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16. Februar 2017 | Zum Ausbau am "Brückenkopf Nord" Blick nach Venedig

Piazzale Roma?

Konstanz (gro) Der geplante Ausbau am Brückenkopf Nord soll ein Befreiungsschlag werden. Dort, am unteren, nordöstlichen Ende der Schänzlebrücke an der äusseren Reichenaustrasse, soll auf 35.000 Quadratmetern ein möglichst ansehnlicher Teil des motorisierten Verkehrs in Richtung Konstanz aufgehalten werden, damit das historische Zentrum der Stadt endlich nicht mehr von den regelmässig hereinbrechenden Blechlawinen immer wieder überflutet und verstopft wird. Das zeigt, dass man bei der Stadtverwaltung nur sehr bedingt an den Sinn des so genannten „Verkehrs-Konzepts C“ glaubt, mit dem die Konstanzer Altstadt vom Würgegriff des Individualverkehrs verschont werden soll. Zum Glaubensabfall gesellt sich ein heimlicher Abschied: der Abschied vom so genannten Zentrenkonzept, dem sich der Gemeinderat in den 80-er Jahren verschrieb, um einer Verelendung der städtischen Mitte vorzubeugen, die die Verlagerung urbaner Geschäftstätigkeit auf die „Grüne Wiese“ mit sich bringt.

Kein echter Verkehrsknotenpunkt

Niemand bei der Stadtverwaltung, das darf fraglos angenommen werden, wünscht sich eine Verelendung der Innenstadt. Andererseits ist es tatsächlich gefährlich, ausgerechnet unterhalb des nordöstlichen Endes der Schänzlebrücke ein neues urbanes Geschäftszentrum mit einem hochleistungsfähigen Verkehrsknotenpunkt („Mobildrehpunkt“) plazieren zu wollen. Seit Jahrzehnten wird ein solcher Punkt von den Planern der Stadtverwaltung entweder am Bahnhofplatz oder am Sternenplatz verortet. Diese Standpunkte sind von externen Planern regelmässig übernommen worden. Kein Wunder: Sowohl am Bahnhofplatz als auch am Sternenplatz begegnen und/oder kreuzen sich die allermeisten Verbindungslinien des öffentlichen Verkehrs (lokale und regionale, am Bahnhofplatz auch schweizerische Buslinien, Seelinien verschiedener Art, dazu Züge aller Art). Ein „Brückenkopf Nord“ kann da nicht annähernd mithalten. Von der Stadtverwaltung wird das anders, und damit falsch dargestellt. Für Investoren attraktiv würde das Areal am Brückenkopf allenfalls durch die Möglichkeit, dort halbwegs komfortable Wohnungen und einigermassen grossflächige Einkaufszentren zuzulassen.

Von Venedig verführt?

Uli Burchardt, der Oberbürgermeister von Konstanz, der - auch angesichts der Tatsache, dass Konstanz im europäischen Süden mit Lodi eine bedeutsame Partnerstadt hat – zumindest nebenher mehr und mehr ins Italienische vordringt, könnte sich, so wird vermutet, vor einiger Zeit über die Lombardei hinaus bis nach Venedig gewagt haben. Mit dem Auto womöglich. Und dann wäre er nach der Abfahrt vom Festland, von Mestre aus, über die fast vier Kilometer lange „Brücke der Freiheit“ (des „Ponte della Libertà“) direkt auf dem piazzale Roma gelandet: ein Parkhaus links, eines geradeaus und rechts eines mit 1500 Stellplätzen. Ein Parkhaus mit 1500 Autoabstellplätzen soll auch am Konstanzer „Brückenkopf Nord“ gebaut werden, auch eine Schiffsanlegestelle ist vorgesehen. Und die Firma Doppelmayr, die in Konstanz eine Seilbahn bauen möchte, hat den Piazzale Roma mit einer Cable-Car-Anlage bestückt, die den Platz mit der 800 Meter entfernten Station für Schiffspassagiere auf der Nachbarinsel Tronchetto verbindet.

Es wird nicht funktionieren

Die von der Konstanzer Stadtverwaltung hoffnungsvoll in Aussicht gestellte Drehscheibe am nordöstlichen Ende der mittlerweile über 36 Jahre alten, „Neuen Rheinbrücke“, die unter anderem für eine weit über 50 Jahre andauernde Diskussion zur unbefriedigenden Verkehrssituation in Konstanz steht, ist ein Schimmer am Horizont, mehr nicht. Es gab schon wesentlich bessere Lösungsvorschläge, zum Beispiel die Entwürfe für einen gemeinsamen Zentralbahnhof (mit der deutschen und schweizerischen Bahn) im so genannten Gleisdreieck nahe Klein Venedig. Hinzu kamen attraktive städtebauliche Vorschläge für die gemeinsame, grenzüberschreitende Entwicklung einer „Stadt am See“. Die neueste Geschichte mit dem Ausbau des „Brückenkopfs Nord“ wirkt dagegen dürftig. Denn Konstanz ist nicht Venedig. Wirklich nicht. Schon deswegen nicht, weil am piazzale Roma den ganzen Tag bis spät in die Nacht alle 10 Minuten Wasserbusse anlegen und abfahren, sowohl ein Vaporetto der zentralen Linie 1 als auch eines der beschleunigten Linie 2. Der Hauptbahnhof Santa Lucia mit einem Bündel an Weiterverbindungen ist nur Minuten entfernt und auf verschiedene Art und Weise, auch mit Wassertaxis, zu erreichen.

Fazit: Der Gemeinderat sollte, bevor er weiter planen lässt, erst mal einen Ausflug nach Venedig machen. Da wäre dann am piazzale Roma auch die neueste Brücke über den Canal Grande zu besichtigen: ein kühn geschwungener, grosszügiger Überweg aus Glas und Stahl für Fussgänger, den der spanisch-schweizerische Künstler und Stararchitekt Santiago Calatrava, 65, entworfen hat. Vielleicht ist Calatrava bereit, auch mal für Konstanz - was auch immer - zu designen.

Bild: Frieder Schindele




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Ein Kommentar

  1. 1. Bruno Neidhart

    Weder am Konstanzer Bahnhof, noch am Sternenplatz ist genügend Raum vorhanden, um eine wirkliche “Verkehrsdrehscheibe” - inklusive einem Überland-Busterminal -, zu installieren. Dass nach der (leider wohl kommenden!) Bebauung des Döbeleareals der Busterminal am Schänzle-Brückenkopf Nord angesiedelt werden könnte, wo sich dann auch ein Grossparkhaus befinden würde, wäre eine passable Lösung angesichts der Tatsache, dass es dazu nicht viele Möglichkeiten gibt. Dieser Punkt ist auch mit den städtischen Bussen gut von allen Seiten zu erreichen. Und von diesem Punkt aus kann auch die Innenstadt mit Bussen rasch angefahren werden, wie es bereits heute vom P&R-Platz aus geschieht. Dazu kommt wohl bald die Gelegenheit, auch auf dem Wasser die Altstadt zu erreichen, wenn mal der Schiffssteg am nahen Bodenseeforum gebaut ist. Die Vorstellung, es könnte ähnlich zugehen wir in Venedig ist allerdings kaum gegeben, obwohl es dort (nach eigener Erfahrung) gut läuft. Um einen ähnlichen Taktfahrplan kreieren zu können, müssten in Konstanz mindesten zwei Schiffe regelmässig unterwegs sein. Bis tief in die Nacht. Und das ist u.a. sehr personal- (und kosten-) intensiv.

    Ein Gemeinschaftsbahnhof im Gleisdreieck ist ein fantastisches Luftschloss, auch wenn es sich interessant anhört, denn der Konstanzer Bahnhof wird wohl demnächst “ertüchtigt”, wie man lesen konnte. Und der Bahnhof Kreuzlingen-Hafen ist es schon (mit einer Rampenunterführung, die Konstanz anscheinend einfach nicht schafft!) Und die vor Jahren europaweit durchgeführte Planung auf Klein Venedig ist schubladisiert abgetaucht. Daran wagt sich derzeit weder die Schweiz, noch Deutschland. Dazu fehlt einfach, neben einem gemeinsamen Willen, schlichtwegs das Geld. Und Calatravas Ergüsse sind auch nicht immer das Gelbe vom Ei. Die Schaudt’sche Konstanzer Fahrrad und Fussgängerbrücke ist mit ihrem schönen Schwung durchaus modern, ansprechend und beliebt. So bleibt denn noch “Doppelmayr”: Für eine Seilbahn ist Konstanz zu klein. Wenn es die (kleine) Stadt nicht schafft, ihre erkennbaren Verkehrsprobleme zu lösen, so liegt es entweder an der Verwaltung, oder an den eingesetzten (internen und externen) Planern, die für eine verbesserte Lösung zu sorgen haben. Man kann nicht alles auf das “Lago” schieben. Wäre diese “Institution” ausserhalb der Stadt angesiedelt, würde sie genau so kritisiert. Mit der jetzigen Lage schafft sie immerhin gegen eine Verödung des Stadtzentrums, ohne die grossen Probleme zu negieren, die bekanntlich damit verbunden sind. Die allgemeine Verlagerung von Einkaufszentren an die Stadtperipherie ist für viele Städte zum Abgesang geworden.

    Konstanz hat fünf veritable, innerstädtische Parkhäuser. Diese sind zu füllen, damit die Stadt “läuft”. Womöglich sind an Spitzentagen nun allerdings derart viele Fahrzeuge innerhalb der Kernstadt unterwegs, die eigentlich 7, 8 oder 9 Parkhäuser benötigen würden. Diese “fiktiven Parkhäuser” füllen nun tatsächlich die Strassen und provozieren die enormen Staus. Das heisst: rund um die Stadt sollten diese 7-8-9 “aufgefangen”, und die Insassen mit den ÖPNV-Diensten weiter transportiert werden. Dazu brächte es akzeptable Angebote. Das Angebot am Brückenkopf Nord ist entsprechend auszubauen. Das wäre schon mal ein ziemlicher Tropfen. Ein weiterer wäre vielleicht die “automobile Ableitung” aus dem Lago-Parkhaus direkt über die Schweizer Grenze (Wiesenstrasse). Und nicht zuletzt sollte eine zweite Abwicklungsspur am Zoll eröffnet werde. Gleichzeitig wären die Parkplätze auf CH-Seite zu vergrössern, wo heute geparkt wird, um sich die “Stempel” zu erhaschen. Das mit dem Stempeln am Zoll ist auch so ein Ding, das mal geändert werden müsste!

    Zusammen mit einer allgemeinen Verbesserung bei den Buslinien (Bus-Spuren, Anzeigetafeln, usw.), der Verstärkung des Fahrradverkehrs und weiterer sinnvoller Massnahmen dürfte letztlich eine “Beruhigung in der Stadt” eintreten - selbst an Spitzentagen. Auch ist darauf zu verweisen, dass in Wigoltingen/Thurgau bald das grösste Outlet-Center der Schweiz nahe der Autobahn A7 entstehen, und in Singen in Bahnhofsnähe das “Cano” - analog Lago - entstehen soll. Das könnte durchaus eine gewissen Verkehrsverlagerung implizieren. Es sei denn, viele Schweizer hüpfen nach Wigoltingen noch rasch nach dem schönen, attraktiven, mittelalterlichen Konstanz. Das wäre dann der endgültige Supergau und würde wohl alle Anstrengungen der Stadt relativieren. Vielleicht ist überhaupt alles “realtiv”!

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