Gespenstische Debatten im Dunstkreis der Kommunalpolitik
Konstanz (gro) Eine satte 60-Prozent-Mehrheit hat beim Bürgerentscheid am 21. März ihr Nein zu einem Konzerthaus auf Klein Venedig bekundet. Doch als Nein-Sager wollen die Nein-Sager partout nicht gelten, Jedenfalls nicht die Matadore um den Grünen Ober-Nein-Sager Günther Schäfer. Er und seine Mitstreiter für ein kongress- und konzerthausfreies Klein Venedig bitten heute Abend ins „Barbarossa“, wo sie ihr entschiedenes Ja zu einem Konzerthaus für die Konstanzer und ihre Philharmonie bekunden wollen. Eine zweite Gespensterdebatte im Dunstkreis der Kommunalpolitik ist morgen zu erwarten, wenn es im Finanzausschuss des Gemeinderats um die aktuelle monetäre Lage der Stadt geht.
Was tun mit der Halle an 325 Tagen?
Eigentlich ist es schon immer, und im Grunde bis zuletzt, um nichts anderes gegangen als um ein angemessenes Konzerthaus für das stadteigene Sinfonieorchester. Die zweitjüngsten Planungen sahen in den 90-er Jahren ein Konzerthaus auf dem Gelände der sanierten Klosterkaserne und dann auf dem früheren „Südkurier“-Areal vor. Beide Planungen scheiterten am Geld. Vor allem der Unterhalt einer solchen Halle, so rechneten Fachleute vor, komme zu teuer. Ein Haus nur für Musik – das sei auf Dauer finanziell nicht zu stemmen. Schliesslich gebe die Philharmonie in Konstanz nur rund 40 Konzerte. Was sei mit den übrigen 325 Tagen im Jahr? Wenn man schon eine Halle baue, so die Überlegungen, dann müsse sie mehrfach nutzbar sein. So kam man auf eine Kongress- und Konzerthalle. Das klingt ja auch viel besser als die spröde Bezeichnung „Mehrzweckhalle“.
Der neueste Entwicklungsprozess dauerte über 10 Jahre
Für den notwendigen Erfolg einer solchen Mehrzweckhalle, auch das hatte sich in zahlreichen Diskussionen, Fachgesprächen und Untersuchungen heraus geschält, ist die Attraktivität des Standorts ein massgeblicher Faktor. So kam es zur Entscheidung des Gemeinderats – wieder beeinflusst von professionellen Kennern des Geschäfts - für Klein Venedig, nicht zuletzt durch den ebenfalls fachmännischen Nachweis, dass das zu erwartende Verkehrsaufkommen zu bewältigen sei. Der konzeptionelle Entwicklungsprozess zog sich über mehr als 10 Jahre hin. Und jetzt kommen Schäfer & Co. erneut mit der angeblich viel billigeren, reinen Konzerthalle. Selbst Philharmonie-Intendant Florian Riem hätte „nichts dagegen“. Riem, der erst ein paar Jährchen in Konstanz ist, kennt ja auch die vorangegangenen Diskussionen nicht. Doktor Schäfer allerdings schon.
Die Stadtverwaltung mit der finanzpolitischen Warnung
Ähnlich gespenstisch mutet an, was die Stadtverwaltung im Vorfeld der ersten Tagung des gemeinderätlichen Finanzausschusses verbreiten liess. Es geht um die grosse Warnung vor der sich abzeichnenden, sich rapide verschlechternden Finanzlage der Stadt. Dabei war es die gleiche Stadtverwaltung, deren Spitze bis zum Bürgerentscheid am 21. März nicht müde wurde zu verkünden, dass sich die Stadt sehr wohl ein Kongress- und Konzerthaus leisten könne, dazu eine grundlegende Sanierung des Geländes Klein Venedig und einen von Land, Bund und Eisenbahn mitfinanzierten Tunnel für den Verkehr.
Inhalt des Schreibens war vor dem Bürgerentscheid bekannt
Die Stadtverwaltung beruft sich in ihrer Warnung („Alles kommt auf den Prüfstand!“) auf den jüngsten Bescheid des Regierungspräsidiums, in dem angesichts der angemeldeten Investitionsvorhaben vor einem rasanten Anstieg der Schulden in den kommenden Jahren gewarnt wird. Das Schreiben aus Freiburg trägt das Datum vom 24. März 2010, ist also drei Tage nach dem Bürgerentscheid verfasst worden. Der Inhalt war etlichen Gemeinderäten schon über eine Woche zuvor bekannt, auch der SPD-Fraktion. Sie hielt sich mit Informationen zurück, um „ein vergiftetes Klima nicht weiter zu vergiften“, wie es ein Vorstandsmitglied formulierte. Als „sehr naheliegend“ findet man es in Gemeinderatskreisen, dass auch die Spitze der Stadtverwaltung, zumindest Oberbürgermeister Horst Frank, über den Inhalt des Schreibens vor dem Bürgerentscheid informiert war.
Etliche führen sich durch den Blauen Brief bestätigt
Eine frühere Warnung aus Freiburg hätte den Bürgerentscheid aus Sicht der Verwaltungsspitze, wie sich nach dem blamablen Abstimmungsergebnis prompt zeigte, zu negativ beeinflusst. Also wurde die Information der kommunalen Aufsichtsbehörde „wohl hinausgezögert“. Immerhin kann sich nun die SPD-Fraktion, die im Übrigen vorerst bei ihrem Nein bleiben will, bestätigt fühlen. Sie und andere Nein-Sager, die den Bau eines Konzert- und Kongresszentrums ausdrücklich mit dem Hinweis auf die finanzpolitische Verantwortung ablehnten, können sich durch den Blauen Brief aus Freiburg rundum bestätigt fühlen.
Plötzlich muss energisch gespart werden
Gespenstisch aber bleibt, dass der Oberbürgermeister Forderungen der SPD kategorisch zurück weist, Klein Venedig endlich und trotz der grossen Ablehnung herrichten zu lassen. Jetzt müsse energisch gespart werden, lautet die Kunde von ganz oben, und es ist die gleiche Stimme, die noch vor kurzem mindestens ebenso entschieden die Zustimmung für die 80-Millionen-Investition forderte, für ein Konzert- und Kongresshaus, für eine umfangreiche Geländesanierung, für ein Hotel mit Parkhaus und einen Tunnel. Schliesslich habe die Stadt dafür bereits 14 Millionen zurück gelegt. Ein Teil der Investition sollte zwar von privater Seite beigesteuert werden. Doch in diesem Bereich waren bereits vor dem Bürgerentscheid die einen oder anderen Gespenster aufgetaucht. Bild: FS|TMW







Danke Erich Gropper.
Mich hat’s ja den Stuhl vom Hintern gezogen, als ich am 12. April die Pressemitteilung der Stadt gelesen habe. Doch die “große Süddeutsche Tageszeitung SK-Konstanz” schweigt noch immer dazu! Die Pessemitteilung der Verwaltung muss zumindest auszugsweise allen Dornroeschen-Lesern hier noch mal im Orginal bekannt gegeben werden. Die komplette Mitteilung unter: http://www.konstanz.de/rathaus/medienportal/mitteilungen/01356/index.html
“Mit den geplanten Kreditaufnahmen würde der derzeitige Schuldenstand von zirka 29,6 Millionen auf etwa 73,6 Millionen Euro in 2013 anwachsen. Innerhalb von drei Jahren würde sich damit der Schuldenstand um das 2,5-fache erhöhen. Während die für das Haushaltsjahr 2010 geplanten Kredite noch vertretbar erscheinen, hat das Regierungspräsidium Freiburg erhebliche Bedenken hinsichtlich der im Rahmen der Finanzplanung vorgesehenen Kreditfinanzierung. Nach den zurzeit bekannten Finanzdaten kann mit einer Genehmigung der Neuverschuldung in der geplanten Größenordnung nicht gerechnet werden.”
Und jetzt das Beste……!!!(GJM)
Das Schreiben des Regierungspräsidiums bestätigt die Mahnungen des Oberbürgermeisters und der Kämmerei zur Entwicklung der städtischen Finanzen.
Beide haben bereits mehrfach im Haupt- und Finanzausschuss und im Gemeinderat deutlich darauf hingewiesen, dass die Stadt vor dem Hintergrund dieser Entwicklung ihr Investitionsprogramm kritisch überprüfen und Schwerpunkte setzen muss. Auch hat die Verwaltung in der Vergangenheit wiederholt Vorschläge unterbreitet, wie die Ertragskraft des Verwaltungshaushaltes und damit der Handlungsspielraum der Stadt verbessert werden kann.
Zuletzt hatte die Verwaltung bei der Diskussion um die Haushaltsausgabereste im HFA am 9. März 2010 Vorschläge für Einsparungen unterbreitet, denen der Rat in Teilen jedoch nicht gefolgt ist. Insofern sei der jüngst von der SPD formulierte Sparappell widersprüchlich: „Auf der einen Seite sparen wollen, aber auf der anderen Seite Geld ausgeben, das passt nicht zusammen”, kommentiert Oberbürgermeister Horst Frank die Pressemeldung der SPD Konstanz vom 11. April 2010.” - Zitat Ende.
Mein Kommentar dazu: Ein Schurkenstück, verlogener geht es kaum.
Die zitierte Nachricht der SPD-Fraktion gibt es hier: http://bit.ly/cOWTWp. Die Frage der Haushaltsreste habe ich schon einmal kommentiert: http://www.bit.ly/doSnS9