossenschaft Wobak hiesse, könnten die Wohnung indirekt in städt. Eigentum übergehen.
Ein ungewohntes Beispiel für eine PPP als “Public Private Partnerschift” und ein Geschäftsmodell, das bei der einseitigen Zuordnung von Gemeinnützigkeit nachdenklich macht.
Ungewohnt ist auch die Markt-Variante, daß Preis + Nachfrage festgelegt sind und das Angebot angepaßt werden müssen.
Im Südkurier von heute wird im Artikel “Wohnungen statt Parkplätze” der Antrag der SPD für die Überbauung des Döbele beschrieben.
Für einen ersten Ansatz sicher lobenswert, um die Wohnungsnot zu lindern und den unzufriedensten Mietern einen Ausweg aus ihrer Zwangssituation mit ihren jetzigen Vermietern zu weisen. Und doch irgendwie viel zu wenig.
Braucht eigentlich Konstanz eine Mülldeponie? Könnten man nicht die Lücke zwischen Wollmatingen und Litzelstetten schliessen? Der Baugrund ist auch nicht schlechter als bei Klein-Venedig.