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4. Oktober 2009 | Volker Steffens kämpft gegen sechs Mitbewerber

Alptraum Abwahl

Konstanz (wak) Die Gemeinde Reichenau hat die Wahl. Volker Steffens (48) ist seit 16 Jahren Bürgermeister. Am 25. Oktober hat er es mit sechs Mitbewerbern zu tun. Steffens Chancen, auf der Reichenau Bürgermeister zu bleiben, dürften etwa fifty-fifty stehen. Noch nie haben die Reichenauer einen Bürgermeister abgewählt, sagt Wolfgang Lieske vom Hauptamt. Die Gefahr abgewählt zu werden, ist in Baden-Württemberg in den vergangenen Jahren aber gestiegen. Das ist wissenschaftlich belegt. Und selbst der Inselheilige Pirmin musste sich einst von der Insel vertreiben lassen, wenn auch nicht von den Reichenauern, sondern von Herzog Theobald.

Inselheiliger 726 vertrieben

Wenn Volker Steffens wie am vergangenen Freitagabend von einer Dienstfahrt aus Stuttgart zurück kehrt und über den Damm auf seine Insel fährt, kommt er an Pirmin vorbei. Rechter Hand grüßt ihn der steinerne Inselheilige, der Kreuz und Bischofsstab in Händen hält. Pirmin, um 720 zum Wanderbischof geweiht und zur Mission nach Nordwest-Frankreich und an den Oberrhein gesandt, gründete zahlreiche Klöster. Darunter ist möglicherweise auch das Kloster Mittelzell auf der Bodenseeinsel Reichenau.  Alles kriechende Getier, das die Insel schädigte, soll bei Pirmins Ankunft ins Wasser gestürzt und so verschwunden sein. Auf der Reichenau hielt Pirmin sich der Überlieferung nach bis 726 auf, bis er von Herzog Theobald vertrieben wurde.

Trend geht zur Bürgermeisterabwahl

Zu Volker Steffens Insignien der Macht zählen die Amtskette und vielleicht noch der Schreibtisch im Rathaus. Vertreiben lassen will er sich nicht, von keinem Herzog Theobald und auch nicht von den 2787 Wählerinnen und Wählern auf der Insel und den 1221 auf dem Festland. Demnächst wird Steffens seinen Bürgerinnen und Bürger deswegen sehr genau erzählen, was er in den kommenden acht Jahren mit ihnen und ihrer Reichenau so vor hat. Steffens weiß, dass der Stuhl des Bürgermeisters in den vergangenen Jahren in Baden-Württemberg immer öfter zum Schleudersitz geworden ist. Dass Bürgerinnen und Bürger einen Bürgermeister abwählen, kam früher nur selten vor. Der Diplom-Verwaltungswirt nimmt den neuen Trend zur Kenntnis und erklärt: Er entspreche voll und ganz dem Anforderungsprofil. Von allen sieben Bewerbern darf man das nicht unbedingt sagen.

Visionär und Toilettenmann

Steffens redet vom Pfund, das er in die Waagschale werfen kann. Nur eine Beispiel nennt er: 20 Millionen Euro hat die Gemeinde in den vergangenen 16 Jahren investiert – vier Millionen waren Zuschüsse vom Land. Das sei doch was. Nichts passierte ganz von alleine, um vieles hat sich der Bürgermeister gekümmert – um neue Bebauungspläne beispielsweise, damit Gärtner große Gewächshäuser bauen können oder auch um eine öffentliche Toilette beim Rathaus, sagt er.

Handwerker Bürgermeister

Am 30. November 2000 hat das Welterbekomitee der UNESCO die frühere Klosterinsel Reichenau zur Welterbestätte erklärt. Das neue Leit- und Orientierungssystem, das 2010 kommen soll, wird zu zwei Dritteln aus Mitteln des Welterbe-Förderprogramms des Bundes finanziert. „Klappern gehört zum Handwerk“, sagt Steffens und meint damit auch, dass das Krallen von Zuschüssen nicht mit dem Ausfüllen eines Formulars erledigt ist.

163 Abgewählte unter der Lupe

Aber ist Steffens deswegen schon ein guter Bürgermeister? Warum werden Bürgermeister überhaupt abgewählt? Antworten darauf gibt Timm Kern, der sämtliche 163 Abwahlfälle in Baden-Württemberg zwischen 1973 und 2003 untersucht hat. Die Studie ist deutschlandweit einmalig und beantwortet spannende Fragen wie: Wie sieht der Wunschbürgermeister aus? Wie wichtig ist die fachliche Qualifikation? Wie wichtig ist das Menschliche? Welche Fehler verzeiht die Bevölkerung dem Amtsinhaber und welche auf gar keinen Fall?

Vorteil für Volker Steffens

Tendenziell gilt, dass die Gefahr der Abwahl wächst. Bei der zweiten Wahl – die Steffens schon gewonnen hat – ist das Risiko am höchsten. Dass es in der Gemeinde Reichenau sechs Mitbewerber gibt, schadet Steffens nicht. Im Gegenteil: Am größten ist die Gefahr, wenn nur ein Mitbewerber auftaucht. Laut Timm Kern ist es so, dass die Wählerinnen und Wähler bei vielen Bewerbern nicht alle Kandidaten wirklich prüfen können und deswegen eher bei dem bleiben, den sie schon kennen. Auf der Reichenau kandidieren neben dem Konstanzer Rechtsanwalt Holger Amann (42) und dem Fachbereichsleiter für Bildung, Familie und Sport und promoviertem katholischen Theologen Wolfgang Zoll (43) noch vier weitere: der Ex-Bundeswehroffizier Horst-Hubertus Krug (62) aus Konstanz, der aufgrund seines Lebensalters keine ganze Amtsperiode mehr Bürgermeister bleiben könnte, der Reichenauer Rechstanwalt Andreas Berthold (37), der schon einmal in Meersburg kandidiert hatte, Michael Bremges aus Heilbronn und Marc Schaer aus Allensbach. Am erfolgreichsten waren laut Kerns Studie Bewerber, die von außerhalb kamen.

Eierlegende Wollmilchsau

So ein bisschen wünschen sich die Wählerinnen und Wähler die sprichwörtliche eierlegende Wollmilchsau als Bürgermeister. Er soll wie Timm Kerr beschreibt für Tradition und Modernisierung stehen. Wer nur auf jedem Fest präsent sei und keine Entwicklungschancen ergreife, sei genauso abwahlgefährdet wie ein Bürgermeister, der die Gemeinde nach vorn bringt, aber nicht emotional genug ist. Die Bevölkerung wünscht sich einen Kumpel und Anführer, der immer öfter auch noch Moderator sein muss.

Sieben auf einen Streich

Vorstellen werden sich die Bewerber am Montag, 12. Oktober, in der Inselhalle sowie am Donnerstag, 15. Oktober, in der Pfaffenmooshalle. Wir stellen ihnen demnächst den Kandidaten, der aus der Wirtschaft kommt, Holger Amann, den Reichenauer Andreas Berthold, der sich Außenseiterchancen ausrechnet, und Wolfgang Zoll, den Theologen und Verwaltungsmitarbeiter, noch vor.  Schauen Sie doch mal wieder bei “dornroeschen.nu” vorbei. Und ewig grüßt Pirmin.

Foto: Frieder Schindele | TMW

 

 



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Ein Kommentar

  1. 1. GJM

    Lobenswert sind die Initiativen der letzten Jahre, das kulturelle Zentrum des Mittelalters in Erinnerung zu rufen. Auf solche Vergangenheit können die Reichenauer stolz sein. Sind die Reichenauer auch wirklich glücklich, dass ihre bisher noch als Naturidyll geltende Insel, wenn auch mit Glashäusern übersät, so verkommerzialisiert wird? Im Katalog der Weltkulturerben geführt zu werden ist immer mit einer touristischen Vermarktung verbunden. Wohin geht der Weg der Reichenau? Welche Zukunftsversion haben diese Bürger, die durch ihre Gemeinderatsvertreter diese Version mitbestimmen? Brauchen die Reichenauer wirklich den Kommerzrummel, der jetzt durch Pommes- und Hamburger-Buden bereit am Eingang der Insel zu erleben ist? Was bleibt von diesem Rummel denn wirklich am einzelnen Inselbewohner hängen? Mich wundert’s nur, welche Überzeugungskraft Bürgermeister Steffens im Gemeindeparlament erbringt, um die Mehrheiten der Bürgervertreter hinter sich zu bringen. Das kommunale Glück wird aber letztendlich an der Wahlurne durch die Reichenauer Bürger selbst entschieden und da darf man die Reichenauer in ihrer selbstgewählten Zukunftsversion nicht reinreden. Sehr Schade für die, die die “alte Reichenau” noch als schönste und erholsamste Insel im Bodensee erleben durften.

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